Der Musicalklassiker Chicago feierte am 24. Oktober 2026 seine umjubelte Premiere an der Volksoper Wien. Hausherrin Lotte de Beer inszenierte das berühmte Werk von John Kander, Fred Ebb und Bob Fosse erstmals an diesem Haus und entkleidet die Satire über Sensationsgier und True Crime bewusst von jeglichem Broadway-Glamour.
Eine späte Wien-Premiere an der Währinger Straße
Man stelle sich vor, an der Staatsoper wäre noch nie der Figaro zu hören gewesen. So absurd diese Vorstellung wirkt, so erstaunlich ist es, dass das Hitstück Chicago bis zum 24. Oktober 2026 noch nie auf der Bühne der Volksoper Wien zu sehen war. Hausherrin Lotte de Beer holte den Klassiker nun an das Haus am Gürtel und machte damit ein langes Versäumnis wett. Das Werk aus dem Jahr 1975, das am New Yorker Broadway unter der Leitung von Bob Fosse zu einem großen Erfolg geführt wurde, blickt in Wien auf eine bewegte Geschichte zurück. Das Theater an der Wien zeigte den Hit in zwei früheren Serien, nämlich 1979 sowie im Jahr 1998.
Die Vereinigten Bühnen Wien wie die Volksoper oder die Seebühne in Mörbisch versorgen ihr Publikum heute lieber mit flotten alten Musicals als mit der noch älteren heimischen Operette, wie Kritiker anmerken. Unter der Regie von Lotte de Beer und mit dem Dirigat von Maayan Franco geht die Volksoper bei ihrer aktuellen Produktion jedoch einen visuell eigenwilligen Weg, der komplett auf glänzenden Revue-Glanz verzichtet. Das von Christof Hetzer entworfene Bühnenbild besteht aus einer kargen Drehbühne mit Wandaufbau und einer großen Treppe, die als Kulisse für Show, Knast und Gericht dient. Die Rückseite der Drehbühne bietet zusätzliche Räume für intimere Monologe und Kletterpartien an einer Gerüstwand. Die Kostüme von Jorine van Beek nehmen zwar Anleihen an der Entstehungszeit des Stücks, wirken jedoch bewusst schlichter, zeitloser und oft unvollständig, um den Vaudeville-Charakter zu unterstreichen. Während die Boulevardpresse als historische Ahnherrin der heutigen Social-Media-Pest und Fake-News-Schleuder damals die echten Kriminalfälle sabbernd aufgriff, Mörderinnen kurzzeitig zu Medienstars machte und die Öffentlichkeit elektrisierte, blickt die Inszenierung ohne falsche Illusionen auf diese Maschinerie.

Bettina Mönch und Myrthes Monteiro im tödlichen Medienkampf
Bettina Mönch glänzt in der Rolle der Roxie Hart, die ihren Lover erschießt, nachdem dieser mit ihr Schluss machen wollte, und daraufhin verhaftet wird. Mönch beeindruckt durch eine präzise schauspielerische und körperliche Leistung in ihrer Wandlung von tapsig über kaltblütig bis hin zu gebrochen. Thomas Höfner ist in der Rolle des getöteten Liebhabers Fred Casely zu erleben. Als ebenso ehrgeizige wie stimmgewaltige Widersacherin agiert Myrthes Monteiro als Velma Kelly. Monteiro bringt zwar eine enorme Wut im Witz und eine starke Präsenz mit, kämpft bei den energiegeladenen Choreografien von Arielle Smith jedoch gelegentlich mit ihrem Atem. Die temporeichen und akrobatischen Tänze verlangen den Darstellenden eine enorme physische Kraft ab; es wird intensiv getanzt, geturnt, gekämpft und die Treppen hinuntergefallen, wobei sich niemand schont und das gesamte Ensemble eine bis in die letzte Reihe spürbare Körperlichkeit zeigt.
Da habe ich einen Warnschuss abgegeben – in seinen Kopf.
Bettina Mönch als Roxie Hart, in der Volksoper Wien
Um den satirischen und zugleich brutalen Kern des Vaudeville-Musicals zu betonen, besetzte die Regie den traditionellen Nummernansager mit drei jugendlichen Darstellern: Hannah Lehner, Michael Mocnik und Victoria Schnul. Sie führen als humorvolle Verfremdung durch den Abend und baden zunächst in der Sensationsgeilheit. Im bekannten Zellblocktango
vermischen sich Humor, Satire und blutiger Ernst, wenn die Insassinnen darüber singen, auf welche Weise sie ihre Opfer ermordet haben. Zu den weiteren Darstellerinnen im Frauengefängnis gehören Maura Oricchio als Liz, Jamie Petutschnig als Annie, Isabel Saris als June, Anneka Dacres als Hunyak und Katharina Gorgi als Mona. Im Laufe der Aufführung wandelt sich die heitere Stimmung, bis schliesslich Leichen nicht mehr aufstehen, echtes Blut zu sehen ist und Roxie ihre Perücke abnimmt – ein eindringliches und schockierendes Ende.
Ein starkes Ensemble und die Parallelen zur heutigen Medienwelt
Katia Ledoux verkörpert die Gefängnisanführerin Mama Morton und verleiht dem Charakter neben der erwartbaren stimmgewaltigen Kraft einer klassisch ausgebildeten Mezzosopranistin auch markante R&B-Vibes. Lionel von Lawrence gibt den eleganten, aber wenig furchteinflößenden und perfekt schmierigen Showman sowie Staranwalt Billy Flynn, mit dem die Inhaftierten um Gunst und Aufmerksamkeit ringen, um ihre Gerichtsprozesse für sich zu entscheiden. Jakob Semotan übernimmt die Rolle des treuherzigen Amos Hart, während Ursula Pfitzner als Mary Sunshine auf der Bühne steht.
In der Rezeption zeigt sich das Stück als zeitlos. Die Mechanismen, mit denen Insassinnen eines Frauengefängnisses in den Medien viral gehen wollten, um der Todesstrafe zu entkommen, spiegeln auch die gegenwärtige Sensationslust wider. Ob Zeitungsreporter im Trenchcoat oder moderne Algorithmen: Das System der medialen Aufmerksamkeitsökonomie bleibt unverändert, wobei Tänzerinnen und Tänzer in Trenchcoats sich für die Bühne hervorragend choreografieren lassen. Getragen von den unvergesslichen Hits von John Kander und Fred Ebb, die unter der musikalischen Leitung von Maayan Franco und dem Orchester der Volksoper Wien kraftvoll erklingen, bietet die Inszenierung einen schwungvollen und vielschichtigen Abend. Für das Publikum sind im weiteren Spielplan zahlreiche Aufführungen angesetzt, darunter am 31. Oktober, im November, Dezember sowie im neuen Jahr bis hin in den Juni 2027.

Das von APA verbreitete Fazit bringt den Erfolg des Abends auf den Punkt: Wien darf nicht nicht ‚Chicago‘ werden.