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Technik und Wissenschaft

Warum manche Menschen in Gruppen schweigen und oft falsch eingeschätzt werden

Wer in grösseren Gruppen schwiegt, gilt oft schnell als schüchtern oder desinteressiert. Kommunikationsforschung und aktuelle Studien zeigen jedoch, dass aktives Zuhören, Redeanteile und situative Faktoren völlig andere Gründe für das Schweigen liefern und Vielredner im Berufsleben häufig fälschlicherweise für kompetenter gehalten werden.

In grösseren Gruppen gibt es Menschen, die sofort das Wort ergreifen, während andere aufmerksam zuhören und fast nichts sagen. Dabei erfüllt das Schweigen oft ganz andere Funktionen.

Gesprächsdynamiken und ungleiche Redeanteile in Gruppen

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Dass Gespräche in Gruppen ungleich verteilt sind, ist in der Kommunikationsforschung gut dokumentiert. Bereits Anfang der 1990er-Jahre untersuchten die Psychologen Garold Stasser und Laurie Taylor, wie sich Gesprächsbeiträge verteilen. Ein grosser Teil der Kommunikation findet demnach zwischen einzelnen Personen statt, während andere Mitglieder zuhören.

Mit wachsender Gruppengrösse verstärkt sich dieser Effekt noch. Es entstehen mehr Stimmen, Unterbrechungen und unterschiedliche Dynamiken, sodass wer etwas sagen möchte, den richtigen Moment finden muss. Für manche ist es deshalb naheliegend, zunächst passiv zu bleiben und abzuwarten.

Die unterschätzte Rolle des Zuhörens beim Verarbeiten von Informationen

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Zuhören ist weit mehr als nur den Mund zu halten. Während eines Gesprächs verarbeitet das Gehirn gleichzeitig zahlreiche Informationen: Es analysiert, was eine andere Person sagt, wie es gemeint ist, wie die übrigen Gruppenmitglieder reagieren und wann ein günstiger Zeitpunkt für einen eigenen Beitrag wäre. Personen, die nicht durchgehend sprechen, setzen einen Teil ihrer Aufmerksamkeit genau für diese Informationsverarbeitung ein.

Besonders Menschen, die vor dem Sprechen lieber nachdenken, wägen verschiedene Argumente ab oder verschaffen sich erst ein genaues Bild der Situation. Sie melden sich erst zu Wort, wenn sie das Gefühl haben, wirklich etwas Substanzielles beitragen zu können.

Einfluss von Redezeit auf die Wahrnehmung von Führungsstärke

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Im Berufsleben führt dieses Verhaltensmuster zu spürbaren Effekten. Dort wird Redezeit im Alltag leicht mit Kompetenz verwechselt. Eine im Jahr 2020 im Fachjournal «The Leadership Quarterly» veröffentlichte Untersuchung widmete sich genau diesem Zusammenhang. Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass die Menge der Redezeit stark beeinflusst, wie eine Person innerhalb einer Gruppe als Führungspersönlichkeit wahrgenommen wird.

Das Phänomen ist bemerkenswert, weil viel zu reden und eine gute Idee zu haben zwei völlig unterschiedliche Dinge sind. Wer schnell reagiert und sich regelmässig einmischt, wird von anderen schlicht stärker wahrgenommen. Eine zurückhaltende Person kann hingegen exzellente Gedanken haben, ohne dass diese überhaupt in die Diskussion einermünden.

Warum Introversion nicht automatisch gleichbedeutend mit Schweigen ist

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Ein weit verbreitetes Missverständnis ist zudem die Gleichsetzung von Stille und Introversion. Introversion beschreibt in der Psychologie keineswegs jemanden, der pauschal wenig redet oder schüchtern ist. Introvertierte Menschen können durchaus gesellig, selbstbewusst und kommunikativ sein, bevorzugen häufig lediglich weniger soziale Reize oder benötigen nach intensiven Kontakten mehr Zeit für sich.

Umgekehrt können auch sehr extrovertierte Menschen in einer bestimmten Gruppe ungewöhnlich ruhig bleiben, wenn sie die anderen Personen kaum kennen, das Thema sie nicht interessiert oder sie erst die Gruppendynamik beobachten möchten. Wie viel jemand redet, hängt mithin von der Persönlichkeit, der Situation, dem Thema, der Gruppengrösse und der Vertrautheit ab.

Warum kluge Menschen in der Öffentlichkeit schweigen — Niccolò Machiavelli
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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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