Eine Studie der IU Internationalen Hochschule belegt, dass 72 Prozent der Arbeitnehmer an sogenannter Leisure Sickness leiden und genau beim Start in die Erholungsphase krank werden. Dieses Phänomen, auch Freizeitkrankheit genannt, tritt besonders bei Personen mit hoher Arbeitsbelastung auf, deren Immunsystem nach dem Abfall von Stresshormonen auf latente Infekte reagiert.
Wer wochenlang auf den Urlaub hinarbeitet, nur um am ersten freien Tag mit Kopfschmerzen, Fieber oder einer Erkältung im Bett zu landen, erlebt kein Pech, sondern eine biologische Reaktion. Laut web.de prägte der niederländische Psychologe Ad Vingerhoets den Begriff der Leisure Sickness, um dieses Muster zu beschreiben. Betroffen sind vor allem Menschen mit einem ausgeprägten Pflichtbewusstsein, Perfektionisten sowie Personen in sozialen, medizinischen oder kreativen Berufen, denen das mentale Abschalten schwerfällt.
Der biologische Kipppunkt: Warum Cortisol uns funktional hält
Der Körper funktioniert unter Dauerstress wie eine Maschine im Notbetrieb. Während der Arbeitswoche schüttet der Organismus Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol aus. Diese wirken nicht nur aktivierend, sondern unterdrücken gleichzeitig Schmerzen und erste Infektionssymptome, um die Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten.
„Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol halten uns funktional – sie unterdrücken teilweise auch Schmerzen und Infekt-Symptome. Wenn der Urlaub beginnt, sinkt dieser Pegel plötzlich ab. Das Immunsystem, das zuvor gedämpft war, reagiert wieder stärker – und Symptome, die schon vorher im Körper angelegt waren, werden plötzlich spürbar.“
Photo: AD HOC NEWSPhoto: AD HOC NEWS
Expertenanalyse, via web.de
Dieses plötzliche Absinken der Hormonspiegel irritiert das vegetative Nervensystem. Es gleicht einem abrupten Herunterfahren nach einer massiven Überlastung. Infekte, die bereits Tage vor den ersten Symptomen im Körper entstanden sind, werden im stressigen Alltag schlicht nicht wahrgenommen. Erst in der Ruhephase erhält der Körper die biologische Erlaubnis, die Infektion „auszuleben“.
Die Folgen sind massiv. Wie AD HOC NEWS berichtet, fühlt sich lediglich jeder fünfte Arbeitnehmer nach dem Urlaub tatsächlich erholt. Die Statistik spiegelt diesen Mangel an echter Regeneration wider: Im Jahr 2025 erreichte die durchschnittliche Dauer ärztlich bescheinigter Krankschreibungen 14,5 Tage, wobei psychische Erkrankungen als Haupttreiber gelten.
Die Gefahr der Virus-Reaktivierung und der Einfluss von UV-Strahlung
Warum du im Urlaub krank wirst | IU Studie Leisure Sickness | Research@IU
Leisure Sickness ist mehr als eine einfache Erkältung. Die Entspannungsphase kann auch schlummernde Viren aktivieren. Besonders kritisch ist dies beim Varizella-Zoster-Virus, dem Erreger der Gürtelrose. Mediziner des Uniklinikums Würzburg weisen darauf hin, dass die Ruhephase es dem Organismus erlaubt, auf unterdrückte Stressfaktoren zu reagieren, was die Reaktivierung solcher Viren begünstigt.
Zusätzlich wirkt die Urlaubsumgebung oft kontraproduktiv. Übermäßige UV-Bestrahlung und Sonnenbrände stellen eine starke Stressreaktion der Haut dar und schwächen das Immunsystem weiter. Laut Regionalupdate.de erhöht dies insbesondere für Menschen ab 60 Jahren das Risiko für einen Gürtelrosen-Ausbruch.
Um dieses Risiko zu senken, empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) eine Gürtelrose-Impfung für alle Personen ab 60 Jahren sowie für Risikogruppen ab 18 Jahren. Prävention bedeutet hier nicht nur medizinische Vorsorge, sondern auch ein bewusster Umgang mit dem Sonnenlicht und die Nutzung von Schatten während der heißesten Tageszeiten.
Das Wellness-Paradoxon: Wenn Gesundheitssuche zu Stress wird
Photo: it boltwise
Während die biologische Erholung scheitert, boomt die Industrie, die sie verspricht. Der globale Gesundheitsmarkt wurde 2024 auf 5,8 bis 6,3 Billionen Euro geschätzt und soll bis 2029 auf bis zu 9,1 Billionen Euro anwachsen. Auch der Langlebigkeitstourismus wächst rasant und wird bis 2033 auf über 48 Milliarden Euro geschätzt.
Doch dieser Markt erzeugt einen neuen, subtilen Druck. Laut Daten des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI), die von it boltwise zitiert werden, fühlen sich mehr als die Hälfte der 16- bis 24-Jährigen durch moderne Wellnesstrends unter Druck gesetzt. Die Jagd nach Selbstoptimierung und Gesundheit wird so selbst zum Stressfaktor.
Die Diskrepanz ist bei jungen Erwachsenen besonders deutlich:
Indikator (16-24 Jährige)
Wert / Zustand
Schlaf (mind. 8 Std. unter der Woche)
86 %
Häufige Müdigkeit trotz Schlaf
Über 50 %
Nutzung von Nahrungsergänzungsmitteln
84 %
Beauty-Trends als Geschäftemacherei
74 %
Diese Zahlen zeigen, dass eine digitale Alltagslogik aus Gesundheitsdaten und ständigem Optimierungsdrang die Fähigkeit zur echten Entspannung untergräbt.
Prävention durch Puffertage und Ernährung
Um den biologischen Schock des Stresswechsels zu vermeiden, ist ein fließender Übergang von der Arbeit in die Freizeit entscheidend. Experten raten zu sogenannten Puffertagen – Tagen zwischen dem letzten Arbeitstag und dem eigentlichen Urlaubsbeginn –, um den Stresslevel schrittweise zu senken.
Neben der mentalen Strategie spielt die Ernährung eine Rolle bei der Stabilisierung des Immunsystems, insbesondere zur Vermeidung von Virus-Reaktivierungen. Fachleute empfehlen eine proteinreiche Kost, kombiniert mit Antioxidantien und Omega-3-Fettsäuren. Besonders wertvoll sind hierbei Rapsöl aufgrund seines Vitamin-E-Gehalts sowie Walnuss-, Lein- und Olivenöl.
Ein weiterer Trend ist das sogenannte Fibremaxxing. Dabei geht es um eine tägliche Aufnahme von mindestens 30 Gramm Ballaststoffen aus über 30 verschiedenen Pflanzenquellen pro Woche. Dies soll nicht nur die Verdauung fördern, sondern auch chronische Entzündungsprozesse, das sogenannte Inflammaging, reduzieren. Letzteres ist laut dem Leibniz-Institut für Alternsforschung eine Folge nachlassender Immunüberwachung im Alter, die es ruhenden Viren wie Herpes Zoster erleichtert, wieder aktiv zu werden.
Die Grenzen der rein pharmakologischen Therapie werden zunehmend sichtbar. Dies zeigt sich in einer Entwicklung hin zu integrativen Ansätzen. So eröffnete das Da Nang Oncology Hospital am 1. Juni 2026 eine neue Abteilung für traditionelle Medizin und Rehabilitation, in der Akupunktur und Bewegungstherapie die klinische Versorgung ergänzen.
Letztlich bleibt die wichtigste Maßnahme die aktive Erholung. Moderater Sport, Spaziergänge und ein konsequentes Schlafmanagement sind die einzigen Wege, um den Teufelskreis aus Dauerstress und Leisure Sickness zu durchbrechen. Bei anhaltenden Symptomen oder dem Risiko für Gürtelrose sollte jedoch immer ein Arzt konsultiert werden.
Dr. Lena Hartmann leitet das Gesundheitsressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet seit ueber zehn Jahren ueber Praevention, Medizinpolitik und digitale Gesundheit und legt besonderen Wert auf verstaendliche, quellenbasierte Einordnung.
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