Russische Luftangriffe auf die ukrainische Hauptstadt Kiew haben in der Nacht zum Donnerstag mindestens 11 Menschen verletzt und Wohngebäude beschädigt. Zeitgleich weitet die Ukraine ihre Angriffe auf russisches Territorium aus, wobei laut Berichten eine Raffinerie in Ufa sowie ein Rüstungsstandort in Pensa getroffen wurden, um die russische Logistik zu schwächen.
Zerstörungen in Kiew und Dnipropetrowsk
In Kiew schlugen in der Nacht zum Donnerstag Drohnen und Raketen auf mehrere Wohngebäude ein. Laut Angaben des Bürgermeisters Vitali Klitschko, die ORF veröffentlichte, wurden mindestens 11 Personen verletzt. In einem beschädigten neunstöckigen Wohnhaus waren Menschen eingeschlossen, während das Dach eines weiteren Hochhauses in Flammen stand. Auch ein Hotel am zentralen Schewtschenko-Boulevard wurde getroffen.Die Angriffe erfolgten unter anderem mit ballistischen Raketen. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte vor dem Schlag gewarnt und daraufhin seinen Aufenthalt in Dublin verkürzt, wo er den Beginn der sechsmonatigen EU-Ratspräsidentschaft Irlands besuchte. Bilder aus sozialen Netzwerken zeigten Anwohner, die in U-Bahn-Stationen Schutz suchten.Parallel dazu gerieten im Gebiet Dnipropetrowsk fünf Tankstellen unter Beschuss. Der Gouverneur Olexandr Hanscha bestätigte via Telegram, dass eine Frau getötet und drei weitere Personen verletzt wurden. Es brachen mehrere Brände aus.
Ukrainische Fernangriffe auf Ufa und Pensa
Photo: HandelsblattDie Ukraine hat die Reichweite und Intensität ihrer Operationen auf russischem Boden deutlich gesteigert. Laut WELT wurde eine Ölraffinerie in Ufa attackiert, die mehr als 1.300 Kilometer von der Frontlinie entfernt liegt. Dies war bereits der zweite Angriff auf diese Anlage.Ein weiteres Ziel war ein strategisch wichtiger Standort in der Region Pensa, etwa 600 Kilometer hinter der Front. Dort werden Komponenten für Raketenwaffen gefertigt, die Russland in seinen Angriffen gegen die Ukraine einsetzt. Augenzeugen berichteten von Rauchsäulen über Rüstungsbetrieben, wobei konkret eine Kugellagerfabrik sowie ein Institut für Elektromechanik genannt wurden, das Navigationshilfen für Flugzeuge und Raketen entwickelt. Die Gebietsverwaltung bestätigte den Angriff, machte jedoch keine Angaben zu den Schäden.Die geografische Ausweitung der Angriffe ist massiv. Eine Auswertung von Bloomberg zeigt, dass in diesem Jahr in fast der Hälfte aller russischen Regionen Raketenalarm ausgelöst wurde. Allein in der vergangenen Woche betraf dies mindestens fünf Regionen im Wolga-Kreis, die Region Astrachan sowie vier Regionen im Nordkaukasus. Warnungen gab es zudem in Moskau, Wladimir, Tambow, Orjol und Lipezk.
Die systematische Schwächung der russischen Kraftstoffversorgung
Explosionen in Kiew: Erneut Dutzende Verletzte bei russischen LuftangriffenDie ukrainische Strategie zielt gezielt auf die energetische Infrastruktur Russlands ab. Die Nachrichtenagentur AP ermittelte seit März mehr als 50 Angriffe auf Ölraffinerien, Lager und Terminals in Russland und auf der Krim. Einige Anlagen, wie die Raffinerie in Tuapse, wurden bis zu viermal getroffen.Diese Operationen führen zu messbaren Einbußen in der russischen Produktion. Laut dem Handelsblatt sank die Menge des im Juni verarbeiteten Rohöls im Vergleich zum Vorjahr um ein Viertel auf 3,95 Millionen Barrel pro Tag – der niedrigste Wert seit 20 Jahren.Die Auswirkungen auf den Binnenmarkt sind erheblich:
Benzinproduktion: Rückgang um 17 Prozent auf 850.000 Barrel täglich.
Kapazitätsverlust: Schätzungen zufolge ist etwa ein Drittel der russischen Raffineriekapazität außer Betrieb.
Logistische Folgen: Seit April wurden über 140 Angriffe auf Tankstellen gezählt, darunter im Gebiet Sumy.
Russland, eigentlich ein Großexporteur von Öl, sieht sich nun mit einer Treibstoffknappheit konfrontiert, die zunächst die besetzte Krim und später weitere Regionen traf. Laut Angaben des Kremls führt Moskau deshalb Gespräche über mögliche Treibstoffimporte. Der Zeitpunkt der Ausfälle ist kritisch, da mit Beginn der Erntezeit die Nachfrage im Land steigt.
Finanzielle Bedarfe und EU-Unterstützung
Während die militärische Offensive gegen russische Ziele voranschreitet, wächst der finanzielle Druck auf Kiew. In einem Brief an die Europäische Union, den Reuters vorliegt, bittet Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow um die Bereitstellung von 6,6 Milliarden Euro aus der Europäischen Friedensfazilität (EPF).Die Gesamtkosten für den Verteidigungsbedarf der Ukraine werden für dieses Jahr auf rund 136 Milliarden Euro geschätzt. Der ukrainische Haushalt kann davon etwa 53 Milliarden Euro abdecken, was eine massive Abhängigkeit von externen Gebern unterstreicht.Die Situation der Zivilbevölkerung bleibt prekär. Millionen Menschen sind weiterhin auf Unterstützung angewiesen, insbesondere in Regionen ohne verlässigen Zugang zu Strom, Heizung oder medizinischer Versorgung, was internationale Hilfsorganisationen zu verstärkten Spendenaufrufen bewegt.
Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.
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