Ein ICE-Agent erschoss am Montag den 26-jährigen Johan Sebastián Guerrero in Biddeford, Maine. Der Vorfall ereignete sich während einer Operation zur Durchsetzung einer Abschiebung. Infolge des Todes und öffentlicher Proteste stimmte das US-Heimatschutzministerium zu, alle nicht dringenden Fahrzeugstopps einzustellen, wie Senatorin Susan Collins berichtete.
Widersprüchliche Darstellungen zum Tathergang in Biddeford
Die Details des tödlichen Einsatzes in Biddeford sind Gegenstand gegensätzlicher Berichte. Bundesbehörden gaben an, dass ICE-Agenten versuchten, eine Abschiebeordnung zuzustellen. Ein Sprecher des Ministeriums erklärte, ein Beamter habe seine Waffe abgefeuert, nachdem ein Fahrer nicht angehalten habe, nachdem ein „illegaler Ausländer die Residenz in einem Fahrzeug verlassen“ habe.
Weitere Details zeichnen ein komplexeres Bild. Senator Angus King gab an, dass Heimatschutzminister Markwayne Mullin ihm gegenüber behauptete, der Beamte habe das Feuer eröffnet, weil der Mann versucht habe, sein Fahrzeug als Waffe gegen die Agenten einzusetzen. Es gab jedoch andere Berichte, wonach Guerrero gar nicht das eigentliche Ziel des Haftbefehls gewesen sei.
Ein Augenzeuge des Vorfalls, Daniel Boucher, berichtete ABC News, er habe das Opfer beim Aussteigen aus dem Auto deutlich sagen hören:
„Ich habe versucht anzuhalten.“
Daniel Boucher, Zeuge
Während das DHS laut Al Jazeera angab, der Beamte habe aus Sorge um die „öffentlichen Sicherheit“ gefeuert, betonte Senator King, dass der Minister das Fahrzeug als „weaponized“ (als Waffe eingesetzt) bezeichnet habe.
Johan Sebastián Guerrero: Ein Leben zwischen zwei Welten

Die Familie und Freunde erinnern Guerrero als einen hart arbeitenden Mann, dessen Leben sich um seine Familie drehte. Der 26-Jährige war laut seinen Angehörigen legal berechtigt, in den Vereinigten Staaten zu arbeiten, und meldete sich regelmäßig bei den Einwanderungsbehörden.
Guerrero führte zwei Jobs, um seine Träume zu finanzieren. Sein Vater, Omar Durán, schilderte, dass sein Sohn morgens in einer Tierklinik arbeitete, um die Einrichtung zu reinigen, und nach dieser Schicht als Essenslieferant für DoorDash tätig war. Dabei nutzte er eine kleine weiße Limousine, in der er sich am Montagmorgen auch befand, als der Agent das Feuer eröffnete.
Ein enger Freund aus Kolumbien, Luis Andres Bravo Perdomo, mit dem Guerrero 2019 und 2020 im kolumbianischen Militär diente, beschrieb die tiefe Bindung zwischen den beiden.
„Wir mussten Tage der Kälte und des Hungers ertragen. Aber wir haben uns gegenseitig bei Ratschlägen gestützt.“
Luis Andres Bravo Perdomo, Freund
Guerrero war zudem ein leidenschaftlicher Spieler der kleinen Trommel und liebte Cumbia-Musik. Sein Vater beschrieb ihn als einen disziplinierten Menschen mit Werten, der nur das Beste für seine Tochter wollte. Nur zwei Tage vor dem Vorfall postete Guerrero Fotos seiner Tochter auf Facebook mit den Worten: „3 Jahre später. Ich liebe dich, meine wunderschöne Prinzessin.“
Politischer Druck und die Rolle der Bodycams
Der Vorfall ist der zweite tödliche Schusswechsel durch Einwanderungsbeamte in kurzer Zeit, nachdem in der vergangenen Woche ein weiterer Mann in Texas getötet wurde. Dies führte zu massiven Protesten in Biddeford und Portland, Maine.
Ein zentraler Kritikpunkt der Demonstranten ist das Fehlen von Aufzeichnungen. Bundesbeamte bestätigten, dass die beteiligten Agenten keine Bodycams trugen. Anne Marie Cabral aus Kennebunkport hinterfragte während einer Kundgebung laut WBUR die Abwesenheit dieser Kameras und verglich die Situation mit den Nazis.
Die politischen Reaktionen waren unmittelbar:
Offene Fragen und rechtliche Konsequenzen
Trotz der ersten offiziellen Statements bleiben wesentliche Fragen ungeklärt. Insbesondere die Diskrepanz zwischen der Aussage des Ministers Markwayne Mullin – dass das Fahrzeug als Waffe eingesetzt wurde – und den Berichten, Guerrero sei gar nicht das Ziel des ursprünglichen Haftbefehls gewesen, wirft Fragen zur Verhältnismäßigkeit des Einsatzes auf.
Während die Familie Durán für Gerechtigkeit betet, bleibt die Untersuchung der Generalstaatsanwaltschaft von Maine die entscheidende Instanz für die Aufarbeitung des Vorfalls. Die Tatsache, dass keine Videoaufnahmen der Agenten existieren, lässt die Rekonstruktion des Geschehens weitgehend von Zeugenaussagen und den widersprüchlichen Berichten der Behörden abhängig.
Omar Durán fasste die Verzweiflung der Familie in einer Nachricht an kolumbianische Nachrichtensender zusammen:
„Er ist ein wunderbarer Sohn, und ich weiß nicht, warum sie ihm das angetan haben. … Er war eine Person, die mit Werten aufgewachsen ist.“
Omar Durán, Vater des Opfers
Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft werden nun die Glaubwürdigkeit aller Aussagen unter die Lupe nehmen, um die Umstände des Vorfalls endgültig zu klären.
Find more reporting in our Nachrichten section.