Forschende des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und der Charité – Universitätsmedizin Berlin haben am 15. Mai 2026 neue Erkenntnisse zur IgLON5-Enzephalitis veröffentlicht. Die Studie belegt, dass krankhafte Antikörper eine neuronale Hyperaktivität auslösen, die letztlich zu Tau-Ablagerungen und dem Absterben von Nervenzellen führt. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Science Advances.
Die IgLON5-Enzephalitis stellt eine seltene, aber schwerwiegende neurodegenerative Autoimmunerkrankung dar. Bei diesem Krankheitsbild greift das Immunsystem fälschlicherweise Zellen im Gehirn an, was zu einer Entzündung und massiven Nervenschädigungen führt. Die klinischen Auswirkungen sind weitreichend und äußern sich primär durch Schlafstörungen, kognitive Einbußen sowie ausgeprägte Bewegungsprobleme.
Der pathologische Mechanismus der IgLON5-Enzephalitis
Im Zentrum der Erkrankung steht eine Fehlfunktion des Immunsystems, bei der spezifische Antikörper ein Protein auf der Zelloberfläche angreifen: das Protein IgLON5. Während die Existenz dieser Antikörper bereits bekannt war, blieb der genaue Weg von der Immunreaktion bis zur Zerstörung der Nervenzellen bislang ungeklärt. Insbesondere die Entstehung von Ablagerungen des Proteins Tau, einem typischen Merkmal vieler neurodegenerativer Erkrankungen, stellte ein wissenschaftliches Rätsel dar.
Die aktuellen Untersuchungen des DZNE und der Charité zeigen nun, dass die krankhaften Antikörper nicht nur das Protein angreifen, sondern eine Verklebung der IgLON5-Proteine mit anderen Molekülen auf der Zelloberfläche bewirken
. Diese strukturelle Veränderung führt dazu, dass die betroffenen Nervenzellen überaktiv werden. Diese neuronale Hyperaktivität ist der Auslöser für eine fatale Kettenreaktion im Gewebe.
Wir haben nun herausgefunden, dass die krankhaften Antikörper eine Verklebung der IgLON5-Proteine mit anderen Molekülen auf der Zelloberfläche bewirken. Dadurch werden Nervenzellen überaktiv und es kommt zu einer verhängnisvollen Kettenreaktion. An deren Ende stehen Tau-Ablagerungen und der Tod von Nervenzellen.
Prof. Susanne Wegmann, Forschungsgruppenleiterin am DZNE und an der Charité
Die Rolle der Tau-Proteine bei der Zelldegeneration
Tau-Proteine sind normalerweise Bestandteil des Zytoskeletts von Nervenzellen und sorgen für deren Stabilität. Bei der IgLON5-Enzephalitis kommt es jedoch zu einem Prozess, bei dem sich diese Proteine vom Zytoskelett lösen und verklumpen. Diese Tau-Ablagerungen schädigen die Nervenzellen direkt und führen schlussendlich zu deren Degeneration und dem Zelltod.
Die Entdeckung, dass die Tau-Pathologie eine direkte Folge der durch Antikörper induzierten Hyperaktivität ist, verändert das Verständnis der Erkrankung. Es wird deutlich, dass die autoimmune Reaktion nicht nur eine Entzündung auslöst, sondern einen degenerativen Prozess in Gang setzt, der mechanistischen Parallelen zu anderen neurodegenerativen Erkrankungen aufweist, jedoch durch einen spezifischen immunologischen Auslöser gestartet wird.
Methodik der Studie in Science Advances
Um diese Zusammenhänge nachzuweisen, stützten sich die Wissenschaftler auf ein kombiniertes Forschungsdesign. Die Befunde basieren auf Studien an Zellkulturen sowie an Mausmodellen. Zusätzlich wurden Antikörper von betroffenen Personen analysiert, um die Interaktion zwischen den krankhaften Antikörpern und dem IgLON5-Protein unter realistischen Bedingungen zu untersuchen.
Durch diesen Ansatz gelang es dem Team, die Kausalkette von der Bindung des Antikörpers über die neuronale Überaktivierung bis hin zur Tau-Aggregation lückenlos nachzuvollziehen. Die Veröffentlichung im Fachjournal Science Advances unterstreicht die Bedeutung dieser Erkenntnisse für die Grundlagenforschung zu Autoimmunerkrankungen des zentralen Nervensystems.
Obwohl die IgLON5-Enzephalitis selten ist, liefert die Aufdeckung dieser Mechanismen wichtige Hinweise darauf, wie immunologische Prozesse die Bildung pathologischer Proteinaggregate fördern können. Dies könnte langfristig dazu beitragen, neue therapeutische Ansätze zu entwickeln, die nicht nur die Entzündung hemmen, sondern gezielt die neuronale Hyperaktivität unterbinden, um die Tau-Pathologie zu verhindern.
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