Es ist ein Chaos, das sich in Zeitlupe wiederholt. Während die Lufthansa eigentlich ihr hundertjähriges Bestehen und ein neues Besucherzentrum in Frankfurt feiern wollte, verwandeln Gewerkschaften die Festlichkeiten in eine Bühne für einen harten Arbeitskampf. Was als punktueller Ausstand begann, hat sich zu einer strategischen Zange entwickelt: Erst die Piloten, nun das Kabinenpersonal. Die Passagiere stehen im Regen, während sich die Fronten zwischen dem Management und den Arbeitnehmern in einer fast schon trotzigen Unbeugsamkeit verhärten.
Die Zange schließt sich: Piloten und Flugbegleiter im Takt
Die Logik dieses Streiks ist präzise und schmerzhaft. Die Vereinigung Cockpit (VC) hat bereits den ersten Schlag geführt. Von Montag bis Dienstag bleiben die Cockpits bei der Lufthansa, Lufthansa Cargo und City Line weitgehend leer. Eurowings-Piloten klinkten sich ebenfalls für den Montag aus. Das Ergebnis ist ein logistischer Albtraum in den großen Drehkreuzen. In Frankfurt allein fielen am Montag 570 Starts und Landungen aus – ein Großteil davon entfiel auf den Flagcarrier. Über 50.000 Menschen wurden dort allein durch Umbuchungen oder totale Ausfälle in die Warteschleife geschickt.
Doch die Piloten waren nur der Anfang. Die Gewerkschaft UFO hat nun das Kabinenpersonal mobilisiert. Für Mittwoch und Donnerstag legen die Flugbegleiter die Arbeit nieder. Diese zeitliche Staffelung sorgt dafür, dass die Lufthansa kaum Zeit hat, den Betrieb zu stabilisieren, bevor die nächste Welle einsetzt. Betroffen sind alle Abflüge aus Frankfurt und München sowie ein weites Netz von Cityline-Verbindungen, das von Hamburg über Berlin bis nach Stuttgart und Köln reicht.
Ein Kampf um die Existenzangst und Kündigungsfristen
Hinter den Zahlen der gestrichenen Flüge verbirgt sich ein tiefer Riss im Vertrauen. Harry Jaeger von der UFO-Gewerkschaft spricht von einer „Hardliner-Position“ der Arbeitgeber. Es geht nicht nur um Geld. Im Kern stehen die Arbeitsbedingungen und vor allem die Absicherung durch längere Kündigungsfristen. Die Flugbegleiter fühlen sich im aktuellen System zu verwundbar. Jaeger betont, dass die hohe Beteiligung am letzten Freitag gezeigt habe, dass sich die Kabine „nicht für dumm verkaufen lässt“.
Auf der anderen Seite steht ein Management, das den Preis der Stabilität gegen den Preis des Konflikts abwägt. Personalvorstand Michael Niggemann warnt davor, dass jeder Streik die Fluggesellschaft langfristig verkleinert. Die Kosten fressen Substanz. Doch Vorstandschef Carsten Spohr bleibt hart. In einem Gespräch mit der FAZ machte er deutlich, dass er nicht einknicken werde. Spohr nimmt lieber ein temporär reduziertes Angebot in Kauf, als die Kernmarke durch zu weitreichende Zugeständnisse dauerhaft zu schwächen.
Symbolik und politische Brisanz in Frankfurt
Das Timing könnte nicht provokanter sein. Während die Lufthansa ihr Jubiläum feiert und hochrangige Politiker wie Bundeskanzler Friedrich Merz und der hessische Ministerpräsident erwartet werden, plant die UFO eine Kundgebung direkt in Frankfurt. Diese bewusste Entscheidung macht den Arbeitskampf zu einem politischen Statement. Es ist ein direkter Angriff auf das Image der „nationalen Fluggesellschaft“ genau in dem Moment, in dem sie ihre Tradition und Zukunft präsentieren will.
Interessant ist die Differenzierung innerhalb des Konzerns. Während die Kernmarke Lufthansa und Cityline im Zentrum des Sturms stehen, bleiben Discover und City Airlines teilweise verschont. Auch bei Eurowings gibt es eine klare Trennung: Die deutsche Einheit streikt, während die europäische Schwestergesellschaft den Betrieb aufrechterhält. Diese Zerstückelung zeigt, wie komplex die Tarifstrukturen innerhalb des Konzerns sind und wo die Gewerkschaften ihre Hebel ansetzen.
Welche Flüge sind konkret betroffen?
Die Pilotenstreiks (VC) betrafen Lufthansa, City Line und Cargo bis Dienstagabend. Eurowings-Piloten streikten nur am Montag. Die Kabinencrew-Streiks (UFO) betreffen Mittwoch und Donnerstag alle Lufthansa-Abflüge aus Frankfurt und München sowie Cityline-Abflüge aus fast allen großen deutschen Städten, darunter Hamburg, Berlin, Köln und Düsseldorf.
Gibt es Ausnahmen bei den Flugstreichungen?
Ja, laut der Gewerkschaft VC bleiben Flüge in den Nahen Osten von den Pilotenstreiks unberührt. Zudem sind die Flüge von Eurowings Europe nicht vom Aufruf betroffen, lediglich die der deutschen Tochtergesellschaft.
Was könnte die langfristige Folge dieser Eskalation sein?
Sollten sich beide Seiten nicht auf einen neuen Manteltarifvertrag einigen, könnte die Lufthansa weitere Reputationsschäden und finanzielle Verluste erleiden. Die Hartnäckigkeit von Carsten Spohr deutet jedoch darauf hin, dass das Unternehmen bereit ist, kurzfristige Verluste zu akzeptieren, um seine strategische Linie bei den Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Dies könnte zu einer noch stärkeren Polarisierung zwischen Belegschaft und Management führen.