Zum Inhalt springen
Unterhaltung

Anne Carson erhält den Nobelpreis für Literatur

Die kanadische Dichterin und Altphilologin Anne Carson hat am 8. Oktober 2026 den Nobelpreis für Literatur erhalten. Die Schwedische Akademie in Stockholm würdigte damit ein genreübergreifendes Werk, das antike Mythen und klassische Traditionen in einen modernen Dialog mit der Gegenwart bringt.

Die Auszeichnung für die 76-jährige Autorin ist mit zwölf millionen schwedischen Kronen dotiert, was umgerechnet etwa 1,1 millionen Euro oder 1,2 millionen US-Dollar entspricht. Alfred Nobel, der schwedische Erfinder des Dynamits und Geschäftsmann, legte die Preise in seinem Testament fest; sie werden seit 1901 verliehen. Als die Ständige Sekretärin der Akademie, Ingrid Carlberg, die Preisträgerin telefonisch erreichte, hielt sich Carson in Island auf.

„Sie war sehr überrascht.“

Ingrid Carlberg, Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie

In den Tagen vor der Bekanntgabe des Literaturpreises wurden in der gleichen Woche bereits die Nobelpreise für Medizin, Physik und Chemie verknündet. Die Auszeichnung für Medizin ging an drei Wissenschaftler für eine Entdeckung mit Licht zur Erforschung der Gehirnfunktionen. Der Nobelpreis für Physik würdigte die Bemühungen um das Verständnis einer seltenen Gruppe von Neutrinos, während die Chemiedrehung zwei Forscher für die Aufklärung spiegelbildlicher Moleküle ehrte. Die Auszeichnung für Literatur bildete den vierten Preis der Woche, gefolgt vom Friedenspreis in Oslo am Freitag und dem Preis für Wirtschaftswissenschaften am darauffolgenden Montag.

Anne Carson erhält den Nobelpreis für Literatur
Foto: news18.com

Das Werk zwischen antiker Tradition und modernen Formen

Carson blickt auf ein mehr als vier Jahrzehnte umspannendes Schaffen zurück, das Lyrik, Prosa, Essays, Übersetzungen und klassische Philologie miteinander verknüpft. Die in Toronto geborene Autorin verbrachte viel Zeit auf der arktischen Insel und erhielt im Jahr 2022 gemeinsam mit ihrem Ehemann Robert Currie die isländische Staatsbürgerschaft. Vor ihrer literarischen Laufbahn wurde sie als Klassizistin ausgebildet und lehrte an Universitäten in Kanada und den Vereinigten Staaten alte Griechisch-Literatur.

Internationale Beachtung für den Versroman und genreübergreifende Collagen

Breite internationale Aufmerksamkeit erlangte Carson im Jahr 1998 mit ihrem Werk Autobiography of Red, einem Versroman, der durch den griechischen Dichter Stesichorus und den Mythos von Geryon inspiriert wurde und von vielen als ihr Meisterwerk gefeiert wird. Im Jahr 2019 erschien auf Deutsch der Doppelband Rot. Zwei Romane in Versen im Verlag S. Fischer, der den Nachfolger Red Doc mit einbezog. Zu ihren weiteren bekannten Büchern zählt das im Jahr 2016 erschienene Werk Float, das aus 22 kleinen Broschüren zu unterschiedlichen Themen besteht, die in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können. Nach der Fertigstellung des Proust gewidmeten Schreibens verfasste sie zudem The Albertine Workout, um das Erlebnis zu verlängern. Sie betätigte sich auch als bildende Künstlerin und betrachtete die Erschaffung eines Gedichts wie die Erschaffung eines physischen Objekts.

Kanadierin Anne Carson bekommt Literatur-Nobelpreis

Neben ihren eigenen Texten hat sich Carson vor allem als Übersetzerin antiker Texte einen Namen gemacht. Ihre Übertragungen von Sappho und anderen griechischen Autoren wie den tragischen Stücken von Sophokles sowie Werken von Euripides stehen gleichberechtigt neben ihren Originalschöpfungen.

Anders Olsson, Vorsitzender des Literaturkomitees, sagte, dass fast ihre gesamte literarische Produktion auf der Schnittstelle zwischen der Besessenheit des Philologen mit Wörtern und dem Wunsch des Dichters nach neuer Bedeutung zentriert sei.

Anne Carson erhält den Nobelpreis für Literatur
Foto: thestar.com.my

Zu ihren viel beachteten Veröffentlichungen gehören zudem Eros the Bittersweet über das Begehren in der antiken griechischen Literatur sowie Men in The Off Hours, eine Gedicht- und Prosasammlung, die im Jahr 2001 den Griffin Poetry Prize von Kanada gewann. Das Internationale Literaturfestival Berlin führt darüber hinaus den Lannan Award unter den Ehrungen auf, die sie im Laufe ihrer Karriere erhielt. Im vergangenen Jahr ging der Literaturnobelpreis an den ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai. Die letzten deutschen Preisträger waren Herta Müller im Jahr 2009, Günter Grass im Jahr 1999 und Heinrich Böll im Jahr 1972.

Reaktionen auf die Entscheidung in Stockholm

In den Tagen vor der Bekanntgabe wurde die Vergabe von der Schwedischen Akademie in Stockholm verkündet. Die Bemühungen, Carsons Literaturagentin Nicole Aragi zu erreichen, blieben zunächst ohne unmittelbaren Erfolg. Mit der Auszeichnung für Anne Carson ehrt die Akademie eine Autorin, die den Brückenschlag zwischen wissenschaftlicher Antike und zeitgenössischer Formensuche meisterhaft vollzieht.

Teilen Facebook X WhatsApp E-Mail
Sophie Krueger

Über den Autor

Sophie Krueger leitet das Unterhaltungsressort von Germanic Nachrichten. Ihr Schwerpunkt liegt auf Film, Streaming, Popkultur und prominenten Entwicklungen mit redaktioneller Einordnung und sauberer Quellenlage.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.