„Eyes Wide Open“: Die Aufmerksamkeitsökonomie als Programm

Kurzfilm ist heute mehr als nur ein Format für Nachwuchstalente; er ist das perfekte Spiegelbild unserer fragmentierten Wahrnehmung. Dass der neue künstlerische Leiter Max Bergmann für die aktuelle Ausgabe das Thema Aufmerksamkeit ins Zentrum rückt, ist ein strategischer Kommentar zur digitalen Gegenwart. In einer Ära, in der Social-Media-Algorithmen die Sichtbarkeit in Sekundenbruchteilen entscheiden, positioniert sich das Festival als bewusster Gegenpol.
„In einer Zeit, in der unsere Aufmerksamkeit zur umkämpften Ressource geworden ist, wollen wir Räume schaffen, in denen wir wieder genauer hinsehen können.“
Max Bergmann, künstlerischer Leiter, via wien.ORF.at
Diese Philosophie zieht sich durch das gesamte Programm. Bergmann versteht Aufmerksamkeit nicht nur als psychologisches Phänomen, sondern als soziale Verantwortung und politische Haltung. Es geht darum, den Blick gezielt auf gesellschaftliche Entwicklungen zu lenken, statt sich dem ständigen Rauschen digitaler Plattformen hinzugeben.
Selbst die Vermarktung des Festivals spielt mit dieser Idee. Wie Der Standard berichtet, nutzte die Trailer-Gestalterin Gala Hernández López eine Spezialkamera der Harvard University, die Lichtpolarisation aufnimmt, um eine abstrakte visuelle Sprache zu schaffen. Die zentrale Frage des Trailers – „Glaubst du nicht, dass sie vielleicht das Gleiche sind: Liebe und Aufmerksamkeit?“ – setzt den emotionalen Rahmen für die kommenden sechs Tage.
Wettbewerbsdruck und die neue ORF-Auszeichnung

Die quantitative Dimension der Vienna Shorts unterstreicht die Relevanz des Festivals. Aus insgesamt 6.000 Einreichungen wurden 352 Filme ausgewählt. Das Wettbewerbsfeld ist dabei hochkarätig und international besetzt: 84 Filme aus 33 Ländern kämpfen in zwei nationalen und zwei internationalen Wettbewerben um Anerkennung.
Die Einsätze sind hoch. Neben einem gesamten Preisgeldpool von über 30.000 Euro stehen Qualifikationen für die prestigeträchtigsten Preise der Branche auf dem Spiel:
Eine bemerkenswerte Neuerung in diesem Jahr ist die Einführung eines Publikumspreises im Österreich-Wettbewerb. Erstmals können die Zuschauer den besten heimischen Dokumentarfilm auszeichnen. Dieser Preis ist mit 2.500 Euro dotiert und wird von ORF Wissen gestiftet, um österreichischen Dokumentarfilmen eine noch größere Sichtbarkeit zu verschaffen.
Von Gesundheitssystemen bis Queer Cinema: Gesellschaftskritik im Fokus
Die Kuratierung zeigt, dass das Festival die Kürze des Formats nutzt, um präzise und schmerzhafte Kritik zu üben. Ein Beispiel ist der Film „3 cm of Complexity“ der Künstlerin Anna Vasof. Laut Falter verbindet Vasof optische Experimente und lustige Filmtricks mit einer harten Kritik am österreichischen Gesundheitssystem, basierend auf ihren eigenen Erfahrungen mit gesundheitlichen Problemen und langen Wartezeiten.
Parallel dazu fungiert das Programm „Queer Cinema Austria 1906–2026“ als cineastische Zeitkapsel. Besonders hervorzuheben ist hier ein Projekt der Medienwerkstatt Wien aus dem Jahr 1980, „Volks stöhnende Knochenschau“. Der Film dokumentiert eine damalige Straßenbefragung zur Homosexualität und konserviert so nicht nur die Sprache und Mode der frühen 80er Jahre, sondern auch den gesellschaftlichen Diskurs jener Zeit.
Die Themenvielfalt reicht bis in die dystopische Analyse unserer digitalen Abhängigkeit. Das Musikvideo zu „Perfect World“ von Monolink (Regie: Nicola von Leffern und Helen Esther Aschauer) thematisiert die Onlinesucht in einer Welt, in der Menschen die reale Vielfalt ignorieren, weil sie nur noch auf Bildschirme starren – inklusive der physischen Folge der „Nackenverkümmerung“.
Visuelle Innovationen und der MUVI-Preis

Das Festival beschränkt sich nicht auf klassische Kinosäle. Die Vorführungen finden an Orten wie dem Gartenbaukino, dem Metro Kinokulturhaus, dem Österreichischen Filmmuseum und dem Mumok Kino statt. Sogar ein umgebauter Lkw mit 15 Sitzplätzen, das sogenannte Milieukino, parkt im Museumsquartier, um das Kino in den öffentlichen Raum zu tragen.
Ein Highlight für die Musik- und Videobranche ist die Verleihung des Österreichischen Musikvideopreises, kurz MUVI. Wie The Gap berichtet, findet die Veranstaltung am 29. Mai im Metro Kinokulturhaus statt. Nach der Präsentation der nominierten Videos folgt die Preisverleihung, ergänzt durch ein Konzert der Band Farce.
Die Vienna Shorts beweisen damit einmal mehr, dass die Kürze des Formats kein Hindernis, sondern ein Katalysator für Innovation ist. In einer Zeit der permanenten Ablenkung ist die bewusste Entscheidung für das konzentrierte Sehen – „Eyes Wide Open – Matter of Attention“ – fast schon ein politischer Akt. Die kommenden Tage werden zeigen, welche Visionen aus 66 Ländern die Jury und das Publikum am meisten fesseln konnten.