Regina Schillings Ansatz zur Geisterbeschwörung

Ein klassisches Biopic mit linearer Erzählweise wäre laut der FAZ für eine Autorin wie Bachmann keine Option gewesen. Ihr Werk, das von Skepsis gegenüber Eindeutigkeiten und der Befragung von Identität geprägt ist, widerspricht einer glatten biographischen Darstellung. Regina Schilling beschreibt ihren filmischen Ansatz daher explizit als „Geisterbeschwörung“.
Der Film konzentriert sich auf Bachmanns letztes Lebensjahr in Rom, in dem sie zurückgezogen und abhängig von Alkohol und Tabletten lebte. Anstatt einer traditionellen Darstellung nutzt Schilling die Schauspielerin Sandra Hüller für Spielszenen, die das Dokumentarmaterial unterbrechen. Hüller verkörpert Bachmann nicht im klassischen Sinne, sondern improvisiert mit dem verfügbaren Material. Diese Distanz wird durch bewusste Brüche erzeugt: Hüller nutzt ein Mobiltelefon oder gießt Terrassenblumen, was das Pathos der historischen Figur unterläuft.
Der Film verwebt diese Szenen mit Originalaufnahmen, in denen Bachmann aus ihren Werken liest oder Fragen von Journalisten beantwortet. Damit wird der Kontrast zwischen ihrer öffentlichen Persona als „berühmtes Wesen“ und der privaten Isolation in ihren letzten Tagen greifbar.
Die ungeklärten Umstände des Todes in Rom

Ingeborg Bachmann starb 1973 in ihrer römischen Wohnung durch einen Brand, der durch eine Zigarette ausgelöst wurde. Doch hinter dem offiziellen Hergang ranken sich bis heute Mutmaßungen über die medizinische Versorgung der Dichterin. Laut einem Bericht des ORF gab es einen Konflikt zwischen dem Wunsch der Familie, den Ruf der Schriftstellerin zu wahren, und der Angst eines behandelnden Ärztepaars vor rechtlichen Konsequenzen.
Erst spät wurde der Name des Medikaments „Seresta“ bekannt, das Bachmann verabreicht worden war. Dies führte dazu, dass Freunde der Autorin Anzeige erstatteten und Mord vermuteten. Obwohl die Ermittlungen später eingestellt wurden, bleibt die Frage nach der Verantwortung der Behandler im Raum.
„preis, da war es zu spät. Freunde Bachmanns erstatteten Anzeige: Es war Mord. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Mord war es nicht, jedoch:“
Ingeborg Bachmann, via ORF
Die Erzählung über Bachmann als „Schmerzensfrau“ und Opfer patriarchaler Strukturen zieht sich durch die aktuelle Rezeption. Ihr Tod wird so nicht nur als Unfall, sondern als Resultat einer lebenslangen psychischen und gesellschaftlichen Belastung gerahmt.
Literarische Meilensteine und der Weg zur Prosa
Bachmanns Aufstieg zur öffentlichen Figur begann bereits 1954, als sie mit erst 28 Jahren das Cover des „Spiegel“ zierte. Wie RP Online berichtet, wurde sie primär als Lyrikerin berühmt. Ihr Werk ist tief vom Thema Krieg und der Verarbeitung des Unerhörten geprägt.
Besonders prägend war ihre Beziehung zum Dichter Paul Celan. Die beiden lernten sich 1948 kennen; eine On-Off-Beziehung folgte, obwohl Celan 1952 eine andere Frau heiratete. Ihr Briefwechsel gilt heute als eines der tragischsten Dokumente der Weltliteratur.
Der Übergang von der Lyrik zur Prosa wurde von der damaligen, männlich dominierten Literaturkritik kritisch gesehen; Bachmann wurde teils als „gefallene Lyrikerin“ bezeichnet. Dennoch schufen diese Texte neue Maßstäbe:
Archivarbeit und regionale Verbindungen
Die wissenschaftliche Aufarbeitung von Bachmanns Werk dauert an. Der Germanist Hans Höller forscht seit den frühen 1980er-Jahren zu ihrer Person. Laut Der Standard startete unter seiner Herausgeberschaft im Jahr 2020 die Salzburger Bachmann Edition, die Werke und Korrespondenzen in einem neuen Kontext aufbereitet.
Neben ihrer Zeit in Rom und Salzburg spielen auch Verbindungen zu Innsbruck eine Rolle. Wie VOL.AT unter Verweis auf das Brenner-Archiv berichtet, stand Bachmann seit 1953 in Kontakt mit dem Herausgeber der Zeitschrift „Der Brenner“. Dies führte unter anderem zu einer Einladung zu den 8. Österreichischen Jugendkulturwochen im Jahr 1957.
Diese verschiedenen Stränge – die filmische Rekonstruktion, die medizinischen Kontroversen um ihren Tod und die systematische Archivierung ihres Werks – zeigen, dass Ingeborg Bachmann auch Jahrzehnte nach ihrem Tod eine Figur bleibt, die sich einer einfachen Definition entzieht. Die aktuelle Auseinandersetzung verschiebt den Fokus weg von der bloßen Biografie hin zu einer Analyse der Strukturen, die ihr Leben und Schreiben beeinflussten.
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