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Gesundheit

45-jähriger ALS-Patient kommuniziert 19 Monate mit Hirn-Implantat

Ein 45-jähriger ALS-Patient konnte über 19 Monate hinweg mithilfe eines Gehirn-Computer-Interfaces (BCI) eigenständig in seiner häuslichen Umgebung kommunizieren. Das Forschungsteam um Nicholas Card von der University of California, Davis, präsentierte die Ergebnisse im Fachjournal Nature Medicine und demonstrierte damit erstmals die langfristige Nutzbarkeit solcher Implantate außerhalb kontrollierter Laborbedingungen.

Technische Basis: 256 Elektroden im Sprachzentrum

Die Technologie basiert auf der direkten Erfassung neuronaler Signale in dem Bereich des Gehirns, der für die Steuerung von Sprachbewegungen zuständig ist. Im Sommer 2023 wurden dem Patienten im linken ventralen präzentralen Gyrus insgesamt 256 Elektroden implantiert. Diese verteilen sich auf vier Matrizen mit jeweils 64 Kontakten.

Technische Basis: 256 Elektroden im Sprachzentrum
Photo: Geo.de

Die Signale werden über perkutane Kabel an ein Computersystem geleitet, das in der Wohnung des Mannes auf einem fahrbaren Wagen steht. Das System ist darauf ausgelegt, drei verschiedene Funktionen gleichzeitig zu dekodieren: einen kontinuierlichen Sprach-zu-Text-Decoder, eine zweidimensionale Cursorsteuerung und diskrete Klick-Gesten. Um zwischen dem Sprachmodus und der Maussteuerung zu wechseln, nutzt der Patient eine Blicksteuerung.

Während Berichte von n-tv das Alter des Mannes mit 45 Jahren angeben, nennt das Deutsche Ärzteblatt 48 Jahre. Unabhängig von der genauen Altersangabe zeigt die technische Umsetzung eine enorme Komplexität. Die Elektroden erfassen die winzigen elektrischen Spannungen, die entstehen, wenn die Hirnzellen aktiv sind, und wandeln diese in digitale Befehle um.

Vom Labor in den Alltag: Der Weg zur Unabhängigkeit

Bisherige Fortschritte in der BCI-Forschung konzentrierten sich primär auf die Leistungsfähigkeit unter streng kontrollierten Laborbedingungen. Ein entscheidender Unterschied der aktuellen Studie ist der Nachweis, dass das System auch im häuslichen Umfeld zuverlässig funktioniert, ohne dass ständig Forscher vor Ort sein müssen.

Vom Labor in den Alltag: Der Weg zur Unabhängigkeit
Photo: Deutsches Ärzteblatt

Der Übergang zur unabhängigen Nutzung erforderte eine intensive Vorbereitungsphase. Der Patient musste das System 280 Tage lang trainieren, bevor der Einsatz zu Hause begann. Bis zu diesem Zeitpunkt war bei jeder Sitzung die Anwesenheit einer Forschungsassistentin erforderlich.

Seit der Anpassung der Studiengenehmigung können jedoch auch Pflegekräfte das System anschließen. Der tägliche Aufbau der Apparatur nimmt etwa 20 Minuten in Anspruch. Sobald das System hochgefahren ist, kann der Patient das Interface bis zu 19 Stunden am Stück nutzen.

Kommunikationsleistung und tägliche Nutzung

Die Daten zur Nutzung über den Zeitraum von 653 Tagen verdeutlichen das Potenzial der Technologie für die digitale Teilhabe. Laut Berichten von heise online nutzte der Patient das BCI an 444 Tagen insgesamt mehr als 3.800 Stunden.

Kommunikationsleistung und tägliche Nutzung
Photo: t3n
  • **Durchschnittliche tägliche Nutzung:** 9,5 Stunden (nach Aktivierung des unabhängigen Modus)
  • **Gesamtzahl der kommunizierten Sätze:** mehr als 183.000
  • **Gesamtwortzahl:** knapp 2 Millionen Wörter
  • **Durchschnittliche Übertragungsrate:** 56 Wörter pro Minute
  • **Selbsteingeschätzte Korrektheit:** 92 Prozent der Sätze

Neben der Kommunikation ermöglicht das Implantat dem Mann auch die Steuerung eines Cursors, um am Computer zu arbeiten oder im Internet zu surfen. Dies stellt eine signifikante Verbesserung gegenüber seiner Kommunikation vor der Implantation dar, als er lediglich einen gyroskopischen Head-Mouse-Aufsatz mit einer Rate von etwa 6,3 Wörtern pro Minute nutzen konnte.

Ein Meilenstein für die soziale Teilhabe

Die langfristige Stabilität der Hardware ist ein weiterer wichtiger Aspekt der Ergebnisse. Selbst nach 19 Monaten waren auf jeder der vier Matrizen noch mehr als 90 Prozent der Elektroden voll funktionsfähig.

Ein Meilenstein für die soziale Teilhabe
Photo: heise online

"Während viele frühere Arbeiten die Leistungsfähigkeit solcher Systeme vor allem unter Laborbedingungen gezeigt haben, dokumentiert diese Studie eine langfristige und weitgehend unabhängige Nutzung im Alltag", erklärt Surjo Soekadar von der Berliner Charité, der nicht an der Studie beteiligt war.

Die wissenschaftliche Bedeutung dieser Arbeit liegt nicht allein in den technischen Kennzahlen, sondern in der Autonomie, die sie ermöglicht. In der BCI-Forschung gilt die Alltagstauglichkeit als der entscheidende Prüfstein, der weit über die reine Wortrate hinausgeht.

Wie Geo.de betont, eröffnen solche Entwicklungen die Hoffnung, Menschen, die ihre Sprache durch Krankheiten wie ALS verloren haben, wieder Zugang zur Welt zu verschaffen. Dies umfasst nicht nur die Kommunikation mit Angehörigen, sondern auch die berufliche und gesellschaftliche Teilhabe.

Trotz des Erfolgs bleibt die Technologie eine komplexe Herausforderung. Die Implementierung invasiver Systeme erfordert chirurgische Eingriffe und eine kontinuierliche Überwachung der Hardware-Integrität. Die aktuelle Studie gilt daher als ein wesentlicher Fortschritt, markiert jedoch noch nicht das Ende der Entwicklung in diesem Forschungsfeld.

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Dr. Lena Hartmann

Über den Autor

Dr. Lena Hartmann leitet das Gesundheitsressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet seit ueber zehn Jahren ueber Praevention, Medizinpolitik und digitale Gesundheit und legt besonderen Wert auf verstaendliche, quellenbasierte Einordnung.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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