Kinder von Hundertjährigen haben ein um 42 Prozent geringeres Sterberisiko und erkranken seltener an Herz-Kreislauf-Leiden. Forscher des Albert Einstein College of Medicine, der Boston University und des Tufts Medical Center analysierten Daten aus drei großen Kohorten, um biologische Vorteile langlebiger Familien zu untersuchen, wie Publikationen im Fachjournal JAMA Network Open zeigen.
Wie alt ein Mensch wird, bestimmen nicht allein Lebensstil, Ernährung oder persönliche Gewohnheiten. Auch die familiäre Herkunft hinterlässt offenbar Spuren. Aktuelle Auswertungen großer Langzeituntersuchungen verdeutlichen, dass Nachkommen von Menschen, die das 100. Lebensjahr vollenden, von signifikanten gesundheitlichen Begünstigungen profitieren. Die Daten belegen, dass diese Nachkommen nicht nur eine höhere Lebenserwartung aufweisen, sondern auch typische altersbedingte Erkrankungen deutlich später im Leben entwickeln.
Daten aus drei Langzeitstudien aus den USA und Großbritannien
Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnisse sind drei große Langzeituntersuchungen, die in den USA und in Großbritannien durchgeführt wurden. Forscher des Albert Einstein College of Medicine, der Boston University und des Tufts Medical Center verglichen 2319 Kinder von Hundertjährigen mit 2703 Kontrollpersonen. Die dafür genutzten Informationen entstammen der LonGenity-Studie, der New England Centenarian Study sowie der UK Biobank. Je nach untersuchter Kohorte begleiteten die Wissenschaftler die Teilnehmer über einen Zeitraum von 16 bis 29 Jahren.
Die Ergebnisse wurden in dem Fachjournal JAMA Network Open veröffentlicht und verdeutlichen eine klare Häufung außergewöhnlicher Langlebigkeit innerhalb bestimmter Familien. Die Beobachtungen zeigen, dass der biologische Vorteil besonders dann ins Gewicht fällt, wenn Eltern ein extrem hohes Alter von mindestens 100 Jahren erreichen.
Ein Blick auf die UK Biobank macht die Größenordnung greifbarer. Dort standen sich zwei vergleichbare Gruppen mit jeweils 992 Teilnehmern gegenüber. Unter den Kindern von Hundertjährigen starben 92 Menschen, in der Kontrollgruppe 137. Herz-Kreislauf-Erkrankungen traten bei 97 gegenüber 160 Teilnehmern auf. Bluthochdruck betraf 356 Kinder von Hundertjährigen und 464 Menschen aus der Vergleichsgruppe.
Konkrete Risikoreduktionen bei Sterblichkeit und Herz-Kreislauf-Leiden
Die statistischen Unterschiede zwischen den Gruppen fielen deutlich aus. Im direkten Vergleich zu Menschen mit weniger langlebigen Eltern wiesen die Kinder von Hundertjährigen ein um 42 Prozent geringeres Sterberisiko auf. Gleichzeitig verschob sich das durchschnittliche Sterbealter dieser Nachkommen im Mittel um gut drei Jahre nach hinten. Bei Kindern von Hundertjährigen lag das Sterbealter im Schnitt rund drei Jahre höher, Bluthochdruck setzte bei ihnen etwa fünf Jahre später ein.
Auch bei spezifischen organischen Erkrankungen zeigte sich ein deutlicher Schutzeffekt. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen war bei den Kindern von Hundertjährigen um rund ein Drittel beziehungsweise um 33 Prozent reduziert. Besonders ausgeprägt war die Abweichung beim Bluthochdruck: Hier lag die Risikoreduktion bei etwa 32 Prozent, wobei die Hypertonie bei den Nachkommen langlebiger Eltern im Schnitt rund fünf Jahre später im Leben einsetzte.
Der Einfluss von Lebensstilfaktoren und verbleibende Fragen
Naheliegend war zunächst die Annahme, dass langlebige Familien schlicht einen gesundheitsbewussteren Lebensstil pflegen. Doch selbst nach statistischer Bereinigung von Faktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum, Ernährung, körperlicher Bewegung, Bildungsstand und sozioökonomischem Status blieben die Unterschiede weitgehend bestehen.
„Das soll nicht heißen, dass der Lebensstil keine Rolle spielt – gesundes Verhalten bleibt für jeden wichtig“, sagt Studienautor Eric Reed. Einige Menschen aus Familien mit außergewöhnlicher Langlebigkeit schienen jedoch „biologische Vorteilezu besitzen. Gerade die ähnlichen Ergebnisse der drei sehr unterschiedlichen Kohorten wertet Reed als Hinweis darauf, dass außergewöhnliche Langlebigkeit innerhalb von Familien gehäuft auftritt.
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Welche Eigenschaften hinter diesem familiären Vorteil stecken, ist noch offen. „Diese Untersuchung war nicht darauf ausgelegt, die spezifischen vererbten Merkmale zu identifizieren, von denen Kinder Hundertjähriger profitieren“, sagt Sofiya Milman, Professorin für Medizin und Genetik am Albert Einstein College of Medicine und Seniorautorin der Studie. Milman sieht in Familien mit außergewöhnlicher Langlebigkeit eine Möglichkeit, die Biologie des gesunden Alterns genauer zu untersuchen. Langfristig könnten daraus Ansätze entstehen, die natürliche Mechanismen der Langlebigkeit medizinisch nachahmen.”
Unterschiede bei Krebserkrankungen und die Grenzen des Effekts
Nicht jede Erkrankung folgt diesem Muster. Bei Krebserkrankungen fanden die Wissenschaftler keinen statistisch signifikanten Schutz; Kinder von Hundertjährigen erkrankten insgesamt nicht seltener als die Kontrollpersonen aus den Vergleichsgruppen. Bemerkenswert ist das auch deshalb, weil ihre Gesamtsterblichkeit trotzdem niedriger lag. Die Autoren nennen mehrere mögliche Erklärungen. Menschen aus langlebigen Familien könnten etwa widerstandsfähiger gegenüber den Folgen einer Krebserkrankung sein.

Zudem zeigte eine differenziertere Analyse nach Altersgruppen der Eltern, dass der Vorteil erst ab einer elterlichen Lebensspanne von mindestens 100 Jahren besonders robust hervortritt. Die Forscher betrachteten nicht nur Eltern, die mindestens 100 Jahre alt geworden waren, sondern untersuchten auch Gruppen mit einem maximalen elterlichen Lebensalter von 86 bis 94 sowie 95 bis 99 Jahren. Dort fanden sich weniger statistisch auffällige Unterschiede, und zudem ließen sich die Ergebnisse zwischen LonGenity und UK Biobank nicht zuverlässig wiederholen.
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