Mit mehr als 3,39 Grad über dem Durchschnitt übertrifft der aktuelle Wert in der Niño-3.4-Region den Referenzzeitraum von 1991 bis 2020 massiv, während die Wassertemperaturen im zentralen und östlichen Pazifik in der sogenannten Niño-3.4-Region erstmals die Marke von 30 Grad überschritten haben.
Im tropischen Pazifik hat sich das Meerwasser auf nie dagewesene Werte aufgeheizt. Nach Daten der Plattform Climate Reanalyzer der University of Maine lag die durchschnittliche Meeresoberflächentemperatur in der maßgeblichen Niño-3.4-Region am 5. Oktober bei über 30 Grad. Damit übertrifft der aktuelle Wert den Durchschnitt des Referenzzeitraums von 1991 bis 2020 um 3,39 Grad. Die Temperaturkurve stieg in den vergangenen Wochen fast kontinuierlich an und lässt frühere Rekordjahre deutlich hinter sich. Im Gesamtdurchschnitt aller Ozeane lagen die Oberflächen-Temperaturen zuletzt bei 21,08 Grad, wie Daten des Climate Reanalyzer ebenfalls zeigen. Dabei werden die Polarregionen ausgeklammert, da sich die Werte auf die Regionen zwischen dem 60. südlichen und dem 60. nördlichen Breitengrad beziehen. Die Weltwetterorganisation WMO merkt an, dass Aufzeichnungen hierzu im Jahr 1950 begonnen haben.
Helge Gößling und Celeste Saulo warnen vor historischer Stärke
In der wissenschaftlichen Gemeinschaft wächst die Besorgnis über die enorme Wucht des Phänomens. Laut dem Klimaphysiker Helge Gößling vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven gab es solche Temperaturen weder seit Beginn der Aufzeichnungen noch in der langen Zeit davor. Man könne mittlerweile klar von einem außergewöhnlichen
.Super
-Ereignis sprechen
Zum Vergleich: Selbst die starken El-Niños der Jahre 1997 und 2015 waren in dieser Region zu diesem Zeitpunkt mehr als ein ganzes Grad kühler. Die Weltwetterorganisation (WMO) stützt diese Einschätzung und sieht den Höhepunkt des Wetterphänomens erst im Dezember bevorstehen.

„El Niño ist angekommen und gewinnt rasch an Stärke.“
Celeste Saulo, WMO-Chefin
Dass sich das Phänomen derart dynamisch entfaltet, liegt auch an der allgemeinen Erwärmung der Ozeane. Gößling wies darauf hin, dass der Ozean, aus dem El Niño seine Wärme beziehe, der wärmste sei, der jemals gemessen wurde.
Entsprechend stehe schlicht mehr Wärme zur Freisetzung zur Verfügung. Gößling ergänzte zudem, dass das Jahr 2027 im Jahresmittel einen noch höheren Allzeitrekord seit Beginn der Messungen aufstellen könnte, ähnlich wie es 1998 und 2016 jeweils auf die starken El Niños von 1997 und 2015 folgte.
Weltweite Folgen für die Landwirtschaft
Die Verschiebung globaler Luftströmungen durch das Rekord-Ereignis bedroht laut WMO und unabhängigen Experten weltweit die Ernten und begünstigt extreme Wetterlagen. Auch im östlichen und zentralen Pazifik steigt das Risiko für Hurrikane.

Gleichzeitig treibt das Klimaphänomen mit einigen Monaten Verzögerung die weltweite Durchschnittstemperatur nach oben. Fachleute rechnen damit, dass das Jahr 2027 dadurch das Potenzial hat, das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen zu werden.
Unicef schlägt Alarm für Millionen Kinder
Die humanitären Konsequenzen treffen besonders verletzliche Regionen hart. Das Kinderhilfswerk UNICEF warnt, dass zwischen Oktober und Dezember mehr als 347 Millionen Kinder in fast 100 Ländern und Gebieten in Regionen leben, die von extremer Trockenheit oder heftigen Regenfällen betroffen sind. Davon entfallen allein rund 190 Millionen Kinder auf den asiatischen und pazifischen Raum sowie jeweils rund 41 Millionen auf Ost- und Südafrika sowie Lateinamerika und die Karibik. Weltweit leben nach Angaben von UNICEF bereits rund 1,1 Milliarden Kinder mit mindestens drei sich überschneidenden Klimigefahren wie Dürren, extremer Hitze oder Überschwemmungen.
„Mit über 347 Millionen Kindern, die in Risikogebieten leben, müssen wir jetzt handeln, um die Gemeinschaften zu schützen
Russell, UNICEF
In Ländern wie Simbabwe sitzt der Schock nach vorherigen Dürreperioden tief. Die Simbabwe-Länderchefin der NGO CARE, Delilah Takawira, warnt vor den drohenden Ernteausfällen und fordert den Umstieg auf klimaresilientere Anbaumethoden und Diversität im Beet, da Simbabwe zu jenen Ländern zählt, die besonders stark vom sich anbahnenden Klimaphänomen betroffen sind und wo statt der normalen Regenzeit noch weniger Regen als sonst prognostiziert wird.

Reisemediziner raten Fernreisenden zu Vorsorge
Nicht nur die lokale Bevölkerung, auch Urlauber spüren die Auswirkungen. Die Deutsche Fachgesellschaft für Reisemedizin (DFR) warnt vor erhöhten Gesundheitsrisiken in den Tropen und Subtropen. DFR-Präsident Tomas Jelinek rät Reisenden, die Prognosen spezifisch für die eigene Reiseroute aufmerksam zu verfolgen und entsprechend zu planen
. In Regionen mit schwacher Infrastruktur drohen nach Starkregen vermehrt Ausbrüche von Cholera und anderen wasserübertragenen Infektionen. Markus Frühwein, Vizepräsident der DFR, merkt hierzu an:
„Für Reisende ist das Risiko für Cholera-Infektionen im Allgemeinen gering. Je nach Reiseregion und Situation vor Ort sollten Reisende jedoch vermehrt auf Wasser- und Lebensmittelhygiene achten.“
Dr. med. Markus Frühwein, DFR
WMO beziffert die Wahrscheinlichkeit
Die Weltwetterorganisation beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass das historische Wetterphänomen mindestens bis Februar 2027 anhält, auf nahezu 100 Prozent. Celeste Saulo erklärte dazu, dass dieses Ereignis damit zu den stärksten seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1950 zählen könnte.
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