Ricola hat in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Start-up Waterdrop neue „Drink Cubes“ in der Schweiz auf den Markt gebracht. Die zuckerfreien, vitaminreichen Kräuterwürfel sollen Leitungswasser aromatisieren. Mit einer spektakulären Installation am Zürcher Hauptbahnhof positioniert sich die Traditionsmarke strategisch neu – weg vom reinen Wintergeschäft hin zu einem ganzjährigen Wellness-Anbieter.
Die Flucht aus der Winterlogik: Ricolas strategischer Pivot
Über ein Jahrhundert lang war Ricola das Synonym für Halsweh-Linderung und winterliche Gemütlichkeit. Doch wer nur im Januar und Februar glänzt, lässt enorme Marktpotenziale im Sommer liegen. Mit den neuen Drink Cubes bricht das Unternehmen bewusst aus dieser engen „Winterlogik“ aus. Laut markt-kom.com verwandelt Ricola sich damit von einer klassischen Bonbon-Marke in einen Anbieter für Hydration und Lifestyle.

Dieser Schritt führt die Schweizer Traditionsmarke in ein Segment, das derzeit massiv wächst: zuckerfreie Getränke mit einem klaren Gesundheits- und Nachhaltigkeitsanspruch. Indem Ricola auf die klassische PET-Flasche verzichtet und stattdessen auf kompakte Würfel setzt, bedient die Firma zwei Trends gleichzeitig – Wellness und Plastikreduktion.
Die strategische Intention ist dabei weitreichender als nur ein neues Produkt im Regal.
„Es geht nicht nur um das Produkt, es geht auch darum, wie die Marke als Ganzes dadurch aufgeladen wird, in einer ganz neuen, vielleicht unerwarteten Art und Weise.“
Thomas P.
Es ist der Versuch, eine neue Generation von Konsumenten zu gewinnen, für die Ricola bisher vielleicht nur die Marke der Großeltern war.
Eine „Alpeninsel“ im Zürcher Hauptbahnhof
Um diesen Richtungswechsel zu markieren, wählte Ricola für den Launch einen Ort maximaler Sichtbarkeit: den Zürcher Hauptbahnhof. Mitten in der Bahnhofshalle, einem Knotenpunkt für fast eine halbe Million Menschen täglich, entstand eine zehn Meter hohe Installation. Wie persoenlich.com beschreibt, handelte es sich um eine Art „Alpeninsel“ mit einem hängenden Kräutergarten, Farnen und Wassernebel, entwickelt vom Zürcher Atelier Monster&Drama.

Die Wahl des Ortes war kalkuliert. Ricola wollte die idyllische Welt der Alpen direkt in den urbanen Alltag bringen. Die Inszenierung spielte zudem mit einem tief verwurzelten kulturellen Aspekt der Schweiz: der Identifikation mit dem hochwertigen Leitungswasser aus öffentlichen Brunnen.
Die Installation diente nicht nur als Werbetafel, sondern als interaktives Erlebnis. Pendler konnten die Drink Cubes direkt probieren und die Marke in einem Kontext erleben, der weit entfernt von der Apotheke oder dem Wintervorrat im Schrank liegt. Es war ein Versuch, „Swissness“ in konzentrierter Form zu verkaufen.
Zwischen Erfrischung und Medizin: Die Passanten-Urteile
Die theoretische Markenstrategie muss sich jedoch an der harten Realität des Geschmacks messen. Ein Geschmackstest von 20 Minuten mit Passanten in Zürich zeigt ein geteiltes Bild. Im Fokus stand die Variante mit Zitronen-Verbene-Geschmack.
Während eine Gruppe von Gymnasiastinnen das Getränk als erfrischend und gesund empfand und Bewertungen zwischen sieben und acht von zehn Punkten vergab, reagierten Touristen aus England und den Vereinigten Arabischen Emiraten skeptischer. Für sie war die Kräuternote zu dominant oder in die falsche Richtung gelenkt.
Besonders brisant: Mehrere Tester assoziierten den Geschmack mit Medikamenten. Während einige dies als positiv-gesund wahrnahmen, empfanden andere es als störend.
„Es schmeckt nach guter Medizin. Wenn ich krank wäre und das trinken müsste, wäre ich nicht enttäuscht.“
Diese Ambivalenz ist für Ricola ein Risiko. Die Marke will weg vom Image des „Heilmittels“ bei Erkältungen, doch genau diese DNA scheint in den Drink Cubes noch stark präsent zu sein. Wenn ein Erfrischungsgetränk zu sehr nach Medizin schmeckt, könnte dies die angestrebte Verjüngung der Käuferschaft bremsen.
Wirtschaftlicher Druck und das Risiko des Flopps
Die Einführung der Drink Cubes erfolgt nicht in einer Zeit der absoluten Ruhe. Wie Blick berichtet, kämpft Ricola derzeit mit erheblichen Turbulenzen auf seinem wichtigsten Markt, den USA. Zoll-Probleme haben dort zu Millionenverlusten und massiven Rückforderungen geführt.

Vor diesem Hintergrund wirken die Drink Cubes wie der Versuch, ein neues, stabiles Standbein aufzubauen. CEO Thomas P. Meier ist sich der Risiken bewusst. In der Konsumgüterindustrie scheitern zwei Drittel aller Neuheiten innerhalb des ersten Jahres. Die Schweiz dient nun als Testmarkt für eine potenzielle globale Expansion.
Auch die Preisgestaltung ist ein kritischer Punkt. Pro Packung verlangt Ricola fast zehn Franken, was im Vergleich zu anderen Mitnahmeprodukten am oberen Ende liegt. Rechnet man es jedoch herunter, kostet ein einzelner Würfel für 400 bis 600 ml Wasser weniger als 80 Rappen – womit er günstiger ist als viele kommerzielle Vitaminwässer in PET-Flaschen.
Interessant ist zudem die Verpackung: Die luftdicht verschlossenen Blister erinnern bewusst an Medikamentenverpackungen. Dies unterstreicht die funktionale Ausrichtung des Produkts, verstärkt aber gleichzeitig die Assoziation mit der Apotheke.
Ein riskantes Manöver in einem Milliardenmarkt.
Ob die Drink Cubes tatsächlich die gewünschte Ganzjahres-Relevanz bringen, wird sich erst in der nächsten Phase zeigen. Ricola hat sich einen klaren Zeitplan gesetzt: Im zweiten Halbjahr 2027 wird eine erste Bilanz gezogen. Erst dann entscheidet die Geschäftsführung, in welchen weiteren Ländern die Kräuterwürfel den Weg in die Wassergläser finden sollen.