Am Freitag, den 29. Mai 2026, öffnen österreichweit rund 600 Kirchen ihre Pforten für die „Lange Nacht der Kirchen“. Unter dem Motto „MUTeinander“ laden über 1.700 Veranstaltungen zu Begegnung und Kultur ein. Das Event zielt darauf ab, durch vielfältige spirituelle und kuriose Angebote neue Zugänge zum Glauben in der gesamten Bevölkerung zu schaffen.
Die Kirche kämpft seit Jahren mit sinkenden Mitgliederzahlen und einer zunehmenden Distanz der Gesellschaft zu traditionellen religiösen Institutionen. Die „Lange Nacht der Kirchen“ ist der Versuch, diese Lücke durch eine kurzfristige, eventorientierte Strategie zu schließen. Das diesjährige Motto „MUTeinander“ – ein Wortspiel aus Mut und Miteinander – signalisiert dabei eine bewusste Abkehr von der rein liturgischen Routine hin zu einem offenen Dialog.
Wie Osttirol-Heute berichtet, sieht der Innsbrucker Diözesanbischof Hermann Glettler in dem Programm eine notwendige Antwort auf eine beschädigte gesellschaftliche Zuversicht. Das Ziel ist es, die „Mut-Ressourcen“ der Menschen aufzufüllen.
Wiener Programmpunkte: Vom Abseilen bis zum Abendessen mit dem Erzbischof
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In der Hauptstadt konzentriert sich die Aktion auf eine enorme Dichte: Über 170 ökumenische Kirchen bieten rund 1.000 Stunden Programm an. Dabei reicht das Spektrum von tiefgehender Spiritualität bis hin zu spektakulären Attraktionen, die kaum einen Bezug zum klassischen Gottesdienst haben.
Besonders hervorzuheben ist die Erlöserkirche in Liesing. Hier wird Mut im physischen Sinne gefordert: Besucher können sich unter dem Motto „Nimm dein Herz in die Hand und flieg“ etwa 18 Meter durch die Klosterkirche abseilen. Die Sicherheit wird dabei von Mitarbeitern des Alpenvereins gewährleistet. Laut DiePresse findet dieser spezifische Programmpunkt bereits ab 15 Uhr statt.
Parallel dazu setzt die Kirche auf exklusive soziale Netzwerke. Im Erzbischöflichen Palais wird ein Abendessen organisiert, bei dem Erzbischof Josef Grünwidl und die evangelische Bischöfin Cornelia Richter gemeinsam mit Gästen aus Politik und Wirtschaft an einem Tisch sitzen. Da die Plätze begrenzt sind, erfolgt die Zuteilung über eine Verlosung.
Der Stephansdom wiederum nutzt die Nacht für eine Kombination aus Musik und Kunst. Neben einem Konzert der Organistinnen Sophie Magnanini und Zuzanna Mika auf der Riesenorgel gibt es zwei bedeutende Ausstellungen:
Fünfzehn großformatige Gemälde des Österreichers Herwig Zens im Dachboden, die zuvor im österreichischen Hospiz in Jerusalem hingen.
Die 77 Kreuze von Arnulf Rainer aus der Sammlung Werner Trenker.
Interessanterweise könnte die Besucherzahl im Dom diesmal höher ausfallen als üblich, da die Pensionierung von Dompfarrer Toni Faber im nächsten Jahr bereits öffentlich diskutiert wird.
Die Rolle der Klöster und regionale Schwerpunkte in Osttirol
Einladung zur Langen Nacht der Kirchen im Diözesanhaus
Abseits der urbanen Zentren spielen Stifte und Klöster eine zentrale Rolle als Besucher magnete. Sie verbinden Architektur und Spiritualität mit Natur. Insgesamt gibt es heuer fast 350 Veranstaltungen an 80 Standorten mit Ordensbezug.
Die Angebote variieren stark je nach Haus. Während im Stift Göttweig die Patres zu einem „Biertrinken für den guten Zweck“ einladen, setzt die Stiftsbasilika St. Florian auf eine literarische Lesung und Musik der Brucknerorgel. In Klagenfurt bei den Elisabethinen wird das Erbe der Habsburger-Erzherzogin Maria Anna von Österreich präsentiert, und in der Innsbrucker Jesuitenkirche findet ein Blockflötenkonzert in der Krypta statt.
In Osttirol zeigt sich die regionale Verankerung besonders in Lienz und Außervillgraten. In der Franziskanerkirche St. Marien und dem dazugehörigen Kloster steht die Unterstützung verfolgter Christen weltweit im Fokus, ergänzt durch einen Vortrag über den Tiroler Märtyrer Engelbert Kolland durch Pater Martin Bichler OFM. In Außervillgraten wird die Nacht hingegen musikalisch durch das Programm von Andreas Schätzle, dem Kirchenchor und der Familienmusik Weitlane gestaltet.
Ökumenische Reichweite und internationale Vernetzung
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Die „Lange Nacht der Kirchen“ ist kein rein katholisches Projekt, sondern eine ökumenische Großveranstaltung. Alle Kirchen, die im Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) vertreten sind, nehmen teil. Auch die orthodoxe Kirche ist involviert; so werden in der Wiener griechisch-orthodoxen Kathedrale zur Hl. Dreifaltigkeit und der benachbarten Georgskirche Führungen angeboten.
Die Dimension des Events ist beachtlich. Laut ORF Religion rechnen die Veranstalter erneut mit etwa 300.000 Besuchern österreichweit. Die Teilnahme erstreckt sich über fast alle Diözesen, mit einer einzigen Ausnahme: Die Diözese Feldkirch pausiert im Jahr 2026.
Die Aktion überschreitet zudem nationale Grenzen. In Tschechien beteiligen sich landesweit rund 1.600 Kirchen an der Initiative, was die „Lange Nacht“ zu einem zentralen europäischen Instrument der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit macht.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Kirche hier ein hybrides Modell fährt: Einerseits wird die Tradition gewahrt (Orgelkonzerte, Klosterführungen), andererseits wird die Grenze zum Event-Tourismus bewusst überschritten (Abseilen, Bierverkauf).
Ob diese Strategie langfristig zu einer dauerhaften Rückkehr in die Kirchenbänke führt oder lediglich als kurzfristiger Besucher-Peak fungiert, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch, dass die Kirche mit dem Konzept „MUTeinander“ versucht, die Schwelle für Skeptiker und Neugierige so niedrig wie möglich zu halten.
Jonas Becker verantwortet das Nachrichtenressort von Germanic Nachrichten. Sein Fokus liegt auf schneller, praeziser und sauber verifizierter Berichterstattung zu Politik, Gesellschaft und aktuellen Entwicklungen in Deutschland.
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