Der 52-jährige Sherpa Dawa Sherpa wurde am Donnerstagmorgen lebend am Mount Everest gefunden, nachdem er sechs Tage lang in der Todeszone ohne Nahrung und Sauerstoff verschollen war. Er wurde von Mitgliedern des Sagarmatha Pollution Control Committee (SPCC) entdeckt, während er sich in einem kritischen Zustand mit Erfrierungen befand.
Die Nachricht über das Überleben des Sherpas traf die Bergsteigergemeinschaft mit großer Erschütterung. Dawa Sherpa war während des Abstiegs oberhalb von Lager II zurückgelassen worden und galt nach tagelanger Funkstille als vermisst. Wie [The Tourism Times berichtete](https://www.20min.ch/story/dawa-sherpa-52-wunder-am-mount-everest-vermisster-nach-6-tagen-lebend-entdeckt-103576754), war der 52-Jährige in einer extrem lebensfeindlichen Umgebung ohne jegliche Versorgung auf sich allein gestellt.
Ein biologisches Wunder in der Todeszone
Die Bedingungen, unter denen Dawa Sherpa die vergangenen sechs Tage verbrachte, widersprechen fast allen medizinischen Erwartungen für diese Höhe. In einer Region, in der der Körper ohne zusätzliche Sauerstoffzufuhr und regelmäßige Nahrungsaufnahme innerhalb kürzester Zeit auf kapituliert, hielt er sich in rund 7500 Metern Höhe auf. Er kämpfte gegen die extreme Kälte und den extrem dünnen Sauerstoffgehalt an, während er völlig isoliert war.

Besonders tragisch ist die Tatsache, dass die Rettung nur knapp verpasst wurde. Dawa Sherpa selbst gab an, dass er bereits am Mittwoch eine Rettung in Sicht hatte. Er sah einen Helikopter über sich kreisen, doch die Besatzung bemerkte ihn nicht.
„Ich habe im Eisbruch beide Arme zweimal gehoben, aber sie haben mich nicht bemerkt.
Diese Beinahe-Rettung unterstreicht die tödliche Gefahr, die von der Sichtbarkeit und der Kommunikation in den extremen Höhenlagen des Everest ausgeht. Ohne die spätere Entdeckung durch ein lokales Team wäre die Geschichte von Dawa Sherpa mit hoher Wahrscheinlichkeit als weiterer Todesfall in der Statistik des Berges geendet.
Das ethische Dilemma: Die Entscheidung des Alpinisten
Der Vorfall wirft auch ein Schlaglicht auf die harten moralischen Entscheidungen, die Bergsteiger in der Todeszone treffen müssen. Ein britischer Alpinist, der zum Zeitpunkt des Vorfalls mit Dawa Sherpa unterwegs war, beschrieb die Situation als einen Moment zwischen Leben und Tod. [In einem Bericht für das Magazin Outside](https://www.20min.ch/story/dawa-sherpa-52-wunder-am-mount-everest-vermisster-nach-6-tagen-lebend-entdeckt-103576754) schilderte der Bergsteiger, wie Dawa Sherpa auf etwa 7500 Metern Höhe plötzlich stehen blieb und sich setzte.

Der Brite, dessen Name im Kontext der Interaktion als Chris auftaucht, sah sich mit einer unmöglichen Wahl konfrontiert. Dawa Sherpa signalisierte ihm, dass er weitergehen könne, was die Entscheidung des Alpinisten beeinflusste. Chris, ein ehemaliger Mitglied der britischen Royal Marines, stand vor der Wahl, entweder mit dem Sherpa zu bleiben oder einem polnischen Bergsteiger zu helfen, der ebenfalls unter schweren Erfrierungen litt.
„Ich komme von den britischen Royal Marines – uns wird beigebracht, niemals jemanden zurückzulassen.
Trotz dieses militärischen Kodex entschied sich der Alpinist für den Polen, da er nur noch über einen halben Sauerstofftank verfügte. Er informierte das Basislager, als er Lager II erreichte, dass Dawa Sherpa nicht mit ihnen angekommen war. Diese Entscheidung verdeutlicht die brutale Realität des Bergsteigens, in der Ressourcen wie Sauerstoff oft über das Schicksal eines Menschen entscheiden.
Die Rettung durch das lokale Müllmanagement-Team
Dass Dawa Sherpa schließlich doch noch gefunden wurde, ist dem Einsatz des Sagarmatha Pollution Control Committee (SPCC) zu verdanken. Das lokale Team, das primär für das Müllmanagement am Berg zuständig ist, entdeckte den Vermissten bei ihren Einsätzen. Die Entdeckung war ein entscheidender Wendepunkt in der Suche, die zuvor keine nennenswerten Erfolge erzielt hatte.

Der aktuelle Zustand des Sherpas ist jedoch ernst. Tshering Sherpa, der Leiter des SPCC, gab einen Einblick in die medizinische Lage des Überlebenden.
„Dawa leidet unter Erfrierungen und spricht nur sehr langsam.
Das Überleben ohne Nahrung und Wasser in dieser Höhe wird von den Verantwortlichen als ein „wundersames Überleben“ eingestuft. Während die medizinische Versorgung des Sherpas nun oberste Priorität hat, bleibt die Frage offen, wie solche Situationen, in denen Bergsteiger in der Todeszone zurückgelassen werden, in Zukunft vermieden werden können. Der Vorfall rüttelt an den etablierten Abläufen der Sicherheit am Mount Everest und fordert die Verantwortung der Expeditionen und der Bergsteiger untereinander erneut heraus.