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Unterhaltung

Bachmannpreis: Kann man mit Österreich alles entschuldigen?

Die Lesungen zum 50. Bachmannpreis in Klagenfurt endeten am Samstagnachmittag, den 27. Juni 2026. Während die Jury über sprachliche Ökonomie und nationale Eigenheiten stritt, gelten nun Kinga Tóth, Magdalena Schrefel, Jovana Reisinger, Lena Schätte und Gesche Heumann als Favoritinnen für die Vergabe der Preise am Sonntag.

Wolfgang Popps Metatext und der Streit um österreichische Eigenheiten

Wolfgang Popps Metatext und der Streit um österreichische Eigenheiten
Photo: Oberösterreichische Nachrichten
Der dritte Lesetag gipfelte in einer Debatte über die kulturelle Identität Österreichs, ausgelöst durch den Wiener Ö1-Redakteur Wolfgang Popp. Sein Text mit dem Titel „Jetzt bin ich neugierig“ begann mit einer Provokation: Popp behauptete während der Lesung, dass der vorgetragene Text nicht derjenige sei, den er ursprünglich eingereicht habe. Das Spiel mit Tarnung und Täuschung spaltete die Jury. Während Klaus Kastberger das Werk als sehr gelungen bezeichnete und es in den österreichischen Traditionen des Sprachspiels verortete, sah Thomas Strässle darin einen „poetologisch hoch überdosierten Text“. Laut Kurier entbrannte zwischen den Juroren ein Schlagabtausch, als Kastberger die autoreferenziellen Wiederholungen als typisch österreichisch bezeichnete. „Man kann mit Österreich nicht alles entschuldigen.“ Thomas Strässle, Juror Mara Delius lobte zwar die escherhaften Bilder in diesem Metatext, doch für Strässle stellte sich der Text letztlich selbst ein Bein, da er sich zu sehr selbst erkläre.

Derya Uzun: Zwischen psychologischer Spannung und sprachlichen Mängeln

Derya Uzun: Zwischen psychologischer Spannung und sprachlichen Mängeln
Photo: Der Standard
Den Samstag eröffnete die jüngste Teilnehmerin des Wettbewerbs, Derya Uzun, mit ihrem Text „Fragmente eines Suizids“. Die Erzählung thematisiert die Beziehung einer Tochter, die als Literaturwissenschafterin an der Universität Bayreuth tätig ist, zu ihrer manisch-depressiven Mutter. Die Reaktionen der Jury waren ambivalent. Thomas Strässle hob den Humor und die psychologischen Spannungselemente hervor, während Philipp Tingler „sprachliche Unbeholfenheiten“ und konventionelle Passagen kritisierte. Besonders ein Detail im Text sorgte für Aufmerksamkeit: die Beschreibung eines Suizidversuchs mit Salz von Aldi, was Mithu Sanyal als „wunderbar proletarisch“ bezeichnete. Ein einzelner Satz stach jedoch aus der gesamten Diskussion hervor. Laut ORF kürte Klaus Kastberger folgende Zeile zum Highlight des gesamten Wettbewerbs: „Die Torte gab auf.“ Klaus Kastberger, Juror Während Strässle ein „wunderbares offenes Ende“ sah, interpretierte Tingler das Finale eher als einen Gefühlsüberschuss.

Christoph Szalays Skisprung-Lyrik als Text für Alpenvölker

Bachmannpreis-Podcast 2026: Verweigerung am ersten Lesetag und ein Gespräch mit Helga Schubert
Ein thematischer Kontrast zur sommerlichen Hitze in Klagenfurt war der Text „Amiata“ des Grazer Lyrikers Christoph Szalay. Der ehemalige nordische Kombinierer verwob Fachwissen über das Skispringen mit Naturbeschreibungen in den italienischen Alpen und existenziellen Erfahrungen, darunter die Aufzählung tödlicher Unfälle. Die Jury reagierte mit einer Mischung aus technischer Bewunderung und inhaltlicher Ratlosigkeit. Philipp Tingler zeigte sich begeistert vom Zusammenspiel von Technik und Lyrik, während Laura de Weck und Mithu Sanyal zugaben, nicht vollständig in den Text einsteigen zu können. Sanyal bezeichnete die Thematik sogar als uninteressant, wobei sie einen Text über Fußball als noch schlimmer einstufte. Klaus Kastberger hingegen sah in dem Werk eine „Relevanz weit über das Skispringen hinaus“ und definierte es als einen Text für Alpenvölker.

Regelbrüche und die Favoritinnen der 50. Bachmann-Tage

Regelbrüche und die Favoritinnen der 50. Bachmann-Tage
Photo: Bachmannpreis
Abseits der literarischen Analysen sorgten formale Fragen für Unruhe. Im Rahmen der „50. Tagen der deutschsprachigen Literatur“ kam es zu Vorwürfen gegen Caroline Rosales und Slata Roschal. In sozialen Netzwerken wurde behauptet, Teile ihrer Texte seien bereits veröffentlicht worden. Nach einer Prüfung durch den Wettbewerbsnotar wurde jedoch entschieden, dass die Texte „statutenkonform“ seien, da es sich um literarische Bearbeitungen handele. Laut Der Standard konnten die Vorwürfe nicht erhärtet werden, sodass beide Autorinnen im Wettbewerb verbleiben. Zum Abschluss der Lesungen präsentierte Gesche Heumann ihren Text „Das tiefe Gesicht“. Die Jury lobte insbesondere die Erzählökonomie, wobei Laura de Weck scherzhaft fragte, ob Seiten im Text fehlen würden. Die Spannung verlagert sich nun auf den Sonntag. Laut Salzburger Nachrichten kristallisieren sich folgende Favoritinnen für den Preis heraus:
  • Kinga Tóth (Ungarin, wohnhaft in Waidhofen/Ybbs)
  • Magdalena Schrefel (Österreicherin, wohnhaft in Berlin)
  • Jovana Reisinger (deutsche Autorin)
  • Lena Schätte (deutsche Autorin)
  • Gesche Heumann (Kölner Künstlerin)
Damit bleibt offen, ob die Jury am Sonntag die sprachliche Strenge der Erzählökonomie oder die riskanten Metatexte der österreichischen Tradition belohnt.

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Sophie Krueger

Über den Autor

Sophie Krueger leitet das Unterhaltungsressort von Germanic Nachrichten. Ihr Schwerpunkt liegt auf Film, Streaming, Popkultur und prominenten Entwicklungen mit redaktioneller Einordnung und sauberer Quellenlage.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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