Christa Pike soll am 30. September in Tennessee durch die Giftspritze hingerichtet werden und könnte damit die erste Frau sein, die in dem US-Bundesstaat seit mehr als 200 Jahren hingerichtet wird. Der Oberste Gerichtshof des Bundesstaates lehnte einen Antrag auf Aussetzung der Vollstreckung ab.
Die heute 50-jährige Christa Pike sitzt seit fast drei Jahrzehnten im Todestrakt. Sie war im Januar 1995 im Alter von 18 Jahren zusammen mit ihrem damaligen Freund Tadaryl Shipp an dem gewaltsamen Tod der 19-jährigen Colleen Slemmer in Knoxville beteiligt. Die Tat hatte landesweit für Entsetzen gesorgt, nachdem Ermittler ein in die Brust des Opfers geritztes Pentagramm entdeckt hatten. Ein Gericht verurteilte Pike im Jahr 1996 zum Tod. Shipp, der zur Tatzeit 17 Jahre alt war, erhielt eine lebenslange Haftstrafe mit der Möglichkeit auf Bewährung.
Gerichtliche Rückschläge und Gnadengesuche vor dem Hinrichtungstermin
Wenige Tage vor dem angesetzten Termin am 30. September hat der Oberste Gerichtshof von Tennessee einen Antrag der Verteidigung abgelehnt, die Vollstreckung auszusetzen. Pikes Anwälte hatten zuvor argumentiert, dass eine Thrombozytose der Verurteilten die Verabreichung der Injektion in unzulässiger Weise erschweren und gegen den achten Zusatzartikel der US-Verfassung verstoßen würde, der Schutz vor grausamer und ungewöhnlicher Bestrafung bietet. Die Richter befanden jedoch, dass die Rechtsvertretung keine Verletzung dieser Verfassungsrechte nachgewiesen habe.
Zusätzlich zu den juristischen Schritten vor Gericht hat das Verteidigungsteam eine 226-seitige Gnadenschrift bei Gouverneur Bill Lee eingereicht, um eine Umwandlung der Strafe zu erreichen. Stephen Ferrell von den Federal Defender Services of Eastern Tennessee und Kelly Gleason von der Tennessee Office of the Post-Conviction Defender erklärten in einer gemeinsamen Stellungnahme, dass sie von der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs tief enttäuscht seien. Sie kündigten an, weiterhin beim Obersten Gerichtshof der USA um Rechtsschutz nachzusuchen.
We are deeply disappointed in the Tennessee Supreme Court’s decision, but we will press forward, seeking relief from the U.S.
Stephen Ferrell von den Federal Defender Services of Eastern Tennessee und Kelly Gleason von der Tennessee Office of the Post-Conviction Defender
Kindheitstraumata und psychiatrische Gutachten im Fokus der Verteidigung
Die Anwälte führen zur Begründung des Gnadengesuches an, dass Pike als Kind schwerer Vernachlässigung, schwerer körperlicher und sexueller Gewalt, Missbrauch durch Partner ihrer Mutter sowie Vergewaltigungen im Alter von 11 und 17 Jahren ausgesetzt war. Ein von Psychologen erstelltes Gutachten aus dem Jahr 1995 war während des ursprünglichen Prozesses nicht berücksichtigt worden. Spätere Untersuchungen aus den Jahren 2021 und 2023 führten zu Diagnosen wie unbehandelter bipolarer Störung und Posttraumatischer Belastungsstörung, die Pikes Wahrnehmung zur Tatzeit beeinflusst hätten. Der Oberste Gerichtshof des Bundesstaates lehnte eine Strafumwandlung im vergangenen Jahr jedoch ab.
Die Verteidiger betonten in ihrer Mitteilung, dass Pike zum Zeitpunkt der Tat erst 18 Jahre alt war. Die damalige Verurteilung habe in einer Zeit stattgefunden, in der die Forschung die Auswirkungen von Jugendentwicklung und Kindheitstraumata noch nicht im heutigen Maße verstanden habe.
„She was sentenced before we understood what we know today about adolescent brain development and the profound effects of childhood trauma.“
Stephen Ferrell und Kelly Gleason, Anwälte der Verteidigung
Haltung der Hinterbliebenen und Reaktionen aus dem Umfeld
Während die Verteidigung und internationale Organisationen wie UN-Menschenrechtssexperten auf eine Aussetzung der Hinrichtung dringen, fordert die Familie des Opfers die Vollstreckung der Strafe. Colleen Slemmers Mutter, May Martinez, bekräftigte ihre Haltung gegenüber Medien und erklärte, sie wolle, dass die Strafe vollzogen wird und ihre Tochter endlich Frieden findet.

Die Opferrechtsorganisation The Justice Coalition hat Spenden gesammelt, um Martinez die Reise nach Tennessee zur Beobachtung der Hinrichtung zu ermöglichen. Robert Bracewell, der Geschäftsführer der Organisation, betonte, das Urteil entspreche dem Willen der Geschworenen und der Familie.
Unterdessen äußerten Wegbegleiter aus der Haftzeit ambivalente Ansichten. Ashlee Sellars, eine frühere Mitgefangene, die heute als Reform- und Opferaktivistin tätig ist, beschrieb Pike als reumütig. Pike habe sich zudem darum bemüht, dass nur weibliches Personal bei ihrer Verlegung in die Justizvollzugsanstalt Riverbend Maximum Security Institution eingesetzt wird, da männliches Aufsichtspersonal aufgrund ihrer traumaerfüllten Vergangenheit Ängste auslösen würde. Justizbehörden erklärten dazu, es würden Anstrengungen unternommen, ausschließlich weibliche Wärter für die Beobachtung einzusetzen, eine absolute Garantie dafür gab der Staat jedoch nicht.