Unser Blick auf das Älterwerden prägt den eigenen Alterungsprozess stark mit. Laut der Psychologin und Altersforscherin Jana Nikitin neigen Menschen dazu, sich zu sehr auf Verluste zu konzentrieren und negative Altersbilder zu verfestigen, während emotionale Gewinne und Gestaltungsspielräume oft übersehen werden.
Falten, Schmerzen und graue Haare gehören für die meisten Menschen zum unweigerlichen Prozess des Älterwerdens. Auch die persönliche Einstellung zum Alter spielt eine entscheidende Rolle dafür, wie sich der Körper und das Wohlbefinden im Laufe der Jahre verändern.
Fokus auf Verluste verstellt den Blick auf Gewinne
Im alltäglichen Denken ist das Älterwerden häufig negativ konnotiert. Laut der Psychologin und Altersforscherin Jana Nikitin verbinden viele Menschen die Lebensmitte und das höhere Alter automatisch damit, schwächer, unattraktiver und vergesslicher zu werden. Altern ist verbunden nicht nur mit Verlusten, sondern auch mit Gewinnen
, erklärt die Professorin. Durch den einseitigen Fokus auf den körperlichen Abbau geraten die positiven Aspekte jedoch schnell aus dem Blickfeld.
Selbst gut gemeinte Äußerungen im Bekanntenkreis tragen oft dazu bei, diese Vorurteile zu zementieren. Aussagen wie Du siehst viel jünger aus
oder Sätze wie Ich fühle mich zehn Jahre jünger
suggerieren im Umkehrschluss, dass das tatsächliche Altsein etwas Schlehctes oder Unerwünschtes ist. Da viele Menschen außerhalb der eigenen Familie kaum engen Kontakt zu anderen Altersgruppen pflegen, fehlen häufig die alltäglichen Erfahrungen, die solche pauschalen Stereotype korrigieren könnten.
Wie negative Stereotype zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden
Die Vorstellungen, die eine Gesellschaft über das Alter pflegt, wirken sich direkt auf das individuelle Verhalten aus. Wer beispielsweise bei neu auftretenden Rückenschmerzen sofort den Gedanken fasst, dass dies schlicht zum Alter gehöre und man ohnehin nichts dagegen tun könne, verzichtet gezielt auf die Suche nach Handlungsspielräumen.
Um diesen Automatismus zu durchbrechen, empfiehlt Jana Nikitin den gezielten Aufbau von Kontakten über Generationengrenzen hinweg. Wir wissen aus sehr viel sozialpsychologischer Forschung, dass Kontakt dazu führt, dass man Stereotype abbaut
, so die Expertin. Der Rat der Psychologin lautet daher, sich aktiv Wissen anzueignen und Freundschaften in anderen Altersgruppen zu pflegen, statt sich ausschließlich im bekannten Kreis zu bewegen.
Gestaltungsspielräume und emotionale Stabilität im Alter
Die Lösung besteht der Forschung zufolge allerdings nicht darin, das Älterwerden künstlich und ausnahmslos durch eine rosarote Brille zu betrachten. Eine realistische Einschätzung bedeutet auch zu erkennen, dass zwar bestimmte Möglichkeiten offenstehen, aber nicht mehr jede Option der Welt. Altern ist das, was ich aus meinen Voraussetzungen mache. Das ist nicht etwas, was kommt, sondern etwas, was wir mitgestalten
, fasst Nikitin zusammen.
Gezielte Bewegung, eine gesunde Ernährung, soziale Kontakte sowie eine sinnvolle Aufgabe tragen nach Angaben der Professorin in jedem Alter zu einer positiven Lebensgestaltung bei. Hinzu kommen messbare emotionale Vorteile: Im Durchschnitt zeichnen sich ältere Menschen durch eine größere Ausgeglichenheit und emotionale Stabilität aus. Sie regulieren ihre Gefühle besser und empfinden soziale Begegnungen häufig als bedeutungsvoller, was auch mit dem bewussteren Umgang mit der eigenen begrenzten Lebenszeit zusammenhängt.
Fünf Leitfragen zur Neubewertung des Älterwerdens
- Welche meiner Vorstellungen vom Alter stimmen überhaupt?
- Welche Möglichkeiten habe ich weiterhin?
- Was habe ich mit dem Älterwerden gewonnen?
- Was habe ich aufgebaut, gelernt oder bewirkt?
- Welche Menschen, Beziehungen und Erfahrungen gehören heute zu meinem Leben?
Die Antworten fallen für jeden Menschen unterschiedlich aus. Falten und nachlassende Sehkraft lassen sich durch diesen Perspektivwechsel zwar nicht wegdiskutieren, doch ihre Bedeutung verändert sich: Sie zeugen dann nicht mehr nur von Verlust, sondern auch von all dem, was im Laufe des Lebens hinzugekommen ist.

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