Der Philosoph Rüdiger Safranski sieht in der künstlichen Intelligenz die vierte Kränkung
des Menschen. In seinem neuen Buch Die Vierte Kränkung
im Hanser Verlag warnt der 81-jährige Autor davor, dem rechenstarken, aber toten System der Maschine die Herrschaft über den menschlichen Geist einzuräumen.
Der Philosoph Rüdiger Safranski betrachtet künstliche Intelligenz in seinem neuen Werk als historischen Einschnitt für die Menschheit. Wie das Medienunternehmen Orf berichtet, lebt der heute 81-jährige Autor im Kurort Badenweiler am Rande des Schwarzwalds. In seinem 112 Seiten umfassenden Buch Die Vierte Kränkung. Menschlicher Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz
, erschienen im Hanser Verlag zu einem Preis von 22 Euro, reiht er die Technologie in Sigmund Freuds historische Kränkungen des menschlichen Selbstverständnisses ein.
Die vierte Kränkung nach Kopernikus, Darwin und Freud
Sigmund Freud sprach historisch von drei großen Kränkungen der Menschheit, die Safranski nun um eine vierte Dimension erweitert. Laut Orf war die erste die kopernikanische Kränkung, durch die der Mensch aufhörte, sich als Mittelpunkt des Weltalls zu betrachten. Die zweite folgte durch Charles Darwins Evolutionstheorie und die Einsicht, dass der Mensch von den gleichen Vorfahren wie die Affen abstammt. Die dritte Kränkung war Freud selbst zuzuschreiben, der mit der Entdeckung des Unbewussten zeigte, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause ist
.
Als vierte Kränkung kommt nun laut Safranski die künstliche Intelligenz hinzu. Der Grund dafür liegt in ihrer Fähigkeit, Intelligenzleistungen zu erbringen, die Menschen bislang ausschließlich an ein eigenes Bewusstsein geknüpft hatten. Trotz dieser enormen Hochleistungen bleibt die KI für den Philosophen jedoch tote Materie
, die nicht denkt, sondern rein regelgeleitet rechnet – allerdings mit einer Effizienz, die den Menschen weit übertrifft.
Tote Materie und die instrumentelle Vernunft bei Hanser Literaturverlage
Safranski beschreibt die Technologie als ein geschlossenes System ohne eigenen Weltzugang. Laut dem Bericht von Orf hält er fest, dass die KI kein Innen und kein Außen besitze und keinerlei Ahnung von ihrem Handeln habe. Während die instrumentelle Vernunft – ein Begriff, den Safranski mit Max Horkheimer verknüpft – rein zielgerichtet und ohne ethische Reflexion funktioniert, sieht er im Menschen den lebendigen Geist
. Dieser sei eng mit echten Erfahrungen verbunden und zeichne sich durch Emotionen, Empathie, Verstehen, Moral und Freiheit aus.
Das rational Perfekte ist wirkungsvoll, aber tot – so tot wie die KI.
Rüdiger Safranski, Philosoph
In dem Werk kritisiert Safranski das Versprechen der Perfektion, das er als Markenzeichen des Prothesengottes der KI
bezeichnet. Dieses Versprechen untergrabe die menschliche Souveränität, während echte Weisheit stattdessen darin liege anzuerkennen, dass es keine Perfektion gibt. Zu den wahren Stärken des Menschen zählen laut dem Buch ausdrücklich auch seine Schwächen, Ungenauigkeiten sowie seine Unberechenbarkeit.
Technikgläubigkeit und die Forderung nach Gewaltenteilung
Der Philosoph warnt zudem vor einem gesellschaftlichen Materialismus, der den Idealismus verdrängt hat und den Nährboden für eine Überhöhung der KI zur neuen Religion bereitet. Laut Orf warnt Safranski vor einem gefährlichen Konformismus der Technikgläubigkeit
, bei dem Anpassungsdruck und die Angst vor dem Anschluss die größten Treiber sind. Um zu verhindern, dass die Technik zu einer totalen Macht aufsteigt, fordert er den Einsatz der humanistischen Klugheit der Gewaltenteilung
, und das nicht nur in der Theorie, sondern ganz konkret im Umgang mit dem technologischen Wandel.

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