Wissenschaftler haben im Fachjournal Science eine mögliche Prävention gegen schwere Nervenschäden durch Chemotherapien vorgestellt. Demnach könnte der psychoaktive Wirkstoff Psilocybin das periphere Nervensystem schützen, ohne die Krebstherapie zu beeinträchtigen. Bisher basieren die Ergebnisse jedoch ausschließlich auf Tier- und Laborversuchen mit Mäusen und menschlichem Gewebe.
Dauerhafte Nervenschäden gehören zu den belastendsten und häufigsten Folgen einer Krebstherapie. Ausgerechnet psychedelische Pilze könnten das in Zukunft ändern, wie eine im Fachjournal Science veröffentlichte Untersuchung zeigt. Forschende berichten darin über einen bislang völlig unbekannten Nutzen des psychoaktiven Inhaltsstoffs Psilocybin.
Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie und ihre Folgen
Bei der Behandlung solider Tumoren, etwa der Lunge, der Prostata, des Dickdarms, der Eierstocke oder der Bauchspeicheldrüse, spielt die Chemotherapie eine zentrale Rolle. Die eingesetzten Medikamente sollen gezielt Tumorzellen abtöten, greifen dabei jedoch häufig auch gesundes Gewebe an. Betroffen sind vor allem Nervenzellen an Händen und Füßen.
Die Patienten leiden infolgedessen oft unter Taubheitsgefühlen, Schmerzen und einer stark erhöhten Empfindlichkeit. Fachleute bezeichnen dieses Phänomen als Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie, kurz CIPN. Da diese Nervenschäden irreversibel sind, halten die Probleme nach Abschluss der Behandlung an und schränken die Lebensqualität der Betroffenen beträchtlich ein. In vielen Fällen zwingen diese schweren Nebenwirkungen Mediziner dazu, die Dosis zu reduzieren, die Therapie umzustellen oder die lebensrettende Behandlung komplett abzubrechen.
Trotz der enormen klinischen Belastung und jahrzehntelanger Forschung existiert bisher keine etablierte Präventionsstrategie gegen diese Schäden.
Es besteht ein dringender Bedarf an Behandlungen, die Nervenschäden verhindern, ohne die lebensrettende Chemotherapie zu beeinträchtigen. Diese Ergebnisse liefern wichtige Erkenntnisse darüber, wie Psilocybin Nerven schützen kann, bevor Schäden auftreten.
Moran Amit, Studienleiter am MD Anderson Cancer Center der University of Texas in Houston
Wie Psilocybin das Nervensystem schützt
Bislang war der psychoaktive Wirkstoff Psilocybin, der in vielen Pilzarten vorkommt, eher zur Behandlung psychischer Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen erforscht. Die aktuellen Labor- und Tierdaten eröffnen nun ein völlig neues Anwendungsfeld in der Onkologie.
In den Versuchen verabreichte das Team um Mario Heles vom MD Anderson Cancer Center der University of Texas in Houston Mäusen vor jedem Behandlungszyklus zwei prophylaktische Dosen des Wirkstoffs. Die Tiere unterzogen sich bis zu sechs Behandlungszyklen und erhielten vor jedem Behandlungszyklus Psilocybin. Das Ergebnis: Die Vorbeugung schützte die Nager zuverlässig über einen Zeitraum von bis zu acht Monaten vor Nervenschäden. Bemerkenswert ist zudem, dass Psilocybin weder den Tumor selbst noch die Art und Weise beeinflusste, wie das Immunsystem die Krebserkrankung bekämpfte.
Bei der genauen Analyse des Wirkungsmechanismus stellte das Team fest, dass Psilocybin über einen spezifischen Serotoninrezeptor in Nervenzellen wirkt, die durch eine Chemotherapie besonders gefährdet sind. Chemotherapeutika wie Cisplatin, Paclitaxel oder Docetaxel können CIPN auslösen. Der Pilzwirkstoff mildert den Effekt ab.
Klinische Prüfung am Menschen als nächster Schritt
Bislang hat das Team um Mario Heles die Schutzwirkung bisher nur an Zellkulturen, menschlichem Gewebe und Mäusen untersucht – klinische Tests an Patienten gab es noch nicht. Dennoch bewerten externe Fachleute die Daten als äußerst vielversprechend.
Sollte sich das Ergebnis am Menschen bestätigen, wäre das ein enormer Gewinn für die Onkologie.
Dirk Jäger, geschäftsführender und ärztlicher Direktor des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg, der selbst nicht an der Studie beteiligt war
Jäger zeigt sich von den Daten beeindruckt. In einem in „Science-Kommentar bezeichnete auch die Pharmakologin Maria Maiarú von der englischen University of Reading die Resultate als überzeugend, zumal das Forschungsteam auch den Mechanismus für die Wirkung erklärt.
Bevor eine Anwendung in der Praxis in Betracht gezogen werden kann, befürwortet die Gruppe eine „dringende klinische Prüfungvon Psilocybin zum Schutz vor solchen Nervenschäden.
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