Die traditionsreiche Schweizer Luxusmarke Bally befindet sich in einer prekären finanziellen Lage. Seit Juni 2026 befindet sich das Tessiner Unternehmen in Nachlassstundung, einer Vorstufe zum Konkurs, in der geprüft wird, ob eine Sanierung der hoch verschuldeten Gesellschaft noch möglich ist. Das Kantonsgericht Zug hat der Bally Schuhfabriken GmbH eine provisorische Nachlassstundung bis Mitte Oktober gewährt.
Zur Überwachung der Geschäftsführung wurde die Berner Firma Transliq AG als externer Sachwalter eingesetzt. Diese prüft nun, ob ein Nachlassvertrag zum Abschluss gebracht werden kann, der Gläubiger teilweise befriedigt, oder ob das Unternehmen in den Konkurs geschickt werden muss.
Produktionsstopp und Entlassungen im Tessin
Die operative Situation in der Schweiz ist kritisch. Im Mai 2026 erhielten die letzten 27 Schuhmacher in der Produktion in Caslano am Luganersee ihre Kündigung per Ende August. Bereits im September des Vorjahres war die Belegschaft in dieser Fabrik von 57 auf 27 Personen reduziert worden. Damit stehen die Maschinen am Standort Caslano still, wo zuvor einzelne Fertigungsschritte teurer Herrenschuhmodelle erfolgten.
Zwar sieht ein Sozialplan für die entlassenen Produktionsmitarbeiter eine Abgangsentschädigung von drei Monatslöhnen vor, doch die finanzielle Durchführbarkeit ist ungewiss. Während der Mai-Lohn mit etwa einer Woche Verzögerung noch gezahlt wurde, blieb die Überweisung der Juni-Löhne zum Stichtag 26. Juni 2026 ein kritischer Punkt. Für die rund 100 verbliebenen Büroangestellten in Caslano existiert kein Sozialplan.
Auch im Einzelhandel hat Bally massiv zurückgefahren: Die Läden in der Schweiz wurden weitgehend geschlossen. Lediglich die Filiale in St. Moritz sowie das Geschäft an der Zürcher Bahnhofstrasse bleiben geöffnet.
Die Strategie des Investors Michael Reinstein
Bally wurde im August 2024 von der kalifornischen Private-Equity-Gesellschaft Regent übernommen. Gerüchten zufolge erfolgte der Kauf für einen symbolischen Franken, wobei Regent jedoch alle Schulden übernahm. Hinter Regent steht der ausgebildete Jurist Michael Reinstein, dessen Geschäftsmodell laut Berichten darin besteht, defizitäre Unternehmen zu erwerben, das Konkursrecht maximal auszureizen, um sie zu entschulden, und sie anschließend neu aufzubauen.
Diese Methode wendet Reinstein bereits bei anderen Marken in seinem Portfolio an:
- Escada: Die Münchener Modemarke wurde 2019 übernommen und ging 2020 in Konkurs. Heute existiert das Unternehmen mit einem Online-Shop und einer neuen kreativen Leitung, beschäftigt jedoch nur noch rund 20 Personen statt früher hunderte.
- Techcrunch: Nach der Übernahme vor einem Jahr wurde die gesamte europäische Belegschaft des Portals entlassen.
- Unterwäschemarken: Regent kontrolliert etwa ein halbes Dutzend Marken, darunter Wonderbra, Dim und La Senza.
Kampf um die Markenwerte
Ein zentraler Punkt im aktuellen Geschehen ist der Versuch von Regent, die Marke Bally zu sichern. Tessiner Richter blockierten kürzlich den Verkauf der Marke an eine amerikanische GmbH. Franco Lorandi, Professor für Konkursrecht, erklärt, dass eine starke Marke ein Vermögenswert sei, dessen Wert durch einen Konkurs am wenigsten gemindert werde. Es wird spekuliert, dass Reinstein die Marke kurz vor einem möglichen Konkurs herauslösen wollte, um sie später schuldenfrei zurückzukaufen oder als Lizenzmodell zu betreiben.
Interesse an einer Rettung zeigt Roberto Martullo, Eigentümer der Marke Künzli. Er strebt den Kauf von Bally an, um Synergien in der Schweizer Schuhproduktion zu nutzen und die entlassenen Mitarbeiter wieder einzustellen. Martullo gab an, dass Regent zwar bereit gewesen sei, ihm die Produktion zu verkaufen, jedoch nicht die Marke. Da dies für ihn keinen Sinn ergibt, liegt die Entscheidung nun bei den Sachwaltern und den Gerichten.
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