Bilbao hat das Peloton wieder einmal daran erinnert, dass es bei der „Itzulia“ keine Geschenke gibt. Wer in der Baskenland-Rundfahrt 2026 Erfolg haben will, muss den Schmerz bereits in der ersten Sekunde akzeptieren. Das wurde beim Auftaktzeitfahren am 6. April deutlich, als Paul Seixas die Konkurrenz schlug und bewies, dass junge Beine oft die nötige Frische für diese brutalen Rampen besitzen. Für die etablierten Stars wie Primoz Roglic war es ein Weckruf: Selbst ein starkes Zeitfahren reicht nicht aus, wenn man 28 Sekunden hinter dem Etappensieger landet.
Ein Zeitfahren ohne Gnade
Die Organisatoren haben für den Start in Bilbao bewusst auf ein Profil gesetzt, das Sprintern jede Hoffnung nimmt. Auf nur 13,8 Kilometern warteten die Fahrer auf einen frühen Anstieg der 3. Kategorie hinauf nach Santo Domingo. Wer hier zu viel Risiko geht, zahlt den Preis am Ende. Das Finale reservierte sich eine knallharte Schlussrampe mit neun Prozent Steigung, die die Laktatschwelle jedes Profis austestet.
Primoz Roglic belegte am Ende den vierten Platz. Der Slowene wirkte gefasst, doch die Lücke zu Seixas ist im Kontext eines Gesamtsiegs spürbar. Roglic betonte nach dem Rennen, er sei zufrieden, doch der Ehrgeiz bleibt. Er will sein Bestes geben, doch die Realität auf der Straße zeigt, dass die Hierarchien in diesem Jahr instabil sind.
Lipowitz und die Wette gegen die Erschöpfung
Besonders interessant ist die Ausgangslage von Florian Lipowitz. Der Deutsche kam direkt aus der Katalonien-Rundfahrt, wo er einen dritten Platz feierte. Dass er nun auch in Baskenland antritt, war eine spontane Entscheidung. Lipowitz selbst rief im Team an, als Krankheiten den Kader in Katalonien ausgedünnt hatten. Er wollte seine gute Form nutzen, statt sich im Hotel auszuruhen.
Sechster Platz im Zeitfahren ist ein beachtliches Ergebnis für jemanden, der die Beine von der Vorwoche noch spürt. Lipowitz wirkt motiviert und sieht sich gemeinsam mit Roglic in einer Lauerstellung. Die Strategie ist klar: Die Form aus Katalonien in den extremen Anstiegen der nächsten fünf Tage zu verwandeln und den jungen Seixas unter Druck zu setzen.
Die Qualen der kommenden Etappen
Wenn das Zeitfahren bereits so hart war, wird der Rest der Woche zur Tortur. Die Strecke der 65. Ausgabe der Itzulia ist ein einziger Kampf gegen die Gravitation. Fast jede Etappe endet bergauf. Die Sprinter können ihre Fahrräder eigentlich direkt an der Startlinie stehen lassen.
- Etappe 2 (Pamplona-Iruna nach Cuevas de Mendukilo): Hier warten rund 3.300 Höhenmeter. Der Etxauri-Anstieg startet fast unmittelbar nach dem Beginn. Das Finale über San Miguel de Aralar (9,5 km, 7,7 %) und die abschließenden vier Kilometer bergauf werden die erste echte Selektion des Rennens bewirken.
- Etappe 3 (Basauri): Auf 152,8 Kilometern müssen die Fahrer 2.800 Höhenmeter bezwingen. Die Entscheidung fällt vermutlich am Bikotx-Gane, bevor eine letzte 400-Meter-Rampe mit neun Prozent den Tag krönt.
- Etappe 4 (Galdakao): Diese Etappe ist ein Albtraum für die Beine. Sieben kategorisierte Anstiege stehen auf dem Plan. Besonders tückisch ist der Rundkurs am Elorritxueta, der zweimal aus verschiedenen Winkeln überquert wird, gefolgt von der Legina-Rampe.
Zuletzt kehrt die traditionelle Eibar-Etappe zurück, die oft als das Herzstück der Rundfahrt gilt. Wer hier nicht mit maximaler Energie startet, verliert den Anschluss an die Weltspitze.
Wer ist der Favorit für den Gesamtsieg?
Nach dem ersten Tag ist Paul Seixas der Mann im Visier. Doch die Erfahrung von Primoz Roglic und die aktuelle Form von Florian Lipowitz machen das Red-Bull-Lager gefährlich. Die extremen Höhenmeter der kommenden Tage könnten den Vorteil des jungen Seixas schmelzen lassen, falls die Ausdauer der Routiniers überwiegt.
Welche Besonderheiten hat das Zeitfahren in Bilbao?
Der Kurs ist eine exakte Kopie des Zeitfahrens von 2021. Damals siegte Roglic vor Vingegaard und Pogacar. Die Strecke ist kurz (13,8 km), aber extrem intensiv durch den frühen Anstieg nach Santo Domingo und die steile Schlussrampe.
Wie beeinflusst die Belastung aus Katalonien Florian Lipowitz?
Lipowitz geht mit einer hohen Grundform in das Rennen, was ihm den sechsten Platz ermöglichte. Gleichzeitig besteht das Risiko einer Übermüdung. Da er den Start in Baskenland selbst gewünscht hat, setzt er auf den psychologischen Vorteil des „Flows“, hofft aber, dass die Beine in den steilen Rampen von Galdakao nicht plötzlich streiken.