Entwicklungspsychologe Peter Gray widerspricht der weitverbreiteten These, dass Handys und Social Media die Hauptursache für psychische Probleme bei Jugendlichen sind. In einem Gespräch nennt der Experte stattdessen überbehütende Eltern und wachsenden Schuldruck als wahre Auslöser.
Steigende Zahlen von Angststörungen und Depressionen bei jungen Menschen werden im öffentlichen Diskurs oft unmittelbar mit Smartphones und Bildschirmen verknüpft. Der emeritierte Professor für Entwicklungspsychologie am Boston College, Peter Gray, hält diese Einschätzung jedoch für falsch. Laut Daten, auf die er sich stützt, existiert keine starke Korrelation zwischen der täglichen Bildschirmzeit von Jugendlichen und deren mentalem Wohlbefinden, wie er im Gespräch mit der «SonntagsZeitung» darlegte.
Überbehütende Eltern und wachsender Schuldruck in der Schule
Dass es Jugendlichen psychisch zunehmend schlechter geht, bestreitet der Entwicklungspsychologe keineswegs. Die Ursachen für diese Entwicklung verortet Gray allerdings völlig woanders als in der digitalen Nutzung. Er macht vor allem überbehütende Eltern – oft als Helikoptereltern bezeichnet – sowie den kontinuierlich steigenden Druck im schulischen Umfeld für die psychischen Belastungen verantwortlich. Entscheidend sind demnach die allgemeinen Bedingungen, unter denen die junge Generation heranwächst.

Handyverbot als falscher Ansatz und wichtiger Rückzugsort
Aus Sicht des Experten greifen drastische Massnahmen wie ein generelles Handyverbot zu kurz. Ganz im Gegenteil: Für zahlreiche Jugendliche erfüllt das Smartphone eine wichtige Funktion als Rückzugsort. Es dient als zentraler Rückzugsort, der ihnen ein eigenes, von den Erwachsenen unabhängiges soziales Leben ermöglicht.
Es gibt keine starke Korrelation zwischen der Bildschirmzeit von Jugendlichen und ihrer mentalen Gesundheit.
Peter Gray, emeritierter Professor für Entwicklungspsychologie am Boston College