Eine im Juli veröffentlichte Studie zeigt, dass Menschen heute täglich durchschnittlich 338 Wörter weniger sprechen als noch vor zehn Jahren. Der messbare Sprachverlust betrifft vor allem Personen unter 25 Jahren.
Der alltägliche Sprachgebrauch geht seit Jahren kontinuierlich zurück. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung, die im Juli im Fachmagazin «Perspectives on Psychological Science» veröffentlicht wurde, wie die NZZ berichtet. Demnach sprechen Menschen heute jeden Tag im Schnitt 338 Wörter weniger als noch vor zehn Jahren. Auf das gesamte Jahr gerechnet summiert sich dieser Rückgang auf rund 120.000 fehlende Wörter.
An der internationalen Untersuchung nahmen mehr als 2000 Personen im Alter zwischen 10 und 94 Jahren in den USA, Europa und Australien teil. Die Teilnehmer trugen über mehrere Tage hinweg Aufnahmegeräte bei sich, um die im Alltag gesprochenen Äußerungen zu erfassen. Durch den Zugriff auf Daten aus einem Zeitraum von insgesamt 14 Jahren konnte das Forscherteam unter der Leitung der deutschen Psychologin Valeria Pfeifer von der University of Missouri in Kansas den sprachlichen Wandel präzise beziffern. Zwischen 2005 und 2019 sank der verbale Output demnach um 28 Prozent.
Wie Smartphones und Self-Checkout unseren Wortschatz reduzieren
Der Rückgang der gesprochenen Sprache betrifft vor allem junge Menschen unter 25 Jahren. In sozialen Medien wie Tiktok wird dieses Phänomen bereits intensiv diskutiert und als Gen Z stare bezeichnet. Damit ist ein ausdrucksloser und stummer Blick gemeint, der oft an der Bar, im Café oder in der Bäckerei beobachtet wird, wenn junge Menschen auf Kunden treffen und anstelle von Smalltalk schweigend abwarten.
Laut der Untersuchung geht die stumme Zeit im Alltag kaum zulasten von Selbstgesprächen. Stattdessen reden die Menschen schlicht weniger mit Freunden, Familienmitgliedern und insbesondere mit Fremden. Klassische menschliche Interaktionen werden zunehmend durch Technologie ersetzt: Im Supermarkt wird der Einkauf am Self-Checkout erledigt, Zugtickets zieht man am Automaten, und beim Kundendienst antwortet meist ein KI-Assistent. Reales Sprechen findet im Alltag immer seltener statt. Über die Generation Z gibt es weiterhin viele Worte zu verlieren, während die Verhaltensforschung über diese Generation inzwischen eine eigene Disziplin geworden ist, in der Medien, Arbeitgeber und Wissenschafter immer wieder neue Sonderbarkeiten an den jungen Menschen bemerken.
Die neurologischen Folgen des schwindenden Smalltalks
Ein Hauptgrund für den Rückgang liegt in der Art, wie wir kommunizieren. Anstelle von persönlichen Gesprächen wird über das Smartphone gechatet, Textnachrichten werden verschickt, Pizzabestellungen per Klick getätigt und Filme im Internet gestreamt. Die Technologie erleichtert das Leben zwar, erfordert jedoch auch weniger sprachliche Anstrengung. Ein echtes Gespräch verlangt hingegen, dem Gegenüber in die Augen zu schauen, Gesichtsausdrücke zu deuten, sich verständlich zu machen und das Risiko einzugehen, missverstanden zu werden.
Hirnforscher blicken deshalb mit Sorge auf den schwindenden Sprachgebrauch. Aus neurologischer Sicht dient das Sprechen als wichtiges Gehirntraining, das den Kopf fit hält, Wortfindungsstörungen vorbeugt und die Ausdrucksfähigkeit konstant schult. Zudem verbindet Sprache Menschen miteinander. Der Rückzug aus dem direkten sozialen Kontakt hat neben gesellschaftlichen auch spürbare psychologische Folgen, da tägliche Gespräche das Wohlbefinden steigern und Einsamkeit krank macht.
Zwischen Unsicherheit und den Nachwirkungen der Pandemie
Das oft als unhöflich oder kühl empfundene, schweigsame Auftreten vieler Jugendlicher wird nicht zwingend als böser Wille gewertet. Häufig stecken dahinter schlicht Unsicherheit im Umgang mit spontanen Gesprächen sowie eine spürbare Angst vor direkter Interaktion. Fachleute weisen zudem darauf hin, dass auch die Pandemie der Sprachgewandtheit und der sozialen Geschmeidigkeit der jungen Menschen zugesetzt hat, was heute oft als autistisch bezeichnet wird.

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