Der Dokumentarfilm NAZA
unter der Regie von Yuval Abraham und Rachel Szor sorgt beim Filmfestival in Venedig für Aufsehen und heftige Debatten. Der 80-minütige Film basiert auf anonymisierten Aussagen von 24 israelischen Militärangehörigen und Geheimdienstmitarbeitern und beleuchtet den Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Überwachungssystemen bei Angriffen im Gazastreifen.
Weltpremiere und Standing Ovations beim Filmfestival in Venedig
Bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig hat die Weltpremiere des Dokumentarfilms NAZA
am Donnerstag für erhebliche emotionale Reaktionen gesorgt. Das Publikum im Kinosaal würdigte das Werk mit minutenlangen stehenden Ovationen, die im Verlauf der Vorführung von tiefer Bestürzung über die gezeigten Mechanismen abgelöst wurden. Wie unter anderem DIE ZEIT berichtet, zählt die britische Produktion zu den Favoriten für den Goldenen Löwen in Venedig. Produziert wurde der Film von The Guardian und JW Films unter der Leitung von James Wilson, während der Oscar-Preisträger Jonathan Glazer als Executive Producer fungierte.

Der Titel des Films leitet sich von einem hebräischen Militärakronym ab, das im israelischen Geheimdienst als Kurzbezeichnung für Kollateralschäden und zivile Opfer verwendet wird. Die Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor hatten den Film im Rahmen einer späten Programm Ergänzung bei dem Festival angemeldet, um die vollständige Anonymisierung der beteiligten Soldaten zu gewährleisten. Gedreht wurde über einen Zeitraum von drei Jahren im Geheimen auf Dächern in Tel Aviv, wobei die Identitäten der 24 interviewten Personen durch digitale Stimm- und Bildverfremdungen geschützt wurden.
Berichte von Soldaten über KI-gestützte Zielerfassung und Überwachung
Im Zentrum des Films stehen detaillierte Aussagen von Geheimdienstmitarbeitern und Soldaten, die laut NBC News den Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Überwachungssystemen bei der Auswahl militärischer Ziele beschreiben. Die Interviewten schildern, wie Algorithmen Anrufe, Bewegungen und digitale Interaktionen von Bewohnern des Gazastreifens auswerten, um mutmaßliche Hamas-Anhänger zu identifizieren. Ein beteiligter Soldat verglich diese Arbeit in dem Film mit einem Videospiel, während andere Gesprächspartner die systematische Freigabe von Angriffen auf Wohngebäude schilderten, bei denen der Tod von Familien und Kindern von vornherein einkalkuliert worden sei.

„We just told these officers and soldiers, please describe to us what you did. Of course there were other questions that arose but the principal question was a question of detail — sketch it for us, we want to know how it worked. And sometimes just asking the question, you get answers.“
Yuval Abraham, Co-Regisseur
Die Regisseurinnen und Regisseure erklärten auf einer Pressekonferenz, dass es ihnen vor allem um die genaue Rekonstruktion des Systems gegangen sei. Teile der Recherchen waren bereits zwischen 2023 und 2025 in Zusammenarbeit mit dem israelisch-palästinensischen Magazin +972 Magazine, dem hebräischsprachigen Medium Local Call und The Guardian veröffentlicht worden. Mit der filmischen Umsetzung wollten sie jedoch einen direkten Einblick von denjenigen ermöglichen, die diese Systeme entworfen und bedient haben.
Kategorische Zurückweisung der Vorwürfe durch die israelische Armee
Das Militär erklärte, dass ausschließlich Menschen militärische Ziele auswählen und entsprechende Befehle erteilen. Zudem zweifelte die Armeeführung die Glaubwürdigkeit und Verifizierbarkeit der anonymen Whistleblower an. Laut Stellungnahme des Militärs enthalten die geschilderten Aussagen Behauptungen zur Strategie, die das Fachwissen von Soldaten auf Einstiegsebene übersteigen.
Die Streitkräfte betonten ferner, dass Systeme wie das erwähnte Lavender-Programm lediglich als Analysewerkzeuge für menschliche Analysten dienen und keine autonomen Zielentscheidungen treffen. Jedes Ziel erfordere eine unabhängige Überprüfung sowie eine Abwägung zwischen militärischem Nutzen und erwartetem zivilem Schaden im Rahmen des humanitären Völkerrechts.
Kinoanlauf in Italien und gesellschaftlicher Kontext
Neben der Festivalpräsenz in Venedig steht bereits der Kinostart des Films fest. September geplant sind. Executive Producer James Wilson betonte die Bedeutung der italienischen Distribution, da Italien zu den wenigen europäischen Ländern zähle, die sich keinen Sanktionen gegen Israel angeschlossen haben.
Produzenten und Regisseure betonten, dass das Projekt gezielt darauf ausgerichtet sei, eine gesellschaftliche Debatte anzustoßen — insbesondere innerhalb der israelischen Gesellschaft. Angesichts der anhaltenden Opferzahlen im Gazastreifen, wo nach Angaben des Gesundheitsministeriums seit Beginn des Konflikts im Oktober 2023 zehntausende Menschen getötet wurden, soll der Film nach Aussage der Macher dazu beitragen, die Mechanismen der Kriegsführung transparent zu machen.
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