17,9 Tonnen Kunststoffgranulat gelangten am 19. Juli 2026 nach einer Schiffskollision im Tyne-Ästuar in den Fluss.
Kollision im Port of Tyne führt zu Pellet-Verschmutzung
Am 19. Juli 2026 kam es im Port of Tyne zu einer Kollision zwischen zwei Schiffen, bei der ein Container mit winzigen Plastikpellets in den Fluss geriet. Die Ladung bestand aus schätzungsweise 17,9 Tonnen Nurdles, was etwa 850 Millionen Stück entspricht. Damit handelt es sich um eine der schwersten Kunststoff-Pellet-Verschmutzungen in einem europäischen Ästuar.
Nurdles sind nur wenige Millimeter groß und dienen als Rohstoff für die Plastikindustrie. Durch ihre geringe Größe und Eigenschaft, sich leicht im Wasser zu verteilen, sind sie extrem schwer einzufangen, sobald sie freigesetzt werden. Sie sind biologisch nicht abbaubar und können über Jahre hinweg in Flussufern, Salzwiesen und Stränden verbleiben, wo sie von Tieren mit Fischnaiken verwechselt und gefressen werden können.

Computer-Modellierung der Newcastle University verfolgt den Verbleib der Pellets
Um die Verteilung der Millionen Pellets nachzuvollziehen, entwickelte ein Forscherteam der Newcastle University ein detailliertes Computermodell des Tyne-Ästuars und der angrenzenden Nordsee. Das Modell bildet Gezeiten, Flussströme, Wind und Wellen exakt nach und gibt die Timing- und Größenverhältnisse gemessener Gezeiten an der Küste in North Shields sowie stromaufwärts in Gateshead präzise wieder.
Die Wissenschaftler simulierten den Unfall durch das Freisetzen von 10.000 virtuellen Partikeln. Die Ergebnisse zeigen, dass ein Großteil des Materials den Fluss rasch verließ. Bereits am 3. August 2026 hatten rund 62 Prozent der Pellets den Fluss passiert und waren in die See gelangt. Dennoch blieb ein substanzieller Teil zurück. Bis Ende August befanden sich schätzungsweise noch immer 16 Prozent der Pellets im Ästuar.
Bergungsbilanz zeigt zurückgebliebene Pellets
Bis zum 3. September 2026 waren offiziellen Angaben zufolge rund 4,78 Tonnen gereinigtes Material durch Einsätze an Wasser und Küsten geborgen worden. Insgesamt beläuft sich die bislang aus Wasser und Stränden geborgene Menge auf diesen Wert.
Die Strömungen und Wellen beeinflussten die Wege der Pellets außerhalb des Flusses stark. In einem im Modell betrachteten Szenario wanderten die treibenden Plastikteilchen Anfang August zunächst Richtung Nordküste, um sich in den darauffolgenden Wochen nach Süden zu verlagern. Berücksichtigt man alle bisherigen Reinigungsaktionen, verblieben laut den Forschern rund 2,2 Tonnen Pellets – etwa ein Achtel der Gesamtmenge – sechs Wochen nach dem Unfall im Ästuar.
Das Forschungsprojekt der Hochschule unter dem Titel „Against the flow“ startet in diesem Herbst mit Feldarbeiten, bei denen Drohneneinsätze, Netzproben über den gesamten Gezeitenzyklus, Sedimentproben und Laboranalysen kombiniert werden. Auch die Bevölkerung wird eingebunden, um Sichtungen von Pellets zu melden.
Dr. Matt Perks, der das Forschungsprojekt der Newcastle University zu diesem Vorfall leitet, erklärte, dass aufgrund der niedrigen Flusspegel seit Juli die Pellets, die den Ästuar hinaufwanderten und abgelagert wurden, kaum Antrieb hatten, sich weiterzubewegen. Er betonte, dass bei erhöhten Flussabflüssen ein Teil dieses Materials wahrscheinlich flussabwärts gespült werde und daher jetzt der richtige Zeitpunkt sei, zu prüfen, wo es abgefangen werden könne.
Risiken für Meeresfauna und Monitoring-Plan
Die wissenschaftliche Beratungseinrichtung für den Vorfall, die Scientific and Technical Advice Cell (STAC), erhält vom Forscherteam die Auswertungen, um die nächsten Schritte und Interventionszeitpunkte zu planen. Dr. Seb Pitman, Senior Lecturer in Physical Geography, betonte zudem, dass die Verteilung der übrigen Pellets im offenen Meer weniger vorhersehbar sei und die entsprechenden Karten als Wahrscheinlichkeiten und nicht als exakte Prognosen verstanden werden müssen.
Auch die langfristigen ökologischen Folgen bleiben ungewiss. Professor Bhavani Narayanaswamy vom Scottish Association for Marine Science erklärte, dass es Monate oder Jahre dauern kann, bis die vollen Auswirkungen verstanden sind, da Nurdles Giftstoffe an sich binden und von Seevögeln mit Nahrung verwechselt werden können. Dan Turner, der den North East England Beached Bird Survey koordiniert, berichtete, dass die Gruppe bereits mehrere tote Vögel an der Küste eingesammelt hat, die im kommenden Monat auf Plastikpartikel untersucht werden sollen.
Das dortige Feldteam plant zudem, die Bewegungen der Pellets mit den Gezeiten direkt zu messen, um die gemachten Vorhersagen weiter zu überprüfen und zu verbessern. Einige lokale Gemeinschaften haben sich in der Vergangenheit bereits an Stränden wie Whitley Bay versammelt, um bei den Aufräumarbeiten mitzuhelfen, während die Verantwortlichen die wissenschaftlichen Empfehlungen zur Bewältigung des Umweltereignisses fortlaufend auswerten.
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