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Technik und Wissenschaft

Calcium und Vitamin D: BMJ-Analyse sieht kaum Nutzen gegen Knochenbrüche

Eine umfassende Auswertung von 69 klinischen Studien mit über 153.000 Erwachsenen zeigt, dass die routinemäßige Einnahme von Calcium- und Vitamin-D-Präparaten das Risiko für Stürze und Knochenbrüche bei älteren Menschen kaum verringert.

Die jahrelange Empfehlung an ältere Menschen, Calcium und Vitamin D zur Vorbeugung von Knochenbrüchen einzunehmen, stützt sich vielfach auf optimistische Ergebnisse aus den 1990er- und frühen 2000er-Jahren. Doch eine wachsende Datenlage stellt diesen Nutzen infrage. Neuere große Übersichtsarbeiten verdeutlichen, dass die weitverbreiteten Nahrungsergänzungsmittel bei der Sturzprophylaxe kaum messbare Effekte erzielen.

Ergebnisse der umfassenden Metaanalyse im Fachmagazin The BMJ

Für die im Mai im Fachmagazin The BMJ publizierte Untersuchung werteten kanadische Forscher Daten aus 69 randomisierten kontrollierten Studien aus, die bis Februar 2025 liefen. Insgesamt 153.000 Erwachsene nahmen an diesen Untersuchungen teil, in denen Calcium- und Vitamin-D-Präparate – einzeln oder in Kombination – mit Placebos oder gar keiner Behandlung verglichen wurden.

Die Auswertung ergab wenig bis keinen klinisch bedeutsamen Nutzen bei der Vermeidung von Frakturen oder Stürzen. Die Wissenschaftler bezifferten die Evidenz für Calciumpräparate (ausgewertet an 11 Studien mit 9.067 Teilnehmern) als moderat, während die Daten für Vitamin D (36 Studien mit 92.045 Teilnehmern) sowie für die kombinierte Gabe (15 Studien mit 51.126 Teilnehmern) als hoch eingestuft wurden. Ein statistisch geringfügiger Effekt zeigte sich lediglich bei der Kombination hinsichtlich des Risikos von Frakturen, der jedoch nicht klinisch bedeutsam ausfällt.

Widerspruch aus der Osteoporose-Expertise zur pauschalen Neubewertung

Die Autoren der Studie fordern, dass Ärzte, Leitliniengremien und Regulierungsbehörden ihre Empfehlungen überdenken sollten. Die Studienverfasser resümieren, dass die Befunde do not support routine supplementation with calcium or vitamin D, or combined supplementation to prevent fractures and falls. Zudem raten sie dazu, Ressourcen auf bewährte Bewegungs- und Sicherheitsstrategien zu lenken.

Dieser pauschale Ansatz stößt jedoch auf Kritik. Dr. Friederike Thomasius widerspricht dieser Einschätzung und betont im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung, dass die aktuelle Osteoporose-Leitlinie eine Kombination aus Calcium und Vitamin D bei entsprechender Indikation ausdrücklich empfiehlt. Laut der Expertin greift die alleinige Betrachtung zu kurz, da eine isolierte Einnahme von Calcium oder Vitamin D zwar wirkungslos sei, die Kombination hingegen sehr wohl einen Schutzeffekt aufweise.

Wenn man sich die Studie aber genau ansieht, zeigt sie, dass die Einnahme von Calcium oder Vitamin D allein keinen Schutzeffekt hat, die Kombination von beiden aber schon. Und das steht bereits in den Leitlinien, dass nur eine Kombination wirksam ist.

Dr. Friederike Thomasius, Osteoporose-Expertin via Aponet

Statistischer Effekt versus klinische Relevanz bei Hüftfrakturen

In der gemeinsamen Betrachtung von Calcium und Vitamin D ermittelten die Forscher ein um 16 Prozent verringertes relatives Risiko für Hüftfrakturen sowie eine Reduktion anderer Knochenbrüche um 9 Prozent. In absoluten Werten bedeutet dies jedoch nur etwa drei verhinderte Hüftbrüche pro 1.000 behandelte Personen über den jeweiligen Beobachtungszeitraum, was einer absoluten Risikoreduktion von rund 0,3 Prozentpunkten entspricht.

Calcium und Vitamin D: BMJ-Analyse sieht kaum Nutzen gegen Knochenbrüche
Photo: theglobeandmail.com

Während die Studienautoren diesen Nutzen als zu gering einstufen, um eine routinemäßige Vorsorge für die Allgemeinbevölkerung zu rechtfertigen, hält die Expertin diesen Effekt für gesellschaftlich bedeutsam. Auf Bevölkerungsebene würden solche Prozentwerte viele Brüche verhindern.

Ausblick auf alternative Präventionsmaßnahmen für ältere Menschen

Stürze bleiben eine globale gesundheitliche Herausforderung. Nach Angaben von Health Canada erleben 20 bis 30 Prozent der Menschen ab 65 Jahren mindestens einen Sturz pro Jahr, was weitreichende Folgen wie chronische Schmerzen oder Pflegebedürftigkeit nach sich ziehen kann. Während Nahrungsergänzungsmittel bei Personen mit ausreichenden Nährstoffwerten kaum zusätzlichen Schutz bieten, empfehlen Fachleute, den Fokus auf gezielte Alternativen zu richten.

Calcium und Vitamin D: BMJ-Analyse sieht kaum Nutzen gegen Knochenbrüche
Photo: https://www.ecb.europa.eu/press/financial-stability-publications/fsr/special/html/ecb.fsrart202405_02~58c3ce5246.en.html
  • Gezieltes Balance- und Krafttraining zur Verbesserung der Standfestigkeit
  • Wohnraumanpassungen zur Minimierung von Stolperfallen im Haushalt
  • Ärztliche Abklärung individueller Risikofaktoren und der Knochendichte bei gefährdeten Personen

Für Risikogruppen – etwa Menschen mit nachgewiesenem Mangel, Personen in Pflegeheimen oder Patienten mit spezifischen Vorerkrankungen – bleibt die ärztlich verordnete Kombination aus Calcium und Vitamin D laut den Fachgesellschaften weiterhin ein fester Bestandteil der Therapie.

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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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