Die österreichischen Wälder stehen vor einem finanziellen und ökologischen Wendepunkt, da der staatliche Waldfonds nahezu aufgebraucht ist. Während Borkenkäfer und Extremwetter die Bestände dezimieren, sinken die Holzpreise massiv. Forstbetriebe warnen, dass ohne neue Mittel die notwendige Umwandlung in klimaresiliente Mischwälder scheitern könnte.
Der leere Waldfonds und die Kapitulation der Besitzer
Österreichs Strategie, die Wälder „klimafitter“ zu machen, stößt an ihre finanziellen Grenzen. Seit 2020 dient der Waldfonds als zentrales Instrument, um Schäden durch Unwetter oder den Borkenkäfer auszugleichen und Aufforstungen zu finanzieren. Laut einem Bericht des ORF wurde dieser Fonds mit 430 Millionen Euro befüllt – eine Summe, die nun fast vollständig ausgeschöpft ist.
Die finanziellen Engpässe führen zu einer gefährlichen psychologischen Erosion bei den Waldbesitzern. Wenn staatliche Förderungen wegfallen, schwindet die Bereitschaft, in die langfristige Zukunft des Waldes zu investieren. In der Praxis bedeutet das: Besitzer fragen sich zunehmend, ob sich der Kampf gegen den Klimawandel überhaupt noch lohnt, wenn die Kosten für die Beseitigung von Schadflächen und die Neupflanzung allein getragen werden müssen.
Die Spirale aus Borkenkäfern und überlasteten Sägewerken
cluster (priority): science.apa.at
Die ökologische Lage ist prekär. In Regionen wie der Steiermark führt extreme Trockenheit dazu, dass Bäume geschwächt werden und ein ideales Paradies für den Borkenkäfer entsteht. Die Bundesforsten sprechen bereits davon, dass ein Anteil von 50 Prozent Schadholz das „neue Normal“ darstellt.
Dieser Zustand löst eine logistische Kettenreaktion aus. Befallene Bäume müssen schnellstmöglich aus dem Wald entfernt werden, um eine weitere Ausbreitung der Schädlinge zu verhindern. Doch hier greift die Marktrealität: Die regionalen Sägewerke sind überlastet. Andreas Pfister von der Landesforstdirektion der Steiermark stellt fest, dass die Lagerplätze der Sägewerke aufgrund globaler Krisensituationen voll sind, was den Abtransport des Holzes massiv erschwert.
„Es gibt Jahre, da läuft man den Schäden hinterher, den Borkenkäfern hinterher. Da markierst du 20 Bäume, dann sind die weg. Aber nach 14 Tagen hast du 30 neue Bäume, die befallen sind. Das wird in manchen Jahren ein massives Problem.“
Wolfgang Hueber, Förster
Die Zahlen aus der Vergangenheit unterstreichen die Schwere der Krise. Laut Daten der APA entfielen im Jahr 2019 bereits knapp zwei Drittel der gesamten Holzernte auf Schadholz. Von insgesamt 11,7 Millionen Festmetern schadhaftem Holz waren 4,3 Millionen Festmeter primär auf den Borkenkäfer zurückzuführen.
Die Marktpreis-Falle: Wenn Holz wertlos wird
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Während die Menge an verfügbarem Holz durch Schäden steigt, bricht der Preis ein. Es ist ein klassisches Marktversagen: Ein Überangebot an minderwertigem Schadholz drückt die Preise für alle. Felix Montecuccoli, Präsident der Land- und Forstbetriebe Österreich, beschreibt die Situation drastisch:
„Der Wald verdurstet und die Forstwirtschaft verhungert“
Felix Montecuccoli, Präsident der Land- und Forstbetriebe Österreich
Die Preisentwicklung für Nadelsägerundholz zeigt einen dramatischen Abwärtstrend, der die nachhaltige Bewirtschaftung unmöglich macht. Während für eine rentable Forstwirtschaft Preise von 90 Euro pro Festmeter oder mehr nötig wären, sank der Wert in den letzten Jahren kontinuierlich.
Zeitraum
Preis pro Festmeter (Nadelsägerundholz)
Vor 2019
85,60 Euro
Durchschnitt 2019
74,40 Euro
September (Tiefpunkt)
62,20 Euro
Interessanterweise liegt das nominale Preisniveau damit sogar unter dem der 1970er-Jahre, als die Preise umgerechnet bei etwa 95 Euro lagen. Dieser Preissturz wurde durch die gesunkene Nachfrage während des ersten Lockdowns sowie den massiv erhöhten Holzeinschlag in den Nachbarländern Deutschland und Tschechien befeuert, die ebenfalls mit Borkenkäferschäden kämpfen.
CO2-Zertifikate als Rettungsanker für den Privatwald
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Die einzige langfristige Lösung ist die Abkehr von der reinen Holzproduktion hin zu einem Ökosystem-Management. Die Umwandlung von Fichtenmonokulturen in naturnähere Eichenmischwälder ist ökologisch alternativlos, aber zeit- und kostenintensiv.
Hier setzen neue Forderungen an: Da der Markt für Holz versagt, muss die Klimaschutzfunktion des Waldes monetarisiert werden. In Deutschland fordern Waldbesitzer deshalb eine Prämie von rund 112 Euro pro Jahr und Hektar für die CO2-Speicherung. Da jeder Hektar Wald im Jahresschnitt etwa acht Tonnen CO2 bindet, wäre eine CO2-Bepreisung ein logischer Schritt, um die Forstwirtschaft finanziell zu stabilisieren. Max Elverfeldt, Bundesvorsitzende der Familienbetriebe Land und Forst, betont, dass die Speicherung von CO2 einen fairen Preis erhalten müsse.
Auf europäischer Ebene gibt es bereits Ansätze. Wie TopAgrar berichtet, plant die EU-Kommission Aufforstungsprämien für Landwirte, die als größte private Waldbesitzer in Deutschland rund 1,3 Millionen Hektar Nutzwald bewirtschaften. Diese Prämien sollen Anreize schaffen, neue Waldflächen anzupflanzen, auch wenn der Druck durch den Klimawandel die Erfolgschancen der Setzlinge gefährdet.
Die Kernfrage für die nächsten Monate wird sein, ob die Politik den erschöpften Waldfonds in Österreich mit frischem Kapital auffüllt oder ob die Forstwirtschaft in eine Spirale aus Verwahrlosung und ökologischem Kollaps rutscht. Ohne eine Entkopplung des Einkommens der Waldbesitzer von den volatilen Holzpreisen bleibt die Aufforstung ein Glücksspiel auf staatliche Zeit.
Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.
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