Der britische Vize-Premierminister David Lammy wies den US-Vizepräsidenten JD Vance am Samstag, den 6. Juni 2026, in einem Telefonat scharf zurück, nachdem dieser den Mord an dem 18-jährigen Henry Nowak auf Massenmigration zurückgeführt hatte. Der diplomatische Schlagabtausch eskalierte, nachdem Vance über soziale Medien in die britische Innenpolitik eingriff und die Justiz kritisierte.
Lammy kontert Vances Vorwürfe der Massenmigration
In einem Gespräch, das The Guardian als „robust“ beschreibt, stellte David Lammy klar, dass die Behauptungen des US-Vizepräsidenten faktisch falsch seien. Der Kern des Streits ist ein Post von Vance auf der Plattform X, in dem dieser einen „gerechten Zorn“ forderte und den Tod des Teenagers der „Masseninvasion von Migranten“ zuschrieb, die den Westen verachteten.
Lammy korrigierte Vance direkt: Der Mörder war kein Migrant, sondern Brite. Zudem betonte der Vize-Premierminister, dass die Mordraten im Vereinigten Königreich tatsächlich sinken.
„Das hat nichts mit Massenmigration zu tun. Dieser junge Mann war ein Brite … Ich sagte: ‚Hören Sie, Herr Vizepräsident, da liegen Sie falsch‘, und es ist zudem der Fall, dass Morde im Vereinigten Königreich eigentlich zurückgehen.
Trotz der harten Worte beschreibt Lammy das Verhältnis zu Vance als freundschaftlich, basierend auf gemeinsamen religiösen Überzeugungen und familiären Hintergründen. Dennoch bezeichnete er die öffentliche Kommentierung des Falls durch Vance als „nicht hilfreich“, insbesondere im Hinblick auf den Wunsch der trauernden Familie nach Ruhe.
Die Tat in Southampton und das Versagen der Polizei
Der Fall Henry Nowak ist durch eine grausame Wendung gekennzeichnet, die ihn zu einem Politikum machte. Nowak wurde im Dezember in Southampton erstochen. Der Täter, der 23-jährige Vickrum Digwa, ein Sikh, behauptete gegenüber der Polizei fälschlicherweise, er sei das Opfer eines rassistischen Übergriffs durch Nowak gewesen.

Wie ABC News berichtet, führte diese Falschaussage zu einem fatalen Fehler der Einsatzkräfte: Die Polizisten behandelten den sterbenden Nowak zunächst als Verdächtigen und legten ihm Handschellen an, bevor sie bemerkten, dass er schwer verletzt war und versuchten, ihn zu reanimieren.
- Täter: Vickrum Digwa (23), Brite.
- Tatwaffe: Ein 21 Zentimeter langer Sikh-Dolch.
- Urteil: Lebenslange Haft mit einer Mindeststrafe von 21 Jahren.
Die Independent Office for Police Conduct (IOPC) untersucht derzeit das Verhalten der Beamten am Tatort. Dass ein sterbender Jugendlicher gefesselt wurde, befeuert die Debatte über polizeiliche Fehlleistungen und die Wahrnehmung von Opfern je nach ethnischer Zugehörigkeit.
Vorwurf der „Zwei-Klassen-Justiz“ und internationale Einmischung
Während die britische Regierung die Vorwürfe einer voreingenommenen Justiz zurückweist, hat die Rhetorik aus den USA eine neue Dimension erreicht. Die AP News berichtet, dass sogar das US-Außenministerium die These einer „Zwei-Klassen-Polizeiarbeit“ (two-tier policing) aufgriff. In einem Post auf X bezeichnete das Ministerium diese Praxis als „glasklares Symptom eines zivilisatorischen Niedergangs“.
Diese Narrative werden im Vereinigten Königreich von rechtspopulistischen Kräften wie Nigel Farage und seiner Reform UK Partei aufgegriffen, die behaupten, weiße Briten würden vom Justizsystem benachteiligt. Im Gegensatz dazu warnte Ed Davey, der Führer der Liberal Democrats, davor, den Tod Nowaks zu politisieren – sei es durch „MAGA-Politiker wie Vance oder deren Handlanger hier im Vereinigten Königreich“.
Premierminister Keir Starmer reagierte empört auf die Einmischung aus Washington. Sein Büro kritisierte jene, die „versuchen, sich in unsere Demokratie einzumischen und Spaltung in unseren Straßen zu schüren“.
Systemische Disproportionalität vs. institutioneller Rassismus
Die Debatte über die Fairness des britischen Justizsystems ist komplex. David Lammy weigerte sich, die Polizei derzeit als „institutionell rassistisch“ zu bezeichnen – ein Begriff, der in der Ära des Stephen Lawrence zentral war. Er räumte jedoch ein, dass statistische Ungleichheiten bestehen.

„Wir sind alle vor dem Gesetz gleich, aber es ist immer noch der Fall, dass bei Festnahmen, Anklagen und Verurteilungen – ich fürchte, auch in unseren Gefängnissen – ethnische Minderheiten überproportional im Strafjustizsystem vertreten sind.
Laut einer Berichterstattung der BBC sieht Lammy diese Disproportionalität nicht ausschließlich im Rassismus begründet, sondern führt sie auch auf sozioökonomische Hintergründe zurück. Diese Nuance steht im krassen Gegensatz zur vereinfachten Darstellung aus den USA, die den Fall Nowak als Beleg für einen systematischen Zusammenbruch westlicher Werte interpretiert.
Die Rhetorik der „Invasion“ als diplomatisches Risiko
Der Vorfall mit Vance ist kein isoliertes Ereignis, sondern Teil eines breiteren Trends in der US-Regierungsrhetorik. Am 6. Juni, dem 82. Jahrestag des D-Day, nutzte US-Verteidigungsminister Pete Hegseth eine Rede in Frankreich, um europäische Küsten als Schauplatz einer neuen „Invasion“ zu beschreiben.
Hegseth zog eine Parallele zwischen der Befreiung Europas 1944 und der heutigen Migrationssituation in Spanien, Italien, Griechenland und Bulgarien. Er fragte rhetorisch, wann die europäischen Hauptstädte endlich gegen diese „Invasion“ vorgehen würden.
Diese Sprache – die Begriffe „Invasion“ und „zivilisatorischer Niedergang“ – transformiert einen tragischen Kriminalfall in Southampton in ein ideologisches Schlachtfeld. Für die Familie von Henry Nowak ist dies besonders schmerzhaft. Sein Vater, Mark Nowak, betonte mehrfach, dass der Tod seines Sohnes nicht dazu genutzt werden dürfe, um „weitere Spaltung, Hass oder Spannungen“ zu erzeugen.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die persönliche Freundschaft zwischen Lammy und Vance ausreicht, um die diplomatischen Spannungen zu glätten, oder ob die US-Administration die britische Justiz weiterhin als Beispiel für ein scheiterndes Europa instrumentalisieren wird.