Karsten Wildberger spielt ein riskantes Spiel mit hohen Einsätzen. Deutschlands erster Digitalminister will nicht bloß ein paar Formulare digitalisieren, sondern eine echte digitale Industriepolitik betreiben. Sein Plan ist ambitioniert: Eine zentrale „Super-App“ für alle Bürger und ein deutsch-kanadischer KI-Champion, der den US-Tech-Giganten die Stirn bieten soll. Es ist der Versuch eines Ex-Managers, den trägen Apparat der staatlichen Verwaltung mit der Wucht großer IT-Konzerne zu modernisieren. Doch in der Branche regt man sich bereits auf. Die Frage ist, ob Wildberger hier eine echte Lösung baut oder uns lediglich ein neues, überteuertes IT-Monster beschert.
Die „Deutschland-App“ als digitales Rathaus
Die Vision ist simpel: Ein einziger Zugang für alles. Ob die Anmeldung des Wohnsitzes, Anträge auf Grundsicherung im Alter oder die Gründung eines Unternehmens – alles soll über das Smartphone laufen. Wildberger nennt es die „Deutschland-App“. Es geht darum, den Bürgern einen nahtlosen „One-Stop-Shop“ zu bieten, der Behördengänge weitgehend überflüssig macht. Die App soll als KI-basierte Plattform fungieren, über die man Termine bucht, Identitäten prüft und Informationen abruft.
Für die Umsetzung hat das Ministerium Schwergewichte beauftragt. SAP liefert die künstliche Intelligenz, die Nutzer durch das bürokratische Dickicht lotsen soll. Die Deutsche Telekom, konkret die Tochter T-Systems, übernimmt die Cloud-Infrastruktur und die Datenspeicherung. Sogar die Schwarz-Gruppe aus Heilbronn ist an Bord und steuert die Technologie ihres Wire-Messengers bei. Besonders die Ministerin für Arbeit und Soziales, Bärbel Bas, setzt große Hoffnungen in das Projekt; sie plant ein zentrales digitales Sozialportal.
Das Trauma der Corona-Warn-App und die Kritik der Branche
dass ausgerechnet SAP und die Telekom den Zuschlag erhielten, löst in der Digitalbranche Unmut aus. Man erinnert sich nur zu gut an die Corona-Warn-App, die von diesen Partnern kaum als Glanzstück bezeichnet werden kann. Kritiker werfen Wildberger vor, zu sehr in alten Denkmustern zu verharren. Warum setzt man nicht auf agile Startups oder Open-Source-Lösungen? Es wirkt fast so, als sei dem ehemaligen Ceconomy-Manager die Welt der Großkonzerne einfach vertrauter als die moderne Software-Szene.
Der Digitalexperte Holger Schmidt warnt vor einem neuen Riesen-IT-Projekt, das „teuer, zentralistisch und schwerfällig“ werden könnte. Es gibt eine Vorgeschichte: Das Onlinezugangsgesetz von 2017 sollte die Verwaltung längst digitalisiert haben. Die Frist lief 2022 ab, doch die Realität sieht anders aus. Wildberger versucht nun, dieses Versäumnis durch eine zentrale Anwendung zu heilen, anstatt die zugrunde liegenden Prozesse in den Kommunen und Ländern wirklich zu reformieren.
Ein demokratischer Front gegen Big Tech
Neben der App verfolgt Wildberger ein zweites, strategisches Ziel: Digitale Souveränität. Er will die deutsche KI-Hoffnung Aleph Alpha mit dem kanadischen Unternehmen Cohere verschmelzen. Ein solcher Zusammenschluss könnte einen freiheitlich-demokratischen Gegenpol zur Übermacht der amerikanischen Tech-Riesen bilden. Es ist ein klassischer Dealmaker-Ansatz. Wenn die Fusion gelingt, hätte Europa einen starken Partner für eine KI, die nicht allein nach den Regeln des Silicon Valley spielt.
Ob das betriebswirtschaftlich aufgeht, bleibt fraglich. Die beteiligten Firmen halten sich bisher bedeckt. Doch der politische Wille ist klar: Deutschland will nicht länger nur Konsument fremder Technologie sein, sondern Mitgestalter. Zusammen mit der EUDI Wallet soll die neue App die Beziehung zwischen Staat und Bürger grundlegend verändern. Wildberger betont jedoch, dass die Nutzung freiwillig bleibt. Der Staat soll nicht alles wissen, sondern der Bürger soll entscheiden, wie er die Dienste nutzt.
Was genau kann ich mit der Deutschland-App erledigen?
Die App soll als zentraler Zugang zu staatlichen Leistungen dienen. Konkret geht es um Wohnsitzanmeldungen, Anträge auf Grundsicherung, Kindergeldanträge und die Gründung von Unternehmen. Zudem sollen Termine gebucht und die eigene Identität verifiziert werden können.
Warum werden SAP und Telekom beauftragt, wenn es Kritik gibt?
Wildberger setzt auf die Kapazitäten und die bestehende Infrastruktur dieser Branchenriesen, um die nationale IT-Industrie zu stärken. Kritiker sehen darin jedoch ein Risiko, da diese Unternehmen in der Vergangenheit bei staatlichen App-Projekten nicht immer effizient lieferten und Startups oder Open-Source-Alternativen ignoriert wurden.
Welche Folgen hat die geplante KI-Fusion für Deutschland?
Die geplante Verschmelzung von Aleph Alpha und Cohere könnte Deutschland und Kanada zu einem „KI-Champion“ machen. Das Ziel ist es, eine demokratische Alternative zu den US-amerikanischen Big-Tech-Firmen zu schaffen und so die digitale Souveränität Europas zu erhöhen.