Wissenschaftler haben im bolivianischen Bergwald eine bisher unentdeckte Wildkatzenart identifiziert. Die nach dem lokalen Namen Leopardus tilcayo benannte Raubkatze gilt als die erste neu beschriebene lebende Katzenart seit mehr als einem Jahrhundert. Genetische Analysen von Tigerkatzen verändern zudem den gesamten Stammbaum der südamerikanischen Kleinkatzen.
Eine kleine, schwer fassbare Wildkatze aus den Nebelwäldern der bolivianischen Yungas sorgt in der internationalen Forschung für Aufsehen. Forscher haben die Art unter dem wissenschaftlichen Namen Leopardus tilcayo beschrieben. Nach Angaben des leitenden Autors Jonas Lescroart, einem Evolutionsökologen an der Universität Antwerpen in Belgien, handelt es sich um die erste lebende Katzenart, die seit über hundert Jahren neu entdeckt und benannt wurde.
Das Tier unterscheidet sich deutlich von bekannten Verwandten. Mit einer Körperlänge von etwa 46 Zentimetern (laut BBC und Discover Wildlife misst es rund 45 beziehungsweise 46 Zentimeter und wiegt etwa 1,3 bis 1,4 Kilogramm) ist die Tilcayo-Katze kleiner als eine durchschnittliche Hauskatze. Ihr Fell zeigt einen hellbraunen Grundton mit unregelmäßig geformten Rosetten, die der Tarnung im dichten, nebelverhangenen Lebensraum dienen.
Vom Findelkind im bolivianischen Hochland zur wissenschaftlichen Sensation
Die Entdeckungsgeschichte begann durch einen Zufall. Im Jahr 2017 übergab ein Anwohner aus der Region ein junges Tier an das Tierschutzzentrum Senda Verde. Der Mann hatte das vermeintliche Hauskatzenbaby an einer Straße nahe eines Waldes gefunden und zunächst mit Nudeln, Reis und Eiern gefüttert, bevor er bemerkte, dass es sich um ein wildes Tier handelte.
Die bolivianische Biologin und National Geographic Explorer Paola Nogales-Ascarrunz, Gründerin des bolivianischen Forschernetzwerks Programa de Investigación de Félidos Bolivia, wurde während ihrer Arbeit im Schutzgebiet auf den ungewöhnlichen Gast aufmerksam. I took a hundred pictures of it
, erinnert sie sich an ihre erste Begegnung mit dem Tier, das heute als zehnjähriger Kater mit dem Spitznamen „Tigrino“ im Schutzresort lebt (Yahoo News). Bei der Vorbereitung einer Informationsbroschüre fiel ihr auf, dass das Fellmuster des Katers deutlich größere Rosetten aufwies als vergleichbare Tiere aus Brasilien.
„So many basic things are not known,“
Paola Nogales-Ascarrunz, co-lead author of the new study
Genetische Analyse krempelt den Tigerkatzen-Stammbaum um
Um das Rätsel zu lösen, schloss sich Nogales-Ascarrunz mit einem internationalen Forscherteam zusammen. Die Wissenschaftler analysierten die vollständigen Genome von 38 Kleinraubtieren aus der Gattung Leopardus, darunter 26 Tigerkatzen sowie acht Museumsexemplare. Die im Fachmagazin Current Biology veröffentlichte Untersuchung gilt nach Angaben von Eduardo Eizirik, einem Naturschutzgenetiker an der Pontifícia Universidade Católica do Rio Grande do Sul in Brasilien, als die bisher umfassendste genetische Studie zu dieser Gruppe und schloss auch DNA aus den Guianas ein – dem Gebiet, in dem die ursprüngliche Tigerkatzengruppe L. tigrinus 1775 beschrieben worden war.
Bislang gingen Zoologen davon aus, dass es sich bei den südamerikanischen Tigerkatzen oder Oncillas überwiegend um eine einzige weit verbreitete Art handelt. Die neuen genetischen Daten belegen jedoch, dass der Komplex mindestens fünf verschiedene Arten umfasst. Die Entwicklung der Linien lässt sich demnach weit in die Vergangenheit zurückverfolgen. Laut den Forschern trennte sich die Linie der Tilcayo-Katze vor etwa 1,4 Millionen Jahren genetisch von anderen Tigerkatzen.
| Tigerkatzen-Gruppe | Verbreitung / Region | Kernmerkmale |
|---|---|---|
| Leopardus tilcayo | Bolivianische Yungas-Wälder | Erstmals als Art beschrieben; größere Rosetten |
| Leopardus pardinoides | Entlang der Anden | 2024 als eigene Art vorgeschlagen |
| Leopardus tigrinus | Nördliches Südamerika | Ursprünglich 1775 in Französisch-Guayana beschrieben |
| Leopardus guttulus | Südliches Südamerika | Getrennt im Zuge von Genanalysen seit 2013 |
| Leopardus emiliae | Umstrittene vierte/fünfte Gruppe | Teilweise als eigenständig eingestuft |
Traditionelles Wissen der lokalen Bevölkerung bewahrt
Bei der Namensgebung griffen die Forscher auf das Wissen der Menschen vor Ort zurück. In den Tälern der Yungas nennen die Anwohner die Tiere seit Generationen Tilcayo. We asked the local people, ‚Why do you call it tilcayo?‘
berichtet Nogales-Ascarrunz (Yahoo News)
Neben der Art aus Bolivien beschrieben die Forscher im Zuge der Untersuchungen auch eine neue Unterart in Peru mit der Bezeichnung Leopardus tigrinus antisuyo, benannt nach einer historischen Region des Inka-Reiches.
Bedrohte Nebelwälder und offene Fragen zur Lebensweise
Über den Alltag der Tilcayo-Katze im freien Gelände ist bislang nur wenig bekannt. Ausgewertete Kotproben enthielten Überreste kleiner Nagetiere, was auf einen entsprechenden Speiseplan hindeutet (Times of India). Aufnahmen von Fotofallen lassen zudem darauf schließen, dass die Tiere vorwiegend nachtaktiv sind.
Experten fordern nun rasche Anstrengungen, um die Bestände zu schützen. Die in den Regionen der Anden und des Amazonasbeckens liegenden Yungas-Wälder stehen unter starkem Druck (Times of India).
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