Venizianische Filmfestspiele eröffnen mit einer Kontroverse um die Unterrepräsentation von Regisseurinnen. Nur ein einziger Film einer Frau steht im Hauptwettbewerb. Das Vorgehen stößt auf scharfe Kritik von Branchenverbänden, während Festivalleiter Alberto Barbera rückläufige Einreichungen als Ursache nennt.
Kritik an der Einzeldarstellung von Regisseurinnen im Wettbewerb
Zur Eröffnung des 83. Filmfestivals von Venedig herrscht eine angespannte Stimmung. Jury-Präsidentin Maggie Gyllenhaal äußerte sich besorgt über das stark unausgewogene Geschlechterverhältnis im Hauptwettbewerb um den Goldenen Löwen. Anfänglich konkurrierte lediglich das Werk Woman Unknown
der dänisch-ägyptischen Filmemacherin May El-Toukhy mit 19 weiteren Beiträgen von Männern. Eine nachträgliche Erweiterung brachte die Gaza-Dokumentation von Rachel Szor und Yuval Abraham ins Programm, verbesserte die Quote jedoch nur minimal.
Gyllenhaal sprach auf einer Pressekonferenz am Mittwoch von einem grundlegenden Defizit. Es gibt ein systemisches Problem
, sagte die US-amerikanische Schauspielerin und Regisseurin. Frauen hätten es nach wie vor erheblich schwerer, eine adäquate Finanzierung für ihre Filmprojekte zu sichern. Zudem stellte sie die Frage, ob die von Frauen gewählten Themen aufgrund ihrer Lebenserfahrung von der Branche sogleich als große Kunst anerkannt würden.
Wer entscheidet, was gut ist? Wer entscheidet, was wertvoll ist?
Italienische Branchenverbände veröffentlichen scharfen offenen Brief
Die Debatte entzündete sich bereits im Juli nach Bekanntgabe des offiziellen Programms. Sechs italienische Filmorganisationen – darunter 100autori, Anac, Air3, Doc/it sowie die nationalen Ableger des European Women’s Audiovisual Network und Women in Film Television & Media – reagierten mit einem offenen Brief, der in der Tageszeitung La Repubblica abgedruckt wurde.
Quality is not some divine, neutral, or objective category hovering above history; we know full well that it is a concept that shifts and evolves. Art is a battlefield of bodies, tears, blood, and power — not some pure empyrean realm where the angels of quality flutter about, devoid of gender.
Gleichzeitig verwiesen die Initiatoren auf Werke wie Alina Marazzis The Girl with the Leica
und Anna Fogliettas Un Storia
, die in der Sektion Orizzonti gezeigt werden und Hoffnung auf eine differenziertere Sichtweise geben. Sie forderten das Festival auf, an die im Jahr 2018 unterzeichnete Selbstverpflichtung zur Geschlechterparität anzuknüpfen.
Reaktion der Festivalleitung und gesunkene Einreichungszahlen
Festivaldirektor Alberto Barbera wies die Vorwürfe einer systematischen Benachteiligung zurück. Die diesjährige Programmauswahl sei vollkommen frei von Vorurteilen getroffen worden. Gegenüber der Presse und Branchenmedien begründete Barbera das Ungleichgewicht mit einem rückläufigen Trend bei den Einreichungen von Regisseurinnen.

Der Anteil an Spielfilmprojekten von Frauen sank von 30 Prozent im Vorjahr auf nunmehr 24 Prozent. Barbera bezeichnete diese Entwicklung als unerklärlich, da die Gleichberechtigung zuvor ein unaufhaltsamer Trend zu sein schien. Neben den reinen Zahlen sei bedauerlicherweise auch die Qualität der eingereichten Drehbücher und Produktionen hinter den Erwartungen zurückgeblieben, was mutmaßlich mit gekürzten Filmbudgets zusammenhänge.
| Jahr | Anteil weiblicher Einreichungen | Filme im Hauptwettbewerb (Frauen) |
|---|---|---|
| Vorjahr | 30 % | 6 |
| 2026 | 24 % | 1 (plus Gaza-Dokumentation) |
Damit fällt das Festival hinter die Zahlen früherer Jahrgänge zurück. Noch im Jahr 2025 hatten sechs profilierte Regisseurinnen im Wettbewerb gestanden, darunter Kaouther Ben Hania mit The Voice of Hind Rajab
und Mona Fastvold mit The Testament of Ann Lee
. Zu den früheren Preisträgerinnen des Goldenen Löwen in Venedig zählen Chloé Zhao für Nomadland
(2020), Audrey Diwan für Happening
(2021) und Laura Poitras für All the Beauty and the Bloodshed
(2022).
Eröffnungsabend im Schatten der Debatte
Die Auseinandersetzung überschattet den offiziellen Start des Filmfests, das vom 2. bis zum 12. September 2026 in der Lagunenstadt ausgetragen wird. Zum Auftakt zeigt das Festival das Werk Ink
des britischen Regisseurs Danny Boyle, das sich mit dem Medienmogul Rupert Murdoch auseinandersetzt. Zudem soll der US-amerikanische Schauspieler und Regisseur George Clooney im Rahmen der Veranstaltung für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden, während das Branchenpublikum weiter über die Kriterien der Qualitätsbewertung und die Zukunft der paritätischen Ziele diskutiert.
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