Zum Inhalt springen
Nachrichten

SRF: Jetzt geht es auch der Chefetage an den Kragen

Die SRG baut ihr Budget bis 2029 um 270 Millionen Franken ein und streicht rund 900 Vollzeitstellen. Im Zuge dieser radikalen Transformation musste fast die gesamte Führungsebene des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF) ihre eigenen Stellen neu ausschreiben und sich bewerben, was zu einer massiven Verschlankung der Chefetage führte.

Es ist ein chirurgischer Eingriff in die Machtstrukturen des Schweizer öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Was offiziell als Optimierung von Doppelspurigkeiten getarnt wird, gleicht in der Praxis einer Generalreinigung der Führungsebene. Die Vorgaben sind hart: Bis 2029 müssen enorme Summen eingespart werden, wobei die Berichterstattung von 20 Minuten verdeutlicht, dass die Einsparungen primär in den Strukturen bei Human Resources, Finanzen, Stab, Operationen und Kommunikation ansetzen sollen, um das eigentliche Programmangebot so lange wie möglich zu schützen.

Bereits im Sommer 2025 wurden beim SRF erste 66 Stellen gestrichen. Nun folgt die Phase, die die Hierarchiespitze trifft. Die Strategie der SRG-Generaldirektorin Susanne Wille ist klar: Wer in der neuen, schlankeren Organisation eine Rolle will, muss sich durch ein Assessment beweisen. Das Ergebnis ist eine Führungsebene, die sich in ihrer Größe mehr als halbiert.

Die Zusammenlegung von Radio und Fernsehen unter einer Co-Leitung

Der signifikanteste strukturelle Bruch ist das Ende der getrennten Chefredaktionen für Radio und Fernsehen. Diese Bereiche verschmelzen nun zur Abteilung Information. An die Spitze dieser trimedialen Einheit treten Ursula Gabathuler und Beat Soltermann als Co-Leitung. Damit übernimmt die bisherige Führung von Radio und Digital faktisch auch die Kontrolle über das Fernsehen.

Gabathuler, die maßgeblich am Aufbau von News Digital beteiligt war, sieht die Notwendigkeit verlässlicher Informationen gerade in Zeiten von Desinformation als zentral an. Soltermann wiederum fokussiert sich auf die Glaubwürdigkeit des SRF unter dem neuen, knappen Finanzrahmen.

Ich freue mich sehr auf diese neue Aufgabe. Gerade in Zeiten von Fake News und wachsender Verunsicherung sind verlässliche Informationen von besonderer Bedeutung.

Diese neue Struktur ist kein bloßes Organigramm-Update, sondern ein strategisches Signal. Die Trennung zwischen den Medienkanälen wird aufgehoben, um effizienter auf die digitalen Konsumgewohnheiten des Publikums zu reagieren. Wer heute Nachrichten konsumiert, unterscheidet kaum noch, ob der Inhalt ursprünglich für das Radio oder den Bildschirm produziert wurde.

For more on this story, see Kessler tritt nach nur neun Monaten als SIHF-Präsident zurück – Verband in tiefster Krise.

Das Ende der Ära Tristan Brenn

Die Kehrseite der Verschlankung ist der Verlust von institutionellem Wissen. Tristan Brenn, der zwölf Jahre lang als Chefredaktor des Fernsehens fungierte, wird die Organisation verlassen. Wie Blick berichtet, verzichtete Brenn auf eine Neubewerbung, obwohl er intern als beliebter Chef galt.

Das Ende der Ära Tristan Brenn
cluster (priority): 20 Minuten

Brenn selbst bezeichnete die Entscheidung auf LinkedIn als eine, die aus voller Überzeugung getroffen wurde, räumte jedoch ein, dass sie ihm nicht leichtfiel. Seine Zeit an der Spitze war nicht ohne Reibungspunkte. Kritiker erinnerten an seine auffallende Stille während der Affäre um den Ex-Nati-Trainer Patrick Fischer, als der Reporter Pascal Schmitz unter Druck geriet. Brenn rechtfertigte dies später mit einem geplanten Sabbatical.

Mit Brenn scheidet auch Stefano Semeria aus, der nach 16 Jahren beim SRF zuletzt die Distribution leitete. Dass erfahrene Kaderleute in diesem Ausmaß weichen, zeigt die Radikalität des Umbaus: Es geht nicht mehr um die Bewahrung des Status quo, sondern um eine vollständige Neuausrichtung der Führungslogik.

Das neue Machtgefüge beim SRF und der SRG

Neben der neuen Co-Leitung Information wurde eine Reihe weiterer Führungspositionen besetzt. Die Hierarchie wird nun straffer und funktionaler geführt.

Ein Volksentscheid und seine Folgen | Die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative | SRF Dok
  • Kultur, Gesellschaft & Wissen: Antonia Seifert
  • Unterhaltung: Manuela Diethelm
  • Distribution: Laura Köppen

Parallel dazu wurden die Business-Partner-Funktionen, die SRG-weit einheitlich gesteuert werden, neu besetzt. Hier geht es primär um die operative Effizienz, um die geforderten 270 Millionen Franken Einsparungen zu realisieren.

BereichVerantwortliche Person
Human Resources (HR)Patrik Porchet
FinanzenAlexandra Köhl
OperationenSusanne Läng
StabDaniel Knoll

Außerhalb des SRF gibt es ebenfalls personelle Weichenstellungen auf höchster Ebene. Simona Caminada wurde einstimmig zur neuen Direktorin von Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR) gewählt und zieht damit in die Geschäftsleitung der SRG ein.

Die strategischen Einsätze und das Risiko

Die SRG nutzt die aktuelle finanzielle Krise als Hebel für eine Modernisierung, die sie in stabilen Zeiten vermutlich nicht gewagt hätte. Der Abbau von 900 Stellen bis 2029 erfolgt über eine Mischung aus natürlicher Fluktuation, Pensionierungen und Kündigungen, wobei ein Sozialplan für die Betroffenen greift.

Die strategischen Einsätze und das Risiko
cluster (priority): news.google.com

Doch dieser Weg ist riskant. Die massive Reduktion der Führungsebene und die Zusammenlegung von Redaktionen können zu einem Kontrollverlust führen, wenn die neuen Co-Leitungen die enorme Spannweite von Radio, TV und Digital nicht effektiv bewältigen können. Zudem droht eine Demoralisierung der Belegschaft, wenn das Gefühl überwiegt, dass die Transformation primär über Personalabbau und nicht über inhaltliche Innovation erfolgt.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob die neue Struktur die Glaubwürdigkeit des Service Public stärken kann oder ob die finanzielle Austerität die journalistische Qualität aushöhlt. Die SRG hat sich in eine Position manövriert, in der sie beweisen muss, dass weniger Führung tatsächlich zu mehr Relevanz führt.

Teilen Facebook X WhatsApp E-Mail
Jonas Becker

Über den Autor

Jonas Becker verantwortet das Nachrichtenressort von Germanic Nachrichten. Sein Fokus liegt auf schneller, praeziser und sauber verifizierter Berichterstattung zu Politik, Gesellschaft und aktuellen Entwicklungen in Deutschland.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.