Die Filmfestspiele von Venedig haben den Dokumentarfilm Naza über den Gaza-Krieg kurz vor Beginn des Festivals in ihr Wettbewerbsprogramm aufgenommen. Unterdessen sorgt eine kurzzeitige Absage der traditionellen Jury-Pressekonferenz und deren darauffolgende Wiedereinführung für Irritationen in der Branche.
Ein spätschnittiger Wettbewerbsbeitrag aus Tel Aviv
Kurz vor Beginn der Filmfestspiele von Venedig hat das Festival einen neuen Titel in den Wettbewerb aufgenommen: Der Dokumentarfilm „Naza“ über den Gaza-Krieg von Yuval Abraham und Rachel Szor gehört jetzt zu den nun 21 Wettbewerbsbeiträgen der diesjährigen Ausgabe, wie das Festival mitteilte. Die 83. Filmfestspiele in Venedig starten am Mittwoch und laufen bis zum 12. September.
Die beiden Regisseure gehörten zum vierköpfigen Regieteam des mit einem Oscar ausgezeichneten Dokumentarfilms „No Other Land. Mit dem Dokumentarfilm
No Other Land“ gewannen die israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor bei der Berlinale 2024 den Dokumentarfilmpreis. Bei der Verleihung in Berlin gab es Tumult über Antisemitismusvorwürfe und lange Zeit Wirbel um Äußerungen der Preisträger. „No Other Land“ gewann 2025 den Oscar für den besten Dokumentarfilm. Im Film geht es um die Räumung palästinensischer Dörfer im Westjordanland. Die gesteigerte Neugierde auf „Naza“ hat vor allem damit zu tun, dass Yuval Abraham und Rachel Szor, die für die Regie zeichnen, auch Teil der israelisch-palästinensischen Vierergruppe waren, die 2024 auf der Berlinale mit dem Dokumentarfilm „No Other Landfür Kontroversen sorgte.
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Nach Angaben der Produzenten leitet sich der Filmtitel von dem im Militärjargon benutzten hebräischen Kürzel für Kollateralschaden ab. Der Begriff bezeichnet laut dem Nachrichtenportal „ynet“ unbeteiligte Zivilisten, die bei einem Angriff, der nicht gegen sie gerichtet ist, zu Schaden kommen könnten.
In der offiziellen Filmbeschreibung von „Naza“ heißt es: „Shot at night at the rooftops of Tel Aviv, the film reveals in detail the systems behind Israel’s calculated mass killings of Palestinian civilians in Gaza.“ Ein detaillierte Kritik der Kriegführung Israels in Gaza verdient zweifellos jede Aufmerksamkeit, aber wie das von den Dächern Tel Avivs aus gehen soll, bedarf noch der Klärung. Weitere Details zum Inhalt des Films gab es zunächst nicht. Oktober 2023 sein. Israel betont immer wieder, seine Angriffe im Gazastreifen zielten nur auf Mitglieder von Terrororganisationen, man bemühe sich, zivile Opfer zu vermeiden.”
Produziert wurde das Werk von „The Guardianund James Wilson (
JW Films). Als Executive Producer war der Regisseur Jonathan Glazer beteiligt. Wilson und Glazer arbeiteten bereits bei
The Zone of Interest“ zusammen, der 2024 mit dem Oscar als bester internationaler Film ausgezeichnet wurde.
Hintergrundgerangel um Pressekonferenz und politische Brisanz
Eine ungewöhnliche Entscheidung sorgte kurz vor Festivalbeginn in Venedig für Aufsehen: Einem Medienbericht zu Folge sollte die Jury-Pressekonferenz abgesetzt werden. Die Branche war irritiert – nun hat das Festival den Kurs geändert. Vergangenes Samstag noch wollten die Filmfestspiele von Venedig auf die traditionelle Eröffnungs-Pressekonferenz verzichten. Dies vermeldeten Nachrichten-Agenturen mit Bezug auf das US-Magazin «Deadline». Ein ungewöhnlicher Schritt für ein Festival dieser Grösse und Bedeutung.

Als Grund für die Absage wurden «Terminkonflikte» ins Feld geführt. Zu unglaubwürdig für die Filmbrache, die Spekulationen folgten prompt: Vermutungen wurden laut, dass die Absage mit den zuletzt politisch sehr aufgeladenen Eröffnungs-Pressekonferenzen bei Filmfestivals zu tun haben könnte. Doch bereits einen Tag später dementierten die Filmfestspiele die Absage: Das Magazin «Deadline» verkündete gestern Sonntag, Venedig hätte «den Kurs geändert und die Pressekonferenz der Jury wieder eingeführt». Das Hin- und Her der Filmfestspiele wurde auf Nachfrage von «Deadline» nicht schlüssig geklärt. Politisch motivierte Gründe hätte das Festival jedoch «rundweg zurückgewiesen».
Doch Branchenkenner hegen Zweifel daran, denn: In jüngster Zeit wurden Jurymitglieder an mehreren grossen Festivals wiederholt zum Gaza-Krieg befragt – mit teils heiklen Folgen. So wurde 2025 Jury-Präsident Alexander Payne zum Venedig-Auftakt zum Gaza-Konflikt befragt und geriet in Erklärungsnöte. Und an der Berlinale 2025 löste Jury-Präsident Wim Wenders mit der Aussage, Filmschaffende sollten sich aus der Politik heraushalten, Proteste aus. Es folgten politische Debatten über den Gaza-Krieg, die sich über das ganze Festival erstreckten und in einem offenen Brief, Protesten und Stellungnahmen endeten.
Aktivismus im Vorfeld und die Besetzung der Jury
In diesem Jahr sitzt mit Kaouther Ben Hania eine Regisseurin in der Jury von Venedig, die 2024 mit einem Film über ein getötetes palästinensisches Mädchen den zweitwichtigsten Preis des Festivals gewann. Im Wettbewerb läuft zudem «Naza», ein Film über den Gaza-Krieg, der von den Machern des Oscar-prämierten Dokumentarfilms «No Other Land» stammt. Für Filmfestivals wie für Kunstveranstaltungen allgemeiner ist Israel/Palästina/Gaza heute die causa prima.
