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Technik und Wissenschaft

Forscher entwickeln Membran mit Ionenpumpe Wasser ohne Chemie

Ein internationales Forschungsteam hat eine Membran entwickelt, die durch elektrische Spannung Ionen kontrolliert transportiert und so Wasser ohne chemische Zusätze reinigt und entsalzt. Die Technologie, die in einer aktuellen Studie in Nature Materials vorgestellt wird, reduziert den Salzgehalt von Wasser um bis zu 50 % und könnte die Wasseraufbereitung revolutionieren.

Grundprinzip und wissenschaftliche Grundlage der elektrischen Ionenpumpe

Die Studie, veröffentlicht am 15. Mai 2024, ist das Ergebnis einer mehrjährigen Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern des Helmholtz-Zentrums Hereon (Deutschland), der University of California, Irvine (USA), der Tel Aviv University (Israel) und des Lawrence Berkeley National Laboratory (USA). Die Membran basiert auf einem neuartigen physikalischen Prinzip: Durch das schnelle Ein- und Ausschalten einer niedrigen elektrischen Spannung entstehen an den ultradünnen Metallschichten Lade- und Entladeprozesse, die einen gezielten Ionenfluss erzeugen. Diese Methode wird als „elektrische Ionenpumpe“ bezeichnet und ist das erste Mal, dass dieser Effekt gezielt für den Ionentransport eingesetzt wird.

„Unser Ansatz nutzt die Dynamik von Ladungsträgern an Metalloberflächen, um Ionen selektiv zu bewegen“, erklärt Prof. Francesca Toma, Leiterin des Hereon-Instituts für Funktionale Materialien für Nachhaltigkeit in Teltow und federführende Forscherin des Projekts. „Dies ist ein grundlegend neuer Weg, um Wasser zu entsalzen, ohne auf energieintensive chemische Prozesse oder bewegliche Teile zurückgreifen zu müssen.“


Wie die Membran funktioniert: Ionenpumpe ohne Chemie

Die neue Membran besteht aus einer nur wenige Nanometer dünnen Metallschicht, die auf einem porösen Träger aufgebracht ist. Die Metallschicht wird durch eine pulsierende elektrische Spannung von weniger als 1 Volt aktiviert. Diese Spannung führt zu einer schnellen Polarisation der Metalloberfläche, wodurch Ionen aus der Lösung angezogen und abgestoßen werden. Dieser Prozess ermöglicht eine präzise Steuerung des Ionentransports, ohne dass chemische Zusätze wie Salze oder Säuren benötigt werden.

Technische Vorteile und Vergleich mit etablierten Entsalzungsmethoden

„Die Idee, elektrische Felder für die Ionenseparation zu nutzen, ist nicht neu“, sagt Dr. Yoram Gerchman, Forscher an der Tel Aviv University und Koautor der Studie. „Allerdings haben wir es geschafft, diesen Effekt so zu optimieren, dass er in einem praktikablen System eingesetzt werden kann.“ Die Studie zeigt, dass die Membran nicht nur Natrium- und Chlorid-Ionen, die Hauptbestandteile von Salzwasser, sondern auch andere Ionen wie Lithium oder Schwermetalle selektiv abtrennen kann.

Im Vergleich zu herkömmlichen Entsalzungsmethoden wie der Umkehrosmose, die hohe Drücke und große Mengen an Energie benötigen, oder der Elektrodialyse, die chemische Zusätze erfordert, arbeitet die neue Membran mit deutlich geringerer Energie. Labortests haben gezeigt, dass die Technologie den Salzgehalt von Wasser um bis zu 50 % reduziert, und zwar mit einer Energieeffizienz, die um den Faktor 3 bis 5 höher ist als bei herkömmlichen Verfahren.

Die Membran wurde in einem speziellen Reaktor getestet, der von einem Team um Dr. Noah Malmstadt an der University of California, Irvine entwickelt wurde. Dieser Reaktor ermöglicht es, die Membran unter realistischen Bedingungen zu prüfen und ihre Leistung in verschiedenen Wasserproben zu messen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Technologie nicht nur für die Entsalzung von Meerwasser, sondern auch für die Reinigung von Industrieabwässern und die Gewinnung von Rohstoffen wie Lithium aus salzhaltigen Lösungen geeignet ist.


Energieeffizienz und Anwendungsmöglichkeiten

Potenzielle Anwendungsbereiche und wirtschaftliche Perspektiven

Die Energieeffizienz der neuen Membran ist ein zentraler Vorteil gegenüber bestehenden Technologien. Während herkömmliche Entsalzungsanlagen etwa 3 bis 10 kWh pro Kubikmeter entsalztem Wasser verbrauchen, liegt der Energiebedarf der neuen Methode bei weniger als 1 kWh pro Kubikmeter. Dies macht die Technologie besonders attraktiv für Regionen mit Wasserknappheit und begrenztem Zugang zu elektrischer Energie.

Stofftransport durch Biomembranen – primär aktiver Transport – Natrium Kalium Ionenpumpe

„Die Möglichkeit, Lithium aus Meerwasser zu gewinnen, ist ein weiterer wichtiger Aspekt“, betont Dr. Guosong Zeng vom Lawrence Berkeley National Laboratory. „Lithium ist ein kritischer Rohstoff für Batterien, und die Nachfrage steigt kontinuierlich. Unsere Methode könnte eine nachhaltige Quelle für dieses Element bieten, ohne auf aufwendige Bergbauverfahren zurückgreifen zu müssen.“

Die Forscher sehen großes Potenzial für die Anwendung der Technologie in verschiedenen Bereichen. Neben der Trinkwassergewinnung und der Entsalzung von Meerwasser könnte die Membran auch in der Lebensmittelindustrie, der Pharmaproduktion und der Abwasserbehandlung eingesetzt werden. Zudem könnte sie die Grundlage für neue Sensoren und Batteriesysteme bilden, die selektiv Ionen transportieren und so die Leistung von Energiespeichern verbessern.

„Die Technologie könnte neue Wege für energieeffizientere Entsalzung und selektive Ionentrennung eröffnen“, sagt Prof. Toma. Besonders faszinierend sei, wie eine Idee, die vor Jahren in theoretischen Modellen entwickelt wurde, durch internationale Zusammenarbeit zu einem technologisch relevanten Ergebnis gereift sei. „Wir haben gezeigt, dass Grundlagenforschung direkt zu innovativen Anwendungen führen kann.“


Wissenschaftliche Einordnung und Konkurrenzverfahren

Die Entwicklung der neuen Membran ist ein Meilenstein in der Forschung zu elektrochemischen Ionentransportverfahren. Bisherige Ansätze zur Wasserentsalzung basieren hauptsächlich auf Umkehrosmose, Destillation oder Elektrodialyse. Diese Methoden haben jedoch erhebliche Nachteile: Hoher Energieverbrauch, Umweltbelastung durch chemische Zusätze oder die Notwendigkeit von beweglichen Teilen, die Wartung erfordern.

Die neue Methode der elektrischen Ionenpumpe unterscheidet sich grundlegend von diesen Verfahren. Sie nutzt keine chemischen Reaktionen und erfordert keine mechanische Bewegung. Stattdessen wird der Ionentransport durch elektrische Felder gesteuert, was die Technologie besonders robust und wartungsarm macht. Zudem ist sie skalierbar und könnte in modularen Systemen eingesetzt werden, die an lokale Bedürfnisse angepasst werden können.

„Die Studie zeigt, wie wichtig internationale Zusammenarbeit ist, um bahnbrechende Lösungen für globale Herausforderungen zu entwickeln“, sagt Prof. Toma. „Ohne die Expertise unserer Partner in den USA und Israel wäre diese Technologie nicht möglich gewesen.“


Was kommt als Nächstes? Forschung und Praxis im Dialog

Derzeit wird die Technologie weiter optimiert, um sie für den Einsatz in größeren Systemen zur Wasseraufbereitung vorzubereiten. Die Forschenden arbeiten daran, die Selektivität der Membran weiter zu verbessern und ihre Effizienz in realen Anwendungen zu testen. Ein besonderer Fokus liegt auf der Skalierung der Technologie für den industriellen Einsatz.

„Wir planen, die Membran in Pilotanlagen zu testen, um ihre Leistung unter realen Bedingungen zu evaluieren“, erklärt Dr. Gerchman. „Ziel ist es, eine kommerzialisierbare Lösung zu entwickeln, die in Wasseraufbereitungsanlagen weltweit eingesetzt werden kann.“

Langfristig könnte die Technologie nicht nur die Trinkwassergewinnung in Regionen mit Wasserknappheit verbessern, sondern auch die Umweltbelastung durch chemische Entsalzungsverfahren reduzieren. Zudem könnte sie die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen verringern, indem sie die Gewinnung von kritischen Metallen wie Lithium aus salzhaltigen Lösungen ermöglicht.

Die Studie unterstreicht, wie Grundlagenforschung zu bahnbrechenden Lösungen für globale Herausforderungen führen kann – und wie internationale Zusammenarbeit innovative Ansätze beschleunigt. „Wir hoffen, dass unsere Arbeit den Weg für eine neue Generation von Wasseraufbereitungstechnologien ebnet“, sagt Prof. Toma.

Die Studie wurde von der Helmholtz-Gemeinschaft, dem US-Energieministerium und der Israel Science Foundation gefördert. Die Ergebnisse wurden in der renommierten Fachzeitschrift Nature Materials veröffentlicht und haben bereits internationale Aufmerksamkeit erregt.


  • Pressemitteilung: Helmholtz-Zentrum Hereon, Ionenpumpe für sauberes Wasser, 23. Mai 2024
  • Studie: „Electrically driven ion pumping through metal-oxide interfaces for desalination and selective ion separation“, Nature Materials, 15. Mai 2024

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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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