Nach der Abwahl des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán hat auch Serbiens Staatschef Aleksandar Vučić eine schwere Wahlniederlage einstecken müssen.
Wie Serbiens Studierendenbewegung den langjährigen Machthaber Vučić stürzte
Präsident Aleksandar Vučić räumte am Sonntag seine Niederlage bei vorgezogenen Parlamentswahlen ein. Die Abstimmung war nach fast zwei Jahren landesweiter Proteste einberufen worden, die sich im November 2024 nach dem Einsturz einer Bahnhofsdachkonstruktion in Novi Sad entzündet hatten. Bei dem Unglück starben 16 Menschen, und die Tragödie löste massive Wut über wahrgenommene Korruption und mangelnde Transparenz bei Renovierungsverträgen aus.
Aus der zunächst führerlosen Protestbewegung formierte sich mit der Studentska lista
eine schlagkräftige politische Kraft. Unter der Führung des Kardiologen Ilija Srđanović vereinte die Liste 250 Kandidaten, darunter Akademiker, Ärzte und Künstler. Nach Auszählung fast aller Stimmen sicherte sich das Bündnis mehr als 53 Prozent der Stimmen und rund 140 Sitze im 250-köpfigen Parlament in Belgrad. Die Wahlbeteiligung erreichte historische fast 70 Prozent – der höchste Wert seit dem Zerfall Jugoslawiens im Jahr 1992.

Welche Rolle ungarische Aktivisten bei der Verhinderung von Wahlbetrug spielten
Massive Wählermobilisierung und internationale Zusammenarbeit trugen entscheidend zum Erfolg bei. Aktivisten der ungarischen Bürgeraktion DE reisten nach Serbien, um Wahlbeobachter in der nordserbischen Provinz Vojvodina zu unterstützen. Bereits im Sommer hatten sie Workshops veranstaltet, um Methoden aus den Wahlen in Ungarn an serbische Studierende weiterzugeben. Ein zentraler Ansatz war die Identifizierung sogenannter infizierter Wahldokumente und gefährdeter Stimmbezirke aus früheren Urnengängen.
Zusammen mit stationären Beobachtern agierten nach Angaben von Beteiligten 20 bis 23 Freiwillige an bedrohten Standorten als Abschreckung gegen Einschüchterungen und Unregelmäßigkeiten. Die Kooperation knüpfte an Verbindungen an, die Orbán und Vučić zuvor auf staatlicher Ebene gepflegt hatten, darunter gemeinsame Pläne für den ungarischen Erwerb des serbischen Ölkonzerns NIS und den Bau einer Schnellfahrstrecke zwischen Belgrad und Budapest mit chinesischer Finanzierung.
Blickt Kroatien nach den Umstürzen in Ungarn und Serbien auf einen Regierungswechsel?
Nachdem Viktor Orbán in Ungarn nach 18 beziehungsweise 16 Jahren an der Macht verdrängt wurde und nun Vučić abtreten musste, stellen Beobachter die Frage, ob Kroatien als Nächstes folgt. Dort regiert die Kroatische Demokratische Gemeinschaft (HDZ) unter Ministerpräsident Andrej Plenković kontinuierlich seit 2016. Laut Politikwissenschaftler Tihomir Cipek von der Universität Zagreb weist das kroatische System Züge von Clientelismus, parteiischen Ernennungen und Korruption auf, auch wenn kein autonomes System nach ungarischem oder serbischem Vorbild errichtet wurde.
Einer im Oktober 2026 erhobenen Umfrage von CRO Demoskop zufolge glauben mehr als 75 Prozent der Befragten, dass sich das Land in die falsche Richtung bewegt, während lediglich knapp über 17 Prozent den entgegengesetzten Kurs sehen. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ist groß.
| Partei / Bündnis in Kroatien | Unterstützung laut CRO Demoskop (Oktober 2026) |
|---|---|
| HDZ | 25 Prozent |
| SDP | Knapp unter 20 Prozent |
| Možemo | Fast 14 Prozent |
| Most | Annähernd 10 Prozent |
Kroatische Opposition muss Unzufriedenheit politisch kanalisieren
Die Unzufriedenheit schlägt sich nicht automatisch in Stimmzuwächsen für die größte Oppositionspartei SDP nieder.

Cipek betont jedoch, dass das Potenzial für einen Regierungswechsel aufgrund der grassierenden Unzufriedenheit vorhanden ist. Die entscheidende Frage bleibe, wie diese Stimmung politisch kanalisiert wird. There is potential for a change of government because dissatisfaction is high. The key is how it will be politically articulated. If the SDP and Možemo organise well, change is possible,
erklärte Cipek mit Blick auf die Notwendigkeit von klareren politischen Programmen und intensiverer Wählermobilisierung.
Machtwechsel in Serbien bedeutet Verschiebungen für internationale Diplomatie
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Erweiterungskommissarin Marta Kos begrüßten das Wahlergebnis und boten Unterstützung an. Für die internationale Diplomatie bedeutet der Machtwechsel in Serbien erhebliche Verschiebungen. Für den Kreml hingegen markiert der Abgang Vučićs nach dem Fall Orbáns den nächsten herben Rückschlag im europäischen Raum, da enge Partner in der EU- und NATO-Nachbarschaft dünner gesät werden.
Dennoch bleibt der künftige Kurs der neuen serbischen Führung in der Frage der EU-Sanktionen gegen Russland und bezüglich des Status von Kosovo ungewiss.