Kolumbien steht vor einer historischen Wende: Nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am 29. Mai 2026 führt der libertäre Anwalt Abelardo de la Espriella mit 43,7 Prozent der Stimmen – und zwingt das Land in eine Stichwahl, die über den Kurs zwischen Sicherheitsoffensive und sozialer Reform entscheiden wird.
De la Espriella, der sich selbst „El Tigre“ nennt und von US-Präsident Donald Trump inspiriert ist, will den kolumbianischen Staat radikal umbauen: Er plant eine radikale Schrumpfung des Staatsapparats, den Einsatz von Luftangriffen gegen Drogenkartelle – und eine Abkehr von den Friedensgesprächen, die sein Vorgänger Gustavo Petro geführt hat. Sein Gegenkandidat in der Stichwahl am 21. Juni, der linke Senator Iván Cepeda, wirft ihm vor, eine „faschistische extreme Rechte“ zu vertreten und mit organisierter Kriminalität zu sympathisieren. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: De la Espriella hat nicht nur die meisten Stimmen geholt, sondern auch die Unterstützung von Ex-Präsident Álvaro Uribe und der traditionellen Konservativen hinter sich vereint.
Ein Außenseiter schreibt Geschichte – und polarisiert
Es war ein Schock für die politische Elite Kolumbiens: Als die ersten Hochrechnungen am Abend des 29.

Noch nie zuvor hatte ein Kandidat in der ersten Runde so hohe Zustimmung erfahren. Sein größter Konkurrent, der linke Senator Iván Cepeda, der noch vor wenigen Wochen mit einer absoluten Mehrheit gerechnet hatte, lag mit 40,9 Prozent nur knapp dahinter. Die Wahlbeteiligung betrug mit 52,3 Prozent zwar nicht die Hälfte der Wahlberechtigten, doch die klare Spaltung der Wähler zwischen den beiden Lagern wurde deutlich: Während Cepeda für die Fortsetzung des Reformkurses von Petro steht – mehr Sozialausgaben, Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen –, setzt de la Espriella auf einen harten Sicherheitskurs, der an die Ära Uribe anknüpft.
„Wir werden Geschichte schreiben“, rief de la Espriella vor seinen jubelnden Anhängern in Barranquilla, hinter kugelsicherem Glas. Sein Sieg ist nicht nur ein persönlicher Triumph, sondern ein Zeichen für den wachsenden Unmut über die seit Jahren anhaltende Gewalt in Kolumbien. „Eine der schwersten Gewaltwellen der letzten Jahre“, wie die Leiterin des Kolumbien-Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung, Kristin Wesemann, es beschreibt, hat das Land erfasst. Laut ihrer Einschätzung sind 67 Prozent aller Gemeinden den illegalen Netzwerken und Gruppen ausgesetzt, während die staatlichen Sicherheitsstrukturen „extrem geschwächt“ sind.
De la Espriella nutzt diese Unsicherheit als Hebel für seinen Wahlkampf. Er verspricht, mit Unterstützung der USA Luftangriffe gegen bewaffnete Gruppen einzusetzen – ein radikaler Bruch mit der bisherigen Politik. Doch seine Vergangenheit als Strafverteidiger von Anführern demobilisierter paramilitärischer Gruppen wirft Fragen auf. Schon 2002 hatte er die Demobilisierung dieser Gruppen begleitet und dabei versucht, ihre Anführer nicht als Drogenbarone, sondern als „politische Freiheitskämpfer“ darzustellen. Seine Honorare stiegen von einigen Tausend Dollar auf Millionen.
Die Stichwahl: Sozialreform oder Sicherheitsoffensive?
Die Stichwahl am 21. Juni wird entscheiden, ob Kolumbien den Kurs von Präsident Petro fortsetzt oder einen konservativen Wendepunkt einläutet. Cepeda, der von Petro unterstützt wird, wirft de la Espriella vor, eine „faschistische extreme Rechte“ zu vertreten und mit „Plutokraten“ und organisierter Kriminalität zu sympathisieren. Doch die Zahlen sprechen eine klare Sprache: De la Espriella hat nicht nur die meisten Stimmen geholt, sondern auch die Unterstützung von Ex-Präsident Álvaro Uribe und der traditionellen Konservativen hinter sich vereint.

Während Cepeda in seiner Abschlusskundgebung versprach, den Staat in den Dienst der „Ausgeschlossenen“ zu stellen und soziale Programme zu stärken, setzt de la Espriella auf einen schlanken Staat und einen kompromisslosen Sicherheitskurs. Die Wahlbeteiligung von nur 52,3 Prozent könnte beiden Kandidaten jedoch Spielraum bieten, zusätzliche Wähler zu mobilisieren. Besonders die jüngeren Wähler und die ländliche Bevölkerung, die unter der Gewalt leiden, könnten über den Ausgang entscheiden.
Doch die Sicherheitslage bleibt ein zentrales Thema. Laut dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz erlebte Kolumbien im Vorjahr die schwersten humanitären Folgen bewaffneter Konflikte seit einem Jahrzehnt. Mehr als 235.000 Menschen wurden vertrieben – eine Entwicklung, die unter Petro zwar soziale Fortschritte brachte, aber keine nachhaltige Lösung für die Gewalt.
Was die Zahlen wirklich sagen: Gewalt, Armut und die Zukunft Kolumbiens
Die Wahl ist nicht nur ein Duell zwischen zwei Kandidaten, sondern ein Spiegel der tiefen Spaltung in der kolumbianischen Gesellschaft. Während de la Espriella auf eine Rückkehr zu harten Sicherheitsmaßnahmen setzt, steht Cepeda für eine Fortsetzung der sozialen Reformen. Doch beide Kandidaten müssen sich mit den gleichen Herausforderungen auseinandersetzen: der anhaltenden Gewalt, der schwachen Sicherheitsstruktur und der wachsenden Ungleichheit.
Laut einer Analyse des US-Thinktanks Center for Economic and Policy Research (CEPR) sind unter Petro zwar die Sozialausgaben gestiegen, der Mindestlohn erhöht und die Armutsquote gesunken – doch viele Reformprojekte scheiterten im Kongress oder verzögerten sich. Zudem sorgten zahlreiche Ministerwechsel und öffentliche Konflikte für Kritik.
De la Espriellas Plan, den Staatsapparat nahezu zu halbieren und mit Luftangriffen gegen bewaffnete Gruppen vorzugehen, ist ein radikaler Bruch mit der bisherigen Politik. Doch ob diese Maßnahmen die Gewalt tatsächlich eindämmen können, bleibt fraglich. Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, dass militärische Lösungen allein oft nicht ausreichen, um die komplexen Konflikte in Kolumbien zu lösen.
Was kommt nach der Stichwahl? Drei Szenarien
Unabhängig vom Ausgang der Stichwahl am 21.
- Sicherheitsoffensive: Sollte de la Espriella gewinnen, könnte Kolumbien einen Kurs der harten Hand einschlagen – mit mehr Militärpräsenz, Luftangriffen gegen Drogenkartelle und einer Abkehr von Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen. Die Frage ist, ob dies die Gewalt tatsächlich reduziert oder nur verschiebt.
- Fortsetzung der Reformen: Ein Sieg Cepedas würde bedeuten, dass Kolumbien den Kurs von Petro fortsetzt – mit mehr Sozialausgaben, Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen und einer Betonung auf Menschenrechte. Doch die Skepsis gegenüber dieser Strategie bleibt groß, besonders in ländlichen Regionen, wo die Gewalt am stärksten ist.
- Politische Spannungen: Sollte einer der Kandidaten die Wahl für sich entscheiden, könnte dies zu weiteren Polarisierungen führen. Die niedrige Wahlbeteiligung von 52,3 Prozent zeigt, dass viele Wähler unentschieden sind – und die Stichwahl könnte noch mehr Spaltung bringen.
Eines ist jedoch klar: Kolumbien steht an einem Scheideweg. Die Wahl ist nicht nur ein Machtwechsel, sondern ein Test für die Zukunft des Landes – zwischen Sicherheit und Sozialreform, zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die kolumbianische Gesellschaft bereit ist, diesen Kurs zu akzeptieren – oder ob weitere Gewalt und Unsicherheit folgen werden.
„Wir werden Geschichte schreiben.“
Abelardo de la Espriella, vor seinen jubelnden Anhängern in Barranquilla, <a href="https://www.diepresse.
„Eine der schwersten Gewaltwellen der letzten Jahre.“
Kristin Wesemann, Leiterin des Kolumbien-Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung, <a href="https://www.tt.
„67 Prozent aller Gemeinden […] sind den illegalen Netzwerken und Gruppen ausgesetzt.“
Kristin Wesemann, Leiterin des Kolumbien-Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung, <a href="https://www.tt.