Mitarbeiter der Dortmunder Universitätsbibliothek entdeckten eine bislang unbekannte Widmung von Albert Einstein in einem Buch aus dem Jahr 1952. Das Werk „Socialism and American Life“ gelangte über eine private Schenkung in den Bestand. Die Archivleitung bestätigte die Echtheit der handschriftlichen Notiz, die an den Ökonomen Otto Nathan gerichtet war.
Der Fund ist ein klassischer Zufall der Bibliophilie. Ein Amerikanist namens Walter Grünzweig überließ der Bibliothek kürzlich mehr als 4.000 Bände nordamerikanischer Literatur. In dieser Masse an Büchern befand sich ein zweibändiges Werk der Princeton University Press, das auf den ersten Blick unscheinbar wirkte.
Der 35-Dollar-Fund aus New York
Die Geschichte des Buches begann Jahrzehnte vor seiner Ankunft in Dortmund. Grünzweig rekonstruierte mithilfe seiner Tagebücher, dass er den Band im Juli 1993 in einer Antiquariats-Buchhandlung in New York erworben hatte. Der Preis betrug damals lediglich 35 Dollar.
Ein Preisschild in dieser Höhe klebt noch immer an der Innenseite des Buches. Dass weder der Käufer noch die Mitarbeiter der Buchhandlung die Widmung bemerkten, ist bemerkenswert. Die Bibliothek ist sich sicher, dass die Verkäufer einen deutlich höheren Preis verlangt hätten, wäre die Handschrift des Nobelpreisträgers sofort erkannt worden.
Grünzweig kaufte damals eine große Menge an gebrauchten Büchern. In der Eile des Erwerbs blieb die Notiz auf dem Vorsatzblatt unbemerkt, bis das Werk nun Teil einer institutionellen Sammlung wurde.
Die Verbindung zu Otto Nathan
Die Widmung ist an Otto Nathan gerichtet, einen deutsch-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler (1893–1987), der später als Nachlassverwalter Einsteins fungierte. Nathan war nach 1933 in die USA emigriert und lehrte von 1933 bis 1935 in Princeton, New Jersey. Dort lernte er Einstein kennen, der Deutschland ebenfalls nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlassen hatte.

Beide Männer waren Teil eines Netzwerks deutscher Intellektueller im Exil, die in den USA neue Wirkungsstätten fanden. In Princeton war das Institute for Advanced Study (IAS) ein zentraler Knotenpunkt für diese Gemeinschaft. Nathan und Einstein verband nicht nur die gemeinsame Herkunft, sondern eine tiefe gegenseitige Wertschätzung, die über die rein akademische Zusammenarbeit hinausging.
Der Inhalt der Notiz aus dem Jahr 1952 zeugt von einer engen persönlichen Beziehung und einer gemeinsamen intellektuellen Distanz zu anderen Zeitgenossen.
„Dem lieben Otto Nathan / Dem Freund und Heiligen / Dies Buch über die Irrfahrten seiner Kollegen. A. Einstein 1952.“
Diese Worte verleihen dem physischen Objekt eine zusätzliche historische Ebene. Es handelt sich nicht nur um ein wissenschaftliches Werk, sondern um ein Dokument einer Freundschaft im Exil.
Bedeutung des Werks „Socialism and American Life“
Besonders bedeutsam ist die Wahl des Buches. Bei „Socialism and American Life“ handelt es sich nicht um ein Werk eines anderen Autors, sondern um einen Essay von Albert Einstein selbst, der 1949 veröffentlicht und später in Buchform durch die Princeton University Press herausgegeben wurde. In diesem Text setzte sich Einstein kritisch mit dem Kapitalismus auseinander und plädierte für eine geplante Wirtschaft, um soziale Ungerechtigkeiten zu überwinden.

Dass Einstein das Buch mit dem Hinweis auf die „Irrfahrten seiner Kollegen“ widmete, bezieht sich auf die ökonomischen Theorien seiner Zeit. Da Otto Nathan selbst ein renommierter Wirtschaftswissenschaftler war, ist die Widmung als ein Insider-Kommentar zwischen zwei Experten zu verstehen, die die theoretischen Fehlentwicklungen der damaligen Wirtschaftswissenschaften gemeinsam analysierten.
Die Echtheitsprüfung in Dortmund
Um die Authentizität der Zeilen zu sichern, führte die Universitätsbibliothek einen digitalen Abgleich durch. Stephanie Marra, die Leiterin des Universitätsarchivs, verglich die Handschrift mit verschiedenen digital verfügbaren Widmungen, Eintragungen und Autografen Einsteins.
Das Ergebnis der Analyse war eindeutig. Die Archivleitung bewertet die Widmung klar als Original. Besonders hervorzuheben ist die Seltenheit des Fundes: Soweit bekannt, ist dies das einzige Buch, das Otto Nathan von Albert Einstein mit einer persönlichen Widmung erhalten hat.
Der Prozess der Verifizierung unterstreicht die Bedeutung digitaler Archive für die heutige Provenienzforschung. Ohne den Zugriff auf eine breite Datenbank von Referenzautografen wäre eine so schnelle und sichere Zuordnung kaum möglich gewesen. Die Prüfung umfasst dabei die Analyse von Buchstabenformen, dem Druck des Stifts und den spezifischen Eigenheiten der Handschrift Einsteins.
Historische Einordnung und Wert
Der Kontrast zwischen dem ursprünglichen Kaufpreis von 35 Dollar und dem historischen Wert des Dokuments ist eklatant. Während der materielle Wert des Buches als Druckwerk gering ist, steigt der Wert durch die Verbindung zweier bedeutender Intellektueller des 20. Jahrhunderts massiv an.
Die Tatsache, dass Einstein ein Buch über „Sozialismus und amerikanisches Leben“ wählte, um Nathan die „Irrfahrten seiner Kollegen“ zu spiegeln, gibt Einblicke in die privaten Diskussionen über politische und ökonomische Systeme, die die beiden Männer in Princeton verbanden. Es dokumentiert Einsteins lebenslanges Interesse an gesellschaftlichen Fragen, die weit über die theoretische Physik hinausgingen.
Für die Dortmunder Universitätsbibliothek bedeutet der Fund einen bedeutenden Zuwachs an kulturellem Kapital. Das Buch ist nun nicht mehr nur Teil einer literaturwissenschaftlichen Sammlung, sondern ein wissenschaftshistorisches Unikat, das die Netzwerkstrukturen der Emigrationsgemeinschaft in den USA dokumentiert und die persönlichen Bindungen zwischen Physik und Wirtschaftswissenschaft im Exil sichtbar macht.
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