Die italienische Wettbewerbsbehörde AGCM untersucht Sephora und Benefit Cosmetics wegen mutmaßlicher verdeckter Marketingstrategien, die Kinder zu einer zwanghaften Hautpflege-Besessenheit namens „Cosmeticorexia“ verleiten. Experten wie Prof. Giovanni Damiani warnen vor dermatologischen Schäden und psychischen Risiken wie Körperdysmorphie bei Kindern ab zehn Jahren, die intensive Anti-Aging-Produkte verwenden.
Ermittlungen gegen Sephora und Benefit Cosmetics wegen verdecktem Marketing
Die Nutzung von Mikro-Influencern, um Produkte direkt an eine sehr junge Zielgruppe zu vermarkten, steht im Zentrum einer neuen Untersuchung in Italien. Die italienische Wettbewerbsbehörde AGCM hat zwei offizielle Ermittlungen gegen die Beauty-Riesen Sephora und Benefit Cosmetics eingeleitet. Gegenstand der Prüfung ist eine Strategie, die von den Behörden als „besonders heimtückisch“ eingestuft wird.
Die Behörden vermuten, dass durch den Einsatz sehr junger Influencer eine Form von „Cosmeticorexia“ gefördert wird – eine zwanghafte Obsession mit komplexen Hautpflegeroutinen bei Minderjährigen. Ein Bericht von rachaeldivers.com hebt hervor, dass die Marken es versäumt haben, entscheidende Warnhinweise zu geben. Es wurde nicht klar kommuniziert, dass viele der beworbenen Anti-Aging-Seren und Masken weder für Kinder konzipiert noch an ihnen getestet wurden.
Das Ziel dieser verdeckten Strategien scheint es zu sein, erwachsene Hautpflegeprodukte als unverzichtbare Lifestyle-Artikel für eine vulnerable Gruppe zu positionieren. Dies geschieht oft über soziale Medien, in denen Kinder mit Produkten hantieren, deren Preis weit über dem üblichen Budget für ein Kind liegt.
Dermatologische Risiken durch Anti-Aging-Wirkstoffe bei Kindern
Photo: theguardian.com
Während die Marketingwelt auf die Korrektur von „Makeln“ setzt, zeigt die Biologie ein anderes Bild. Die Haut eines zehnjährigen Kindes befindet sich biologisch auf ihrem Höhepunkt: Sie ist resilient, elastisch und besitzt eine natürliche Regenerationskraft. Diese natürliche Barriere benötigt keine komplexen chemischen Interventionen.
Das Problem liegt in der Zusammensetzung moderner Hochleistungsprodukte. Wirkstoffe wie Retinol oder Alpha-Hydroxy-Säuren (AHAs), die priman zur Bekämpfung von Falten bei Erwachsenen eingesetzt werden, können die dünnere und absorbierendere Haut von Kindern massiv schädigen. Die Folgen reichen von chemischen Verbrennungen bis hin zu permanenter Sensibilität.
Prof. Giovanni Damiani, Dermatologe und Forscher an der Universität Mailand, berichtet von einer besorgniserregenden Zunahme von Reizungen und allergischen Kontaktdermatitiden bei Patienten im Alter zwischen acht und 14 Jahren.
„Sie alle verwendeten ähnliche Kosmetika,“ sagt Damiani, darunter chemische Exfoliantien wie Alpha-Hydroxy-Säuren und Retinoide ohne entsprechende medizinische Verschreibung.
Diese medizinischen Komplikationen sind oft die direkte Folge einer unkontrollierten Anwendung von Produkten, die für reifere Hauttypen entwickelt wurden.
Psychische Belastung: Cosmeticorexia als Risiko für Körperdysmorphie
Sephora, Benefit Cosmetics under investigation for reportedly targeting children in makeup marketing
Über die physischen Schäden hinaus wächst die Sorge vor den mentalen Langzeitfolgen. Der Begriff „Cosmeticorexia“ – oder auch „Dermorexia“, wie er in Fachkreisen diskutiert wird – beschreibt eine Fixierung auf eine vermeintlich makellose Haut. Wie The Guardian berichtet, zeigt sich dieser Trend besonders deutlich bei den sogenannten „Sephora Kids“, die sich in sozialen Netzwerken mit aufwendigen Pflegeroutinen inszenieren.
Damiani hat in Zusammenarbeit mit dem klinischen Psychologen Alberto Stefana vom Nationalen Gesundheitsinstitut in Rom untersucht, ob dieses Verhalten ein Vorbote tieferliegender psychischer Störungen ist.
„Was uns neben dem Begriff interessiert, ist zu verstehen, ob Cosmeticorexia bei Vorpubertären als Risikofaktor für Körperdysmorphie betrachtet werden könnte,“ sagt Damiani.
Die Forscher beobachten bei betroffenen Kindern nicht nur eine übermäßige Nutzung von Kosmetika, sondern auch Verhaltensweisen, die den Alltag dominieren. Dazu gehören die Weigerung, das Haus ohne Make-up zu verlassen, ein exzessiver Konsum von Kosmetik-Videos oder eine so starke Fixierung auf das Thema, dass andere Interessen völlig in den Hintergrund treten.
Diese Muster treten häufig zeitgleich mit anderen Problemen auf, wie etwa einer gesteigerten Selbstbeobachtung durch soziale Medien, repetitive Verhaltensweisen wie das ständige Kontrollieren des Spiegelbilds oder Hautzupfen.
Erscheinungsbezogener Stress und die Rolle der Selbstwahrnehmung
Photo: rachaeldivers.com
Die psychologische Dimension wird auch von Organisationen wie der Butterfly Foundation untermauert. Grace Collinson, eine klinische Programmmanagerin der Organisation, stellt einen Anstieg von Patienten fest, die unter „erscheinungsbezogenem Stress“ leiden.
Dieser Stress äußert sich bei jungen Menschen durch:
Einen verstärkten Fokus auf die Hautoberfläche.
Eine übermäßige Wahrnehmung vermeintlicher Unvollkommenheiten.
Einen starken Drang nach absoluter „Makellosigkeit“.
Obwohl „Cosmeticorexia“ derzeit kein offiziell klinisch definierter Begriff ist, sehen Experten in der Benennung dieses Phänomens einen wichtigen Schritt. Die Identifizierung solcher Muster könnte den Weg für gezieltere Behandlungen ebnen.
Für Eltern und Erziehungsberechtigte bleibt die Herausforderung, die Grenze zwischen normalem Interesse an Körperpflege und einer gesundheitsschädlichen Obsession zu erkennen. Sollten Anzeichen für dermatologische Reizungen oder eine psychische Fixierung auf das Hautbild auftreten, ist die Konsultation eines medizinischen Fachpersonals ratsam.
Dr. Lena Hartmann leitet das Gesundheitsressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet seit ueber zehn Jahren ueber Praevention, Medizinpolitik und digitale Gesundheit und legt besonderen Wert auf verstaendliche, quellenbasierte Einordnung.
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