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Welt

Äthiopiens Armee rückt nach Rebelleneinzug in Mekele ein

Regierungstruppen sind am Samstag in die umstrittene Provinzhauptstadt Mekele eingerückt, nachdem Rebellen der Volksbefreiungsfront von Tigray das Stadtgebiet weitgehend verlassen hatten. Die Entwicklung markiert den vorläufigen Höhepunkt einer erneuten schweren Eskalation in der nordäthiopischen Region Tigray, wo seit September wieder erbitterte Kämpfe toben.

Rückzug der Rebellen und Vormarsch der Regierungstruppen

Im nordäthiopischen Tigray hat sich die militärische Lage drastisch zugespitzt.

Die Zentralregierung in Addis Abeba und das Büro von Premierminister Abiy Ahmed reagierten zunächst nicht auf offizielle Anfragen. Wegen massiver Störungen der Telekommunikationsnetze in der Krisenregion blieben verifizierbare Informationen aus erster Hand zunächst rar. Bewohner äußerten gegenüber Berichterstattern große Sorge vor Plünderungen und Gesetzlosigkeit, nachdem Regierungsgebäude und Polizeiwachen ohne Sicherheitspersonal zurückgelassen worden waren, während bewaffnete TPLF-Mitglieder abzogen.

Bündnisbildung und Eskalation inmitten der Regierungsbildung

Die erneuten bewaffneten Auseinandersetzungen im Norden Äthiopiens reihen sich in eine breite politische und militärische Krise ein, die das Land seit Monaten erschüttert. Neben der TPLF haben sich weitere große bewaffnete Gruppierungen zu einer breiten Koalition zusammengeschlossen, der unter anderem die Nationale Amhara-Fano-Bewegung (AFNM) und die Oromo-Befreiungsarmee (OLA) angehören. Das gemeinsame Ziel dieser Oppositionskräfte, zu denen auch Gruppen vieler weiterer ethnischer Minderheiten zählen, ist der Sturz des amtierenden Ministerpräsidenten Abiy Ahmed. Nach Angaben von Murithi Mutiga, dem Afrika-Direktor der Denkfabrik International Crisis Group, verfügt dieses Bündnis zwar über keine zentrale Kommandozentrale, kann jedoch durch eine geografische Ausweitung der verschiedenen Aufstände den Regierungstruppen erheblich erschweren, die Lage im Land unter Kontrolle zu bringen.

Äthiopiens Armee rückt nach Rebelleneinzug in Mekele ein
Foto: Der Standard

Bereits im Mai war der im südafrikanischen Pretoria ausgehandelte Friedensvertrag von 2022 de facto aufgelöst worden, als die TPLF einen vor dem Konflikt bestehenden Legislativrat wiedereinsetzte und dessen Vorsitzenden zum Regionalpräsidenten ernannte, womit die im Abkommen festgelegte Übergangsregierung in Tigray Geschichte war. Die Kämpfe konzentrieren sich dabei nicht nur auf die urbanen Zentren, sondern zunehmend auf wichtige wirtschaftliche Versorgungswege. Laut Auswertungen der Konfliktdatenorganisation Acled registrierte die Organisation zwischen Januar und Mitte September rund 19 Drohnenangriffe in Tigray. Die Auseinandersetzungen fokussieren sich vor allem auf die Verbindungswege zwischen Tigray und Amhara sowie in der Region Afar.

Kriegsausbruch im September und Kämpfe um den Flughafen von Mekele

Der bewaffnete Konflikt war am 23. September nach monatelangen Spannungen wieder aufgeflammt, nachdem beide Seiten ihre Truppen seit Jahresbeginn massiv mobilisiert hatten. Die TPLF hatte zu Beginn der neuen Offensive drei Flughäfen in der Region überrannt und besetzt, darunter den rund zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernten Flughafen Alula Aba Nega in Mekele. Zudem führte sie Angriffe in die benachbarte Region Afar durch, mit dem Ziel, eine der wichtigsten Transportstraßen des Landes zu kontrollieren.

Ethiopian forces recapture Mekelle Airport as Tigray conflict raises fears of wider regional crisis!

Regierungsnahe Milizen meldeten jedoch bereits am Freitag die Rückeroberung des Flughafens der Regionalhauptstadt durch sogenannte Tigray-Friedenskräfte. Nach Angaben humanitärer Quellen wurden die Rebellen zudem vollständig aus der benachbarten nordwestlichen Provinz Afar vertrieben, nachdem sie zuvor auch in Amhara vorgerückt waren.

Ankündigung von Guerillataktiken durch die TPLF

Angesichts des militärischen Drucks und des Verlusts der Provinzhauptstadt stellt sich die TPLF auf einen langwierigen Untergrundkampf ein. In einer am Donnerstag veröffentlichten Videobotschaft kündigte TPLF-Chef Debretsion Gebremichael einen Übergang zu einer Guerillataktik an.

Unsere Strategie ist es, den Feind dort zu treffen, wo wir wollen.

Debretsion Gebremichael, TPLF-Chef

Bereits im Bürgerkrieg von 2020 bis 2022, der mit mindestens 600.000 Todesopfern als einer der opferreichsten Kriege des 21. Analysten weisen darauf hin, dass die aktuelle Einnahme zwar einen schweren Rückschlag für das Oppositionsbündnis darstellt, den Konflikt jedoch kaum dauerhaft beenden dürfte.

Äthiopiens Armee rückt nach Rebelleneinzug in Mekele ein
Foto: Kurier

Geopolitische Spannungen und Beziehungsabbruch mit Eritrea

Die erneute Gewalt im Norden strahlt massiv auf die Außenpolitik des Horns von Afrika aus. Die Regierung in Addis Abeba wirft den Nachbarländern Eritrea und Sudan sowie Ägypten vor, das Rebellenbündnis aktiv zu unterstützen. Die betroffenen Staaten weisen diese Vorwürfe zurück.

Der Konflikt führte am Donnerstag zum vorläufigen diplomatischen Tiefpunkt, als Eritrea nach der Ausweisung eritreischer Diplomaten und der Schließung der äthiopischen Botschaft in Asmara die diplomatischen Beziehungen zu Äthiopien offiziell abbrach. Äthiopien wies zudem einen ägyptischen Diplomaten aus, worauf Kairo mit gleichen Schritten reagierte.

Äthiopiens Armee rückt nach Rebelleneinzug in Mekele ein
Foto: Agenzia Fides

Im Zentrum der regionalen Implikationen steht auch die wirtschaftliche Lebensader des Landes. In der Region Afar verläuft die wirtschaftlich zentrale Schnellstraße zwischen Addis Abeba und dem Hafen von Dschibuti, über die der Binnenstaat Äthiopien seine Exporte sowie seine Energieimporte wie Öl abwickelt. Acled-Analystin Jalale Getachew Birru warnte vor den drastischen Folgen einer Blockade und erklärte, dass eine Unterbrechung dieser Verbindung Äthiopien lahmlegen und jeglichen Im- und Export sowie die Energieversorgung stoppen würde. Ed Bach, Afrika-Analyst der Risikoberatungsfirma Verisk Maplecroft, betonte zudem, dass die Entwicklung das Risiko erhöht, dass der gegenwärtige Stellvertreterkrieg in einen direkten zwischenstaatlichen Krieg mündet.

Internationale Appelle und Sorge vor humanitärer Katastrophe

Internationale Beobachter und Organisationen schlagen angesichts der neuen Fronten Alarm. Die Afrikanische Union (AU) forderte alle beteiligten Staaten zur maximalen Zurückhaltung auf, um die Stabilität der Region nicht weiter zu gefährden.

Ein Konflikt gefährdet die laufende Zusammenarbeit der USA mit beiden Ländern bei gemeinsamen Interessen.

Tommy Pigott, Sprecher des US-Außenministeriums

Aus der Region selbst berichten kirchliche und humanitäre Vertreter über katastrophale Zustände. Der Bischof der Eparchie Adigrat, Tesfaselassie Medhin, meldete die vollständige Isolation der Bevölkerung infolge unterbrochener Kommunikationswege und geschlossener Banken.

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Anna Richter

Über den Autor

Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.

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