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Unternehmen

Offshore-Verträge: Die späte Reue der Ölmultis macht die Energiewende in der Nordsee zum Fiasko

Die Ölkonzerne BP und TotalEnergies wanken in ihren deutschen Offshore-Windprojekten, nachdem sie 2023 über zwölf Milliarden Euro für Flächen in Nord- und Ostsee investiert hatten. Netzverzögerungen, steigende Kosten und Marktschwankungen lassen die Unternehmen nun über einen Ausstieg nachdenken, während das deutsche Recht eine einfache Rückgabe der Konzessionen derzeit verbietet.

Es war ein Moment des Triumphs für das marktwirtschaftliche Modell der Energiewende. Im Juli 2023 schien die Welt des grünen Stroms greifbar, als zwei fossile Giganten mit einer Aggressivität in die Auktionen für Windparkflächen eingestiegen waren, die die Branche schockierte. Wie Klimareporter berichtete, boten BP und TotalEnergies zusammen mehr als zwölf Milliarden Euro, um sich weite Teile der Nord- und Ostsee zu sichern.

Besonders riskant war die Strategie der sogenannten Null-Cent-Gebote. Die Konzerne verzichteten bewusst auf die staatliche EEG-Vergütung. Ihr Plan: Den Strom vollständig am freien Markt verkaufen. Es war eine Wette auf die Zukunft, getrieben von einer fossilen Müdigkeit, die bereits um 2020 eingesetzt hatte, als europäische Ölmultis begannen, ihre Strategien radikal in Richtung Erneuerbare zu verschieben.

Heute, im Mai 2026, sieht die Rechnung anders aus. Die Euphorie ist einer düsteren Stimmung gewichen.

Das Milliarden-Wetten von 2023 und die strategische Reue

Aus der Sicht der Konzerne war Offshore-Windkraft ideal: Hohe Investitionssummen, serielle Umsetzung und ein berechenbarerer Wind als an Land. Zudem gab es auf hoher See weniger Widerstand durch Bürgerinitiativen. Doch die FAZ beschreibt die aktuelle Lage als eine Art Fehlkalkulation, bei der BP Milliarden für Baurechte ausgab, die nun finanziell kaum noch tragbar erscheinen.

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich seit den Geboten massiv verschlechtert. Steigende Zinsen und explodierende Baukosten haben die Kalkulationen der Ölmultis untergraben. Gleichzeitig bewegt sich die Elektrifizierung der Industrie langsamer voran als noch vor wenigen Jahren prognostiziert wurde. Damit sinkt die potenzielle Nachfrage nach dem Strom, den die Konzerne nun ohne staatliche Absicherung am freien Markt verkaufen müssen.

Netzengpässe und die Tennet-Kontroverse

Ein zentraler Streitpunkt ist die Infrastruktur. Windparks sind wertlos, wenn der Strom nicht ans Festland gelangt. TotalEnergies und BP sehen in den Verzögerungen beim Netzanschluss ein kritisches Risiko. Laut Berichten von FOCUS online führt insbesondere die Unsicherheit über die Zeitpläne der Übertragungsnetzbetreiber zu dem Wunsch, aus den Projekten auszusteigen.

Netzengpässe und die Tennet-Kontroverse
cluster (priority): klimareporter°

Der Netzbetreiber Tennet weist diese Darstellung jedoch zurück. Das Unternehmen betont, dass der Netzausbau die Projekte nicht ausbremse. Im Gegenteil: Es sei sogar denkbar, dass einige Anschlüsse bereits fertiggestellt sind, bevor die Windparks selbst einsatzbereit sind.

Diese Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung der Investoren und der Darstellung des Netzbetreibers offenbart ein tiefes Misstrauen innerhalb der Lieferkette der Energiewende.

Die rechtliche Falle des Windenergie-auf-See-Gesetzes

Die Unternehmen befinden sich nun in einer paradoxen Situation: Sie wollen Flächen loswerden, dürfen dies aber rechtlich nicht einfach tun. Das deutsche System ist auf langfristige Verbindlichkeit ausgelegt. Gemäß dem Windenergie-auf-See-Gesetz können Zuschläge für Offshore-Flächen nicht willkürlich zurückgegeben werden.

Die rechtliche Falle des Windenergie-auf-See-Gesetzes
cluster (priority): WirtschaftsWoche

Wer Fristen versäumt, riskiert den Widerruf der Projekte durch die Bundesnetzagentur, was wiederum empfindliche Vertragsstrafen nach sich ziehen kann. Die Konzerne sitzen somit auf milliardenschweren Verpflichtungen, die sie weder profitabel umsetzen noch legal abstoßen können.

Der Bundesverband Windenergie Offshore (BWO) hat deshalb erstmals eine neue Regelung gefordert. Das Ziel ist eine Möglichkeit zur freiwilligen Rückgabe von Flächen, damit diese schneller neu ausgeschrieben werden können – möglicherweise bereits ab 2027.

Budgetlöcher statt Meeresschutz

Die Krise wirft auch ein Schlaglicht auf das politische Management der Auktionserlöse. Ursprünglich sollte ein Teil der 12,6 Milliarden Euro in den Meeresnaturschutz und die Förderung umweltschonender Fischerei fließen. Die ursprüngliche Planung sah vor, dass jeweils fünf Prozent der Summe für diese Zwecke reserviert werden, was insgesamt über eine Milliarde Euro bedeutet hätte.

Budgetlöcher statt Meeresschutz
cluster (priority): FOCUS online

Die Realität sah jedoch anders aus. Wie Klimareporter darlegt, nutzte die Ampel-Regierung den Großteil dieser Gelder, um Lücken im Bundeshaushalt zu stopfen. Für den Meeresnaturschutz blieben lediglich 420 Millionen Euro übrig, während für die Fischerei nur etwas mehr als 100 Millionen Euro bereitgestellt wurden.

Damit wurde ein ökologisches Versprechen zugunsten kurzfristiger fiskalischer Stabilität geopfert, während die industriellen Pfeiler der Strategie nun zu wanken beginnen.

Die aktuelle Situation in der Nordsee ist mehr als nur ein unternehmerisches Scheitern von BP und TotalEnergies. Sie ist ein Warnsignal für das gesamte Modell der Null-Cent-Gebote. Wenn die Marktmechanismen allein die Expansion der Erneuerbaren tragen sollen, müssen die Rahmenbedingungen – insbesondere die Netzanbindung und die Kostenstabilität – absolut verlässlich sein.

Sollte die Forderung des BWO nach einer flexibleren Rückgabe der Flächen nicht erfüllt werden, droht eine Blockade wertvoller Energieflächen durch Unternehmen, die kein Interesse mehr an ihrer Entwicklung haben. Die Energiewende in der Nordsee steht damit vor einer Zerreißprobe zwischen rechtlicher Starrheit und ökonomischer Realität.

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David Falk

Über den Autor

David Falk verantwortet das Wirtschafts- und Unternehmensressort von Germanic Nachrichten. Er berichtet ueber Maerkte, Mittelstand, Innovation und strategische Entwicklungen in deutschen und internationalen Unternehmen.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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