Es ist nicht nur die Zahl auf der Waage, die über unsere Lebenserwartung entscheidet. Viel entscheidender ist der Zeitpunkt, an dem diese Zahl in den roten Bereich steigt. Eine massive Langzeitstudie der Universität Lund in Schweden bringt ein beunruhigendes Ergebnis ans Licht: Wer bereits in jungen Jahren an Gewicht zunimmt, riskiert einen deutlich früheren Tod. Die Forschung zeigt, dass die biologische Uhr der Fettleibigkeit gnadenlos tickt und die frühen Jahre des Erwachsenenalters ein kritisches Zeitfenster darstellen.
Die Gefahr des frühen Onsets
Wir wissen seit Jahrzehnten, dass Adipositas das Risiko für zahlreiche Krankheiten erhöht. Doch die Wissenschaft hat sich meist auf Momentaufnahmen konzentriert – also darauf, ob jemand zu einem bestimmten Zeitpunkt übergewichtig ist. Das Team um Tanja Stocks, Professorin für Epidemiologie an der Universität Lund, hat einen anderen Weg gewählt. Sie untersuchten die Gewichtsentwicklung über einen Zeitraum von mehr als vier Jahrzehnten, von einem Alter von 17 bis 60 Jahren.
Die Datenbasis ist gewaltig. Über 600.000 Menschen wurden analysiert, wobei die Forscher nur Personen einbezogen, deren Gewicht mindestens dreimal präzise dokumentiert war – etwa durch militärische Einberufungen, frühe Schwangerschaften oder andere Forschungsstudien. Die Bilanz dieser Beobachtungen ist hart: 86.673 Männer und 29.076 Frauen starben während des Beobachtungszeitraums.
Ein Risikoanstieg von 70 Prozent
Im Durchschnitt nahmen sowohl Männer als auch Frauen etwa 0,4 Kilogramm pro Jahr zu. Doch dieser Durchschnittswert verschleiert die gefährlichen Ausreißer. Besonders dramatisch wird die Situation für diejenigen, die zwischen ihrem 17. Und 29. Lebensjahr adipös wurden. Diese Gruppe weist ein etwa 70 Prozent höheres Risiko für einen vorzeitigen Tod auf, verglichen mit Menschen, die bis zum 60. Lebensjahr nicht an Adipositas erkrankten.
Huyen Le, Doktorandin an der Universität Lund und Erstautorin der Studie, liefert eine plausible Erklärung für diesen Zusammenhang. Sie sieht die Ursache in der Dauer der Belastung. Wer jung übergewichtig wird, setzt seinen Körper über einen viel längeren Zeitraum den biologischen Stressfaktoren aus, die mit exzessivem Gewicht einhergehen. Der Körper wird quasi über Jahrzehnte hinweg einem schädlichen Zustand ausgesetzt, was die Organe und das Herz-Kreislauf-System zermürbt.
Die Anomalie beim Krebsrisiko von Frauen
Trotz der klaren Trends stießen die Forscher auf eine bemerkenswerte Ausnahme. Bei Krebserkrankungen von Frauen spielte der Zeitpunkt der Gewichtszunahme kaum eine Rolle. Das Risiko blieb weitgehend gleich, egal ob die Zunahme früh im Leben oder erst spät eintrat.
Diese Beobachtung widerspricht der Theorie der langfristigen biologischen Exposition. Wäre die reine Dauer der Adipositas der einzige Treiber, müsste das Risiko bei früher Gewichtszunahme auch hier höher liegen. Huyen Le vermutet, dass andere biologische Mechanismen im Spiel sind. Hormonelle Veränderungen, insbesondere im Zusammenhang mit den Wechseljahren, könnten hier eine entscheidende Rolle spielen und den Effekt der langfristigen Gewichtszunahme überlagern.
Die Ergebnisse, die in der Fachzeitschrift eClinicalMedicine veröffentlicht wurden, machen deutlich, dass Prävention nicht erst im mittleren Alter beginnen darf. Die Weichen für die Gesundheit im Alter werden bereits in den späten Teenagerjahren und den Zwanzigern gestellt. Wer hier die Kurve kriegt, senkt sein Risiko für eine vorzeitige Sterblichkeit massiv.
Welche ist die wichtigste Erkenntnis dieser Studie?
Die zentrale Erkenntnis ist, dass der Zeitpunkt der Gewichtszunahme entscheidend für die Lebenserwartung ist. Wer zwischen 17 und 29 Jahren adipös wird, hat ein um etwa 70 Prozent höheres Risiko für einen vorzeitigen Tod als Personen, die bis zum 60. Lebensjahr nicht adipös wurden.
Warum ist das Krebsrisiko bei Frauen anders?
Beim Krebsrisiko von Frauen macht es offenbar keinen Unterschied, wann die Gewichtszunahme erfolgte. Die Forscher vermuten, dass hormonelle Veränderungen, wie sie bei den Menopausen auftreten, hier einen stärkeren Einfluss haben als die reine Dauer der Adipositas.
Was bedeutet das für die medizinische Vorsorge?
Die Studie legt nahe, dass die medizinische Aufmerksamkeit viel stärker auf junge Erwachsene gerichtet werden muss. Da die langfristige biologische Belastung durch frühes Übergewicht das Sterberisiko massiv erhöht, ist eine frühzeitige Intervention wesentlich effektiver als Maßnahmen, die erst im späteren Erwachsenenalter greifen.