US-Biotechnologieunternehmen und Risikokapitalgeber stehen im Mai 2026 vor einem strategischen Dilemma: Während sie massiv auf chinesische Wirkstoffkandidaten setzen, wächst die Angst vor einem dauerhaften Verlust der technologischen Führung. Trotz politischer Warnungen stiegen die Lizenzverträge mit chinesischen Firmen im letzten Jahr auf über 60, was die Abhängigkeit vertieft.
Der Ansturm auf chinesische Lizenzen
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Die US-Biotech-Branche ist derzeit regelrecht süchtig nach Innovationen aus Fernost. Laut Daten von BioPharma Dive wurden im vergangenen Jahr mehr als 60 Lizenzvereinbarungen mit chinesischen Unternehmen geschlossen. Allein im bisherigen Verlauf des Jahres 2026 folgten bereits über zwei Dutzend weitere Deals. Die Anziehungskraft Chinas liegt in einer flexiblen Regulierung und deutlich geringeren Entwicklungskosten. US-Firmen können so vielversprechende Wirkstoffkandidaten schnell aufgreifen und vorantreiben, ohne die frühen, riskanten Phasen selbst finanzieren zu müssen. Doch dieser Erfolg hat einen Preis. Während die kurzfristigen Gewinne stimmen, warnen Beobachter davor, dass die USA damit ihren langjährigen Vorsprung im Bereich der Medikamentenentwicklung systematisch aushöhlen.Das Risiko der strategischen Abhängigkeit
Innerhalb der Branche tobt ein heftiger Streit darüber, ob China ein Partner oder eine existenzielle Bedrohung ist. Eine Gruppe von Biotech-Loyalisten, wie The Boston Globe berichtet, sieht in der aktuellen Strategie eine gefährliche Naivität. Sie ziehen Parallelen zu den Sektoren für Seltene Erden und Elektroautos. Dort war China anfangs bereit, die billige und schmutzige Arbeit für westliche Unternehmen zu übernehmen, bis es genug Expertise aufgebaut hatte, um diese Märkte komplett zu dominieren. Die Befürchtung ist, dass bei der nächsten großen Krebstherapie die Patente plötzlich in staatlichen chinesischen Laboren liegen werden.„Sie machen Sie von etwas abhängig und nutzen dies dann als Hebel. Sie sind die Kokainhändler des Globalismus.“

„Die unbequeme Realität ist, dass es Gewinner und Verlierer gibt, wenn solche Dinge passieren. Das ist der Mindesteinsatz für den kompromisslosen amerikanischen Kapitalismus.“
Simeon Georges Kampf gegen halbgebackene Ideen
Nicht jeder sieht in der chinesischen Konkurrenz eine Gefahr. Simeon George, CEO und Managing Partner von SR One, betrachtet die Situation sogar als gesund für das globale Ökosystem. Für ihn zwingt der Druck aus China die US-Investoren dazu, ihre Strategien zu überdenken und selektiver vorzugehen. George argumentiert, dass die Zeit der Wetten auf halbgebackene Ideen vorbei ist. Stattdessen führt die globale Konkurrenz zu Investitionen mit einer höheren Überzeugung. Die Strategie von SR One zeigt sich in konkreten Beteiligungen:- AirNexis Therapeutics: Basiert auf einem in China entdeckten Medikament gegen Lungenerkrankungen.
- Corxel Pharmaceuticals: Entwickelt ein Medikament gegen Adipositas, das von einer chinesischen Biotech-Firma lizenziert wurde.
„Das Ökosystem ist globaler und wettbewerbsintensiver. Das ist keine Bedrohung für die US-Wissenschaft. Es ist ein Zwang zur Investition mit höherer Überzeugung.“
Das Gefangenendilemma der Investoren
Zwischen den Fronten der Ideologen und der Optimisten gibt es eine dritte Gruppe: Investoren, die sich in einem klassischen Gefangenendilemma befinden. Sie würden die Zusammenarbeit mit China vielleicht gerne einschränken, können es sich aber nicht leisten, während die Konkurrenz in Shanghai einkauft. Diese Akteure fordern ein Eingreifen der Regierung, um den Markt zu regulieren. Bis dies geschieht, folgen sie der Logik des Profits. Die moralischen Bedenken treten hinter der Aussicht auf massive Renditen zurück.„Solange es mir nicht untersagt wird, werde ich es natürlich tun. Es gibt in diesem Umfeld zu viele gewinnorientierte Akteure, die bereit sind, ihre Ethik zu opfern, um bei jedem Deal 100 Millionen Dollar zu verdienen.“
