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Welt

Schlangenbisse töten laut neuen Daten weit mehr Menschen als bisher angenommen

Weltweit sterben jährlich mindestens 274.000 Menschen an Schlangenbissen, wobei die Dunkelziffer laut einer im Fachmagazin PLOS Medicine veröffentlichtten Analyse bis zu 513.000 Todesfälle betragen kann. Forschende der Liverpool School of Tropical Medicine führen die massiven Abweichungen zu früheren Schätzungen auf erhebliche Datenlücken in armen ländlichen Regionen zurück.

Die tatsächliche Bedrohung durch Giftschlangen ist nach neuen wissenschaftlichen Berechnungen wesentlich gravierender als bisher angenommen. Eine am Dienstag veröffentlichte Untersuchung eines internationalen Forschungsteams beziffert die weltweiten Vergiftungen durch Schlangenbisse auf jährlich 2,1 bis sieben Millionen Fälle. Daran sterben demnach zwischen 274.000 und 513.000 Menschen pro Jahr wie das Forschungsteam um Dileepa Ediriweera berichtet. Bisherige globale Annahmen der Weltgesundheitsorganisation WHO gingen von deutlich niedrigeren Zahlen zwischen 81.000 und 138.000 Todesfällen aus, während eine ältere Übersicht aus dem Jahr 2007 sogar nur 20.000 bis 94.000 Todesopfer verzeichnete.

Massive Datenlücken in den ländlichen Tropen

Die extreme Diskrepanz zwischen früheren Statistiken und den aktuellen Schätzungen erklärt sich vor allem durch gravierende Lücken in der offiziellen Erfassung. Von insgesamt 170 Ländern, in denen Giftschlangen vorkommen, verfügen 91 Staaten über keinerlei belastbare Daten zu Vergiftungen, während in 100 Ländern verlässliche Informationen zu den Todesfällen gänzlich fehlen. Besonders groß sind diese blinden Flecken in Afrika südlich der Sahara, im Nahen Osten sowie in Teilen Asiens laut den Analysen der Fachleute.

Viele betroffene Menschen in ländlichen Regionen suchen nach einem Schlangenbiss niemals ein Krankenhaus auf. Stattdessen vertrauen sie auf traditionelle Behandlungsmethoden, wodurch offizielle Spitaldaten das tatsächliche Ausmaß der Tragödie massiv unterschätzen wie Auswertungen direkt in Dorfgemeinschaften zeigen. Um diesen blinden Fleck auszugleichen, wertete die Forschungsgruppe die zwischen 2007 und 2025 veröffentlichte Fachliteratur aus und erstellte geostatistische Modelle für Staaten ohne eigene verlässliche Berichte.

Verteilung nach Regionen und schwer betroffene Staaten

Die Last der Schlangenbisse konzentriert sich fast ausnahmslos auf arme, ländliche Gemeinschaften in den Tropen und Subtropen. Allein auf Afrika südlich der Sahara entfallen etwa 45 Prozent aller weltweiten Vergiftungen und Todesfälle nach Angaben der Forschenden. Dort sterben jährlich schätzungsweise 124.000 bis 232.000 Menschen. An zweiter Stelle steht Südasien, wo ein gutes Viertel aller Fälle verzeichnet wird und zwischen 75.000 und 140.000 Menschen ihr Leben verlieren.

In absoluten Zahlen weist das bevölkerungsreiche Indien die weltweit höchste Belastung auf, gefolgt von Nigeria, Pakistan, der Demokratischen Republik Kongo und Äthiopien wie aus den Studienergebnissen hervorgeht. In wohlhabenden Ländern stellt sich die Situation völlig anders dar: Dort ereignen sich Schlangenbisse nur selten in der natürlichen Umgebung, sondern meist in Zoos, Reptilienhäusern oder bei Privatsammlungen exotischer Tiere, wobei die Gesamtzahl der Todesfälle in diesen Staaten auf etwa 150 geschätzt wird.

Chronische Behinderungen und hohe Hürden für die WHO

Neben den Todesfällen hinterlassen Schlangenbisse bei Hunderttausenden Überlebenden dauerhafte körperliche und seelische Schäden. Die neue Studie liefert erstmals globale Schätzungen zu diesen Langzeitfolgen, auch wenn psychologische Belastungen wie posttraumatische Belastungsstörungen darin noch gar nicht eingerechnet sind.

Schlangenbisse töten laut neuen Daten weit mehr Menschen als bisher angenommen
Photo: Diepresse

„Aber davon ausgehend, dass Amputationen und andere permanente körperliche Behinderungen etwa dreimal so häufig sind wie Todesfälle, können wir schätzen, dass es jedes Jahr zu mindestens 825.000 Fällen von schwerer körperlicher Behinderung kommt.“

Forschungsteam, Liverpool School of Tropical Medicine

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte Schlangenvergiftungen bereits im Jahr 2017 als vernachlässigte Tropenkrankheit eingestuft und das Ziel ausgegeben, die Zahl der Todesfälle und schweren Erkrankungen bis 2030 um die Hälfte zu senken wie die internationale Behörde festlegte. Angesichts der nun offengelegten, weitaus höheren Fallzahlen und der vielerorts fehlenden medizinischen Infrastruktur stehen die beteiligten Staaten und Hilfsorganisationen jedoch vor einer gewaltigen Herausforderung bei der Bereitstellung bezahlbarer Gegengifte.

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Anna Richter

Über den Autor

Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.

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