Die Phase-III-Studie ORATORIO-HAND belegt, dass der Wirkstoff Ocrelizumab das Risiko einer Behinderungsprogression bei primär progredienter Multipler Sklerose (PPMS) um 30 Prozent senkt. Die Ergebnisse, die unter der Leitung der Queen Mary University of London standen, zeigen insbesondere bei der Erhaltung der Handfunktion und der Mobilität signifikante Vorteile für schwer betroffene Patienten.
Multiple Sklerose (MS) bleibt eine der unberechenbarsten Herausforderungen der Neurologie. In Deutschland leben mittlerweile zwischen 270.000 und über 280.000 Menschen mit dieser Diagnose, wobei jährlich etwa 15.000 Neuerkrankungen hinzukommen. Während die schubförmigen Verläufe oft gut auf Therapien ansprechen, galt die primär progrediente Form (PPMS), die etwa fünf Prozent der Betroffenen betrifft, lange Zeit als therapeutisches Desiderat.
Ocrelizumab: Neue Daten zur Mobilität und Handfunktion
cluster (priority): Universitätsklinikum Tübingen
Die therapeutischen Optionen für PPMS waren bislang stark limitiert. Ocrelizumab ist derzeit das einzige zugelassene Medikament für diese spezifische Indikation. Während die ursprüngliche Zulassungsstudie ORATORIO bereits eine Senkung des Progressionsrisikos aufzeigte, gab es Kritik an der Patientenauswahl: Ältere Menschen über 55 Jahre und Personen mit schweren Behinderungen waren weitgehend ausgeschlossen.
Die nun vorliegende Phase-IIIb-Studie ORATORIO-HAND korrigiert diese Lücke. An der Untersuchung nahmen 1.013 Betroffene aus 22 Ländern teil, darunter ein signifikanter Anteil an Personen, die bereits auf einen Rollstuhl angewiesen waren oder einen EDSS-Wert (Expanded Disability Status Scale) zwischen 3,0 und 8,0 aufwiesen.
Die Daten zeichnen ein differenziertes Bild der Wirksamkeit:
Allgemeine Progression: Das Risiko einer Behinderungsprogression sank im Vergleich zu Placebo um 30 Prozent.
Obere Extremitäten: Die Verschlechterung der Hand- und Armfunktion wurde bereits nach zwölf Wochen um 41 Prozent reduziert.
Mobilität: Das Risiko, auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein, sank laut AD HOC NEWS um 52 Prozent.
MRT-Aktivität: Bei Patienten mit entzündlicher Aktivität in der Bildgebung stieg die Progressionsreduktion sogar auf 55 Prozent.
Besonders relevant ist die Integration des 9-Hole Peg Tests (9HPT). Da die klassische EDSS-Skala primär die Gehfähigkeit bewertet, liefert der 9HPT die notwendige Präzision für die Feinmotorik. Dennoch bleibt die Lage regulatorisch volatil: Die US-Arzneimittelbehörde FDA unterzieht die Zulassung von Ocrelizumab bei PPMS derzeit einer Überprüfung, wobei genau die Kritikpunkte an der ursprünglichen Zulassungsstudie im Fokus stehen.
CAR-T-Zelltherapie: Der Versuch eines immunologischen Resets
#31 – Immuntherapie: OCRELIZUMAB ("Ocrevus") bei PPMS und aktiver schubförmiger MS (RMS)
Während Antikörper wie Ocrelizumab die Krankheit verlangsamen, sucht die Forschung nach Wegen, den Krankheitsverlauf grundlegend zu beeinflussen. Ein hochmoderner Ansatz ist die CAR-T-Zelltherapie, die ursprünglich aus der Onkologie stammt. Hierbei werden körpereigene Immunzellen entnommen, außerhalb des Körpers genetisch modifiziert und nach etwa zwölf Tagen wieder infundiert.
Am Universitätsklinikum Tübingen wurde dieser Ansatz im Rahmen individueller Heilversuche bei Patienten erprobt, für die keine leitliniengerechten Optionen mehr existierten. Einer der Patienten, Stefan Tenoth, litt unter einer schwelenden Entzündung in der Halswirbelsäule und drohte, die motorische Funktion seines rechten Arms zu verlieren.
„Patienten und Patientinnen, die keine zugelassenen, leitlinien-gerechten Therapieoptionen mehr haben, einen innovativen Behandlungsversuch anbieten zu können.“
PD Dr. Antje Giede-Jeppe, Oberärztin am Universitätsklinikum Tübingen
Bisher wurden in Tübingen vier MS-Patienten so behandelt. Die Ergebnisse sind kurzfristig vielversprechend: Bei allen behandelten Personen schritt die Krankheit im beobachteten Zeitraum nicht weiter voran, und es traten keine nicht beherrschbaren Nebenwirkungen auf. Aufgrund der hohen Nachfrage und einer bestehenden Warteliste soll nun eine Phase 1/2 Studie starten, um die Behandlungsoption zu validieren.
Neuroprotektion und die Rolle der Frühdiagnose
cluster (priority): T-Online
Ein weiterer strategischer Pfeiler der modernen MS-Therapie ist die Neuroprotektion – also der Schutz der Nervenzellen vor dem Untergang, anstatt nur die Entzündung zu hemmen. Im Zentrum steht hier der Wirkstoffkandidat Vidofludimus Calcium (IMU-838).
Daten der Phase-2-Studie CALLIPER, die auf der CMSC-Konferenz in Charlotte präsentiert wurden, deuten auf neuroprotektive Effekte hin. Bei 467 Teilnehmern blieb die Nebenwirkungsrate über einen Zeitraum von 120 Wochen vergleichbar mit der Placebogruppe, wobei keine Verschlechterung depressiver Symptome beobachtet wurde. Dieser Ansatz könnte die Lücke schließen, wo reine B-Zell-Depletion an ihre Grenzen stößt.
Trotz dieser technologischen Sprünge bleibt die Zeit der entscheidende Faktor. Wie Prof. Dr. med. Volker Limmroth, Chefarzt der Neurologie der Kliniken der Stadt Köln, betont, ist eine konsequente Frühtherapie entscheidend. Eine präzise Diagnostik ermöglicht es heute, MS früher zu erkennen und gezielter zu behandeln, was die langfristige Lebensqualität massiv beeinflusst.
Die Herausforderung besteht darin, die Lücke zwischen der ersten Symptomatik und der Diagnose zu schließen. Im Fall von Stefan Tenoth vergingen zehn Jahre zwischen den ersten Anzeichen und der endgültigen Diagnose im Jahr 2001. Solche Verzögerungen können dazu führen, dass Patienten erst dann in das System gelangen, wenn bereits irreversible Schäden vorliegen, was den Einsatz von experimentellen Therapien wie den CAR-T-Zellen überhaupt erst notwendig macht.
Die aktuelle Entwicklung zeigt eine klare Tendenz: Weg von der Einheitsbehandlung, hin zu einer präzisionsmedizinischen Strategie, die je nach Verlaufsform – ob schubförmig oder progredient – zwischen Entzündungshemmung, Neuroprotektion und immunologischer Reprogrammierung unterscheidet.
Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bitte konsultieren Sie bei medizinischen Fragen stets Ihren behandelnden Arzt oder Neurologen.
Dr. Lena Hartmann leitet das Gesundheitsressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet seit ueber zehn Jahren ueber Praevention, Medizinpolitik und digitale Gesundheit und legt besonderen Wert auf verstaendliche, quellenbasierte Einordnung.
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