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Technik und Wissenschaft

Energiewende: Netzüberlastung führt zu Rekord-Redispatch-Kosten

Die Bundesnetzagentur meldete am Freitag, den 19. Juni 2026, dass die Kosten für Redispatch-Maßnahmen zur Stabilisierung des deutschen Stromnetzes ein neues Rekordniveau erreicht haben. Der schnelle Ausbau von Wind- und Solarenergie übersteigt die Kapazität der Übertragungsnetze, was zu massiven Engpässen beim Stromtransport zwischen dem Norden und dem Süden Deutschlands führt.

Die finanziellen Folgen der Netzinstabilität

Die Kosten für die Steuerung von Kraftwerken zur Vermeidung von Netzüberlastungen sind laut aktuellen Daten der Bundesnetzagentur massiv gestiegen. Diese Maßnahmen, die als Redispatch bezeichnet werden, dienen dazu, die Einspeisung von Strom aus Windparks im Norden zu drosseln und gleichzeitig konventionelle Kraftwerke im Süden hochzufahren, wenn die Kapazitäten der Hochspannungsleitungen erschöpft sind.

Der Prozess des Redispatch umfasst die technische Steuerung der Erzeugungsanlagen, um die Frequenzstabilität im 50-Hertz-Takt des europäischen Verbundnetzes zu wahren. Wenn die Kapazität der Leitungen überschritten wird, müssen die Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) aktiv eingreifen, um Schäden an der Infrastruktur und Blackouts zu verhindern. Dieser Eingriff erfordert umfangreiche Entschädigungszahlungen: Die Betreiber müssen den Windparkbetreibern den entgangenen Erlös aus der Stromproduktion ausgleichen und gleichzeitig die Mehrkosten für die hochgefahrenen thermischen Kraftwerke im Süden übernehmen.

Die finanziellen Belastungen für die Stromkunden steigen durch diese regulatorischen Eingriffe. Da die Kosten für den Redispatch über die Netzentgelte abgerechnet werden, verteilen sich die Ausgaben für die Netzsteuerung direkt auf die Endverbraucher und die Industrie. Die Übertragungsnetzbetreiber TenneT, Amprion, 50Hertz und TransnetBW müssen diese Maßnahmen koordinieren, um die Frequenzstabilität im europäischen Verbundnetz zu gewährleisten. Die Bundesnetzagentur überwacht dabei die Verteilung dieser Kosten und die Einhaltung der regulatorischen Vorgaben, um sicherzustellen, dass die Netzentgelte innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Grenzen bleiben.

Die Diskrepanz zwischen der Geschwindigkeit des Ausbaus regenerativer Anlagen und der Fertigstellung der Hochspannungs-Trassen führt zu einer systemischen Instabilität, die kostspielige Ausgleichsmaßnahmen erfordert.

Ein Sprecher der Bundesnetzagentur

Der Engpass zwischen Nord- und Süddeutschland

Ein zentrales Problem der deutschen Energiewende bleibt der Transport von Windstrom aus den Küstenregionen in die industriellen Zentren in Baden-Württemberg und Bayern. Während im Norden häufig ein Überschuss an erneuerbarer Energie produziert wird, der die Kapazität der Leitungen überschreitet, herrscht im Süden oft ein Defizit. Dieses Phänomen wird in Fachkreisen oft als strukturelles Ungleichgewicht zwischen Erzeugung und Lastverteilung beschrieben.

SG's Climate Speech – Thandile Chinyavanhu – Empower municipalities to lead the Energy Transition

Die Netzbetreiber berichten von zunehmenden Kapazitätsgrenzen in den bestehenden Nord-Süd-Korridoren. Diese Engpässe zwingen die Betreiber dazu, die Erzeugung im Norden künstlich zu begrenzen, obwohl die Nachfrage im Süden hoch ist. Dies führt zu einer ineffizienten Nutzung der installierten Kapazitäten von Wind- und Solaranlagen. In der Folge kommt es in windstarken Zeiten im Norden häufig zu negativen Strompreisen, während im Süden die Kosten für die Bereitstellung konventioneller Reservekapazitäten die Marktpreise treiben.

Dieses sogenannte Engpassmanagement ist ein notwendiger, aber teurer Teil des operativen Netzbetriebs. Die Bundesnetzagentur beobachtet dabei eine Entwicklung, bei der die Anzahl der notwendigen Eingriffe pro Jahr zunimmt. Dies deutet darauf hin, dass die bisherigen Maßnahmen zur Netzstabilisierung ohne einen massiven Ausbau der Infrastruktur nicht ausreichen werden, um die Klimaziele der Bundesregierung zu erreichen.

Infrastrukturprojekte und die Rolle von Speichern

Um den drohenden Kipppunkt des Systems abzuwenden, setzt die Bundesregierung auf den beschleunigten Ausbau der Übertragungsnetze und die Integration von Speicherkapazitäten. Große Infrastrukturprojekte wie die Trasse Südlink sollen den Stromfluss langfristig sichern, doch die Umsetzung verzögert sich in einzelnen Regionen durch langwierige Planungsverfahren und lokale Einsprüche. Südlink ist dabei ein entscheidendes Projekt, da es auf der Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) basiert. Diese Technologie ermöglicht es, Strom mit deutlich geringeren Verlusten über weite Distanzen zu transportieren als die herkömmliche Wechselstromtechnik.

Neben dem Netzausbau gewinnen dezentrale Lösungen an Bedeutung. Die Installation von großskaligen Batteriespeichern und die Nutzung von Wasserstoff als Energiespeicher sollen helfen, die Schwankungen zwischen Erzeugung und Verbrauch auszugleichen. Während Batteriespeicher vor allem dazu dienen, kurzfristige Schwankungen im Sekunden- bis Stundenbereich abzufangen, ist die Wasserstoffwirtschaft als langfristige Lösung konzipiert. Wasserstoff kann saisonale Überschüsse aus Windkraftanlagen speichern und bei Phasen geringer Wind- und Sonnenaktivität – der sogenannten Dunkelflaute – wieder in den Stromkreislauf zurückführen.

Ohne eine signifikante Steigerung der Speicherkapazitäten und den zeitnahen Abschluss der Trassenprojekte wird das Netz die Volatilität der erneuerbaren Energien nicht mehr ohne extreme Kosten bewältigen können.

Ein Analyst des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz

Die kommenden Monate werden zeigen, ob die geplanten Investitionen in die Netztechnologie und die Beschleunigung der Genehmigungsverfahren ausreichen, um die steigenden Redispatch-Kosten zu senken und die Versorgungssicherheit im industriellen Süden zu garantieren. Die Bundesnetzagentur wird in ihrem nächsten Quartalsbericht detailliert auf die Auswirkungen der aktuellen Ausbauplanung auf die Netzentgelte eingehen.

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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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