Der Iran hat am Samstag, den 20. Juni 2026, die offizielle Schließung der Straße von Hormus verkündet, während das US-Centcom diese Blockade dementiert. Trotz der Warnungen aus Teheran stieg der Schiffsverkehr laut Kpler-Daten am Montag auf mindestens 36 Frachtschiffe, was die Fragilität des jüngst unterzeichneten Friedensabkommens zwischen den USA und dem Iran unterstreicht.
Widersprüchliche Signale in der Straße von Hormus
Die aktuelle Lage an einem der weltweit kritischsten Nadelhälse der Energieversorgung ist von massiven Widersprüchen geprägt. Während Teheran via Telegram und über das Zentrale Hauptquartier Khatam al-Anbiya die Sperrung der Meerenge für den Schiffsverkehr offiziell ausrief, zeichnen die Realdaten ein anderes Bild. Laut T-Online meldete das Analyseunternehmen Kpler für den vergangenen Montag mindestens 36 Frachtschiffe, die die Straße passierten.
Dies ist der höchste Stand seit Beginn des Iran-Kriegs am 28. Februar, auch wenn es nur knapp einem Drittel der vor dem Krieg üblichen 120 täglichen Fahrten entspricht. Im Juni lag die Zahl zeitweise bei weniger als zehn Schiffen pro Tag. In den letzten fünf Tagen lag der Durchschnitt bei 27 Schiffen täglich.
Die Diskrepanz zwischen der iranischen Ankündigung und der tatsächlichen Bewegung ist eklatant. Blick berichtet, dass das US-Centcom die Schließung der Meerenge schlichtweg dementiert hat. Es bleibt unklar, ob die Islamische Revolutionsgarde die Blockade nur als diplomatisches Druckmittel nutzt oder ob die US-Marine die Durchfahrt faktisch erzwingt.
Das Versailles-Abkommen und der Libanon-Konflikt
Hinter der erneuten Eskalation steht das Scheitern eines komplexen diplomatischen Prozesses. In der Nacht auf Donnerstag wurde in Versailles ein Rahmenabkommen unterzeichnet, das insgesamt 14 Punkte umfasst. Der zentrale erste Punkt sieht die sofortige Beendigung des Krieges an allen Fronten vor, explizit einschließlich der Operationen im Libanon.

Der Iran wirft den USA und Israel nun massive Vertragsbrüche vor. Teheran begründet die erneute Blockade der Straße von Hormus mit der Nichtumsetzung dieses ersten Punktes sowie mit anhaltenden Verstößen gegen den Waffenstillstand im Südlibanon. Die iranische Führung fordert den vollständigen Rückzug der israelischen Besatzungstruppen aus den Gebieten des Südlibanon sowie den Abzug der USA aus der Region.
„Angesichts der offensichtlichen Vertragsbrüche und des offensichtlichen Verstosses gegen das Abkommen seitens der USA hinsichtlich der Nichtumsetzung des ersten Punktes des Abkommens zum Kriegsende sowie als Reaktion auf die unaufhörlichen und fortwährenden Verstösse gegen den Waffenstillstand durch das zionistische Regime im Südlibanon […] wird hiermit bekannt gegeben, dass die Strasse von Hormus für den Schiffsverkehr gesperrt wird.
Streit um Durchfahrtsgebühren und Souveränitätsrechte
Parallel zur militärischen Drohung verschiebt der Iran die Auseinandersetzung auf eine ökonomische Ebene. In einer gemeinsamen Erklärung vom Dienstag kündigten der Oman und der Iran an, eine Arbeitsgruppe zu bilden, um die Verwaltung der Straße von Hormus neu zu ordnen. Ziel ist die mögliche Erhebung von Gebühren für die Durchfahrt von Schiffen.

Bisher verwaltete der Oman das System kostenlos, einschließlich der Radarüberwachung und Such- und Rettungsmaßnahmen. In dem neuen Dokument betonen beide Staaten ihre Souveränität und ihre Hoheitsrechte
über die Meerenge und fordern eine Regelung für Dienstleistungen und den damit verbundenen Kosten
, die im Einklang mit internationalen Standards
stehen soll.
Diese Pläne stießen in Washington auf sofortigen Widerstand. US-Präsident Donald Trump versprach auf seiner Plattform Truth Social, dass während der 60-tägigen Waffenruhe keine Mautgebühren in der Straße von Hormus erhoben werden. Trump ging sogar so weit zu behaupten, dass auch nach Ablauf dieser Frist keine Gebühren anfallen dürften – es sei denn, diese würden von den Vereinigten Staaten und zu deren Gunsten erhoben, falls die Vereinbarungen nicht eingehalten würden.
Europäische Stützpunkte als Machtprojektion der USA
Während die Fronten im Nahen Osten verhärten, rückt die logistische Unterstützung durch Europa in den Fokus. NATO-Generalsekretär Mark Rutte betonte gegenüber Fox News die Bedeutung europäischer Territorien für die US-Militärstrategie während des Iran-Kriegs. Rutte wies die Kritik einiger US-Regierungsvertreter zurück, die eine mangelnde Unterstützung der Alliierten bei Überflugrechten und der Nutzung von Militärstützpunkten beklagt hatten.

Laut NZZ gab es auf europäischen Stützpunkten mehrere tausend Starts und Landungen von US-Militärflugzeugen. Rutte bezeichnete den Kontinent als Plattform der Machtprojektion
, da die geografische Nähe die Einsätze in Afrika und im Nahen Osten massiv vereinfache.
Diese diplomatische Schadensbegrenzung erfolgt kurz vor einem Treffen zwischen Rutte und Trump in Washington sowie dem anstehenden NATO-Gipfel in Ankara in zwei Wochen.
Israels Kurs auf rüstungstechnische Autarkie
Die Instabilität der Region und die Abhängigkeit von US-Lieferungen führen in Israel zu einer strategischen Neuausrichtung. Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte auf X, dass Israel eine eigene, von den USA unabhängige Rüstungsindustrie aufbauen werde. Obwohl er die Unterstützung Washingtons schätzte, betonte Netanjahu die Notwendigkeit, sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien und eigenständige Rüstungssysteme zu entwickeln.
Die Entwicklung zeigt ein gefährliches Muster: Während ein fragiles Friedensabkommen in Versailles unterzeichnet wurde, nutzen alle Beteiligten die Zeit für strategische Absicherungen – sei es durch die Drohung mit Blockaden, die Forderung nach Mautgebühren oder den Aufbau autarker Waffenindustrien. Die Straße von Hormus bleibt dabei das zentrale Spielbrett, auf dem geopolitische Machtansprüche in direkte wirtschaftliche Risiken für die globale Energieversorgung übersetzt werden.
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