Mehr als sechs Wochen nach einer Schiffskollision im Tyne-Ästuar in England sind Schätzungen zufolge noch rund 2,2 Tonnen winziger Plastikpellets in den Gewässern verblieben. Forscher der Newcastle University warnen vor ansteigenden Flusspegeln im Herbst, die das verbleibende Material flussabwärts spülen könnten.
Am 19. Juli 2026 kollidierten zwei Schiffe am Port of Tyne und verloren Container mit Plastikpellets. Dabei gelangten etwa 17,9 Tonnen sogenannter Nurdles in das Gezeitengewässer des Flusses. Die etwa 850 Millionen winzigen Kunststoffkügelchen dienen als Rohmaterial für die Plastikindustrie. Sie verteilten sich rasch über Strömungen, Wind und Wellen im Ästuar und der Nordsee.
Modellierung und Verbleib der Plastikpellets im Tyne-Ästuar
Wissenschaftler der Newcastle University entwickelten ein detailliertes Computermodell des Ästuars und der benachbarten Nordsee. Die Simulation berücksichtigt Gezeiten, Winde sowie Flussverläufe und wurde anhand von Pegelmessungen in North Shields und Gateshead geeicht.
Die Auswertung zeigt, dass ein Großteil der Pellets den Fluss sehr schnell verließ. Bis zum 3. August 2026 waren schätzungsweise 62 Prozent der freigesetzten Kunststoffmenge aus dem Fluss getragen worden. In den darauffolgenden Wochen verlangsamte sich die Ausbreitung jedoch deutlich. Wegen der anhaltend niedrigem Wasserstände verblieben um den 30. August rund 16 Prozent im Ästuar.

Dr. Seb Pitman von der Newcastle University erklärte, dass aufgrund der niedrigen Flusspegel seit Juli die Pellets, die sich flussaufwärts bewegten und abgelagert wurden, kaum Antrieb hatten, um sich weiterzubewegen. Er fügte hinzu, dass bei erhöhten Flusspegeln ein Teil dieses Materials wahrscheinlich flussabwärts gespült werde und es wichtig sei, zu prüfen, wo es abgefangen werden könne.
Unter Berücksichtigung der von Aufräumteams bereits geborgenen Mengen errechneten die Forscher einen verbleibenden Bestand von etwa 2,2 Tonnen im Flussbett, was etwa einem Achtel der ursprünglichen Fracht entspricht.
Bergungsbilanz und behördliche Risikobewertung
Offizielle Daten der zuständigen Scientific and Technical Advice Cell (STAC) zeigen, dass bis zum 3. September 2026 rund 4,78 Tonnen gereinigtes Material über Wasser- und Küsteneinsätze geborgen wurden. Zwischen dem 3. und 23. September kamen weitere 358,85 Kilogramm hinzu. Einschließlich der Mengen, die der Port of Tyne direkt aus beschädigten Containern an Bord der BG Orange abbergen konnte, gilt der größte Teil der Fracht weiterhin als verschollen.
STAC-Vorsitzender Dr. Robert Bradburne erklärte, dass eine vollständige Rückholung sämtlicher Pellets in der Natur nicht erreichbar sei. Die Auswertungen stützen sich neben der Universitätsforschung auch auf Analysen des Centre for Environment, Fisheries and Aquaculture Science (Cefas).
Dr. Robert Bradburne, Vorsitzender der STAC, betonte, dass die von der STAC bereitgestellte Beratung Bergungspartnern dabei helfe, evidenzbasierte Entscheidungen über zukünftige Bergungs-, Überwachungs- und Reaktionsaktivitäten zu treffen. Er ergänzte, dass eine fortlaufende Überwachung wichtig bleibe und die Situation weiter überprüft werden müsse, sobald neue Beweise verfügbar seien.
Unvorhersehbare Driftmuster in der Nordsee und ökologische Gefahren
Während die Daten für das Flusssystem als robust gelten, ist der Verbleib der ins offene Meer geschwemmten Pellets mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Die Offshore-Modellierung zeigt stark variierende Driftwege je nach Windrichtung und Meeresströmung. Ein von den Forschern untersuchtes Szenario beschreibt eine Bewegung der Kunststoffkügelchen an die nördlichen Küsten im frühen August, gefolgt von einer südlichen Verlagerung in den Folgewochen. Dies deckt sich mit Fundmeldungen entlang der Küste.
Experten weisen auf langfristige ökologische Risiken hin. Professorin Bhavani Narayanaswamy von der Scottish Association for Marine Science erklärte gegenüber der BBC, dass es Monate oder Jahre dauern kann, bis die vollständigen Auswirkungen des Unfalls verstanden sind. Die Kügelchen können in den Verdauungstrakt von Tieren gelangen und Schadstoffe anreichern. Dan Turner vom North East England Beached Bird Survey kündigte an, dass gefundene tote Seevögel im kommenden Monat auf verschluckte Pellets untersucht werden sollen.
Anstehende Feldforschungen im Herbst
Um die Computermodelle zu überprüfen, startet die Newcastle University in diesem Herbst ihr Projekt Against the Flow. Dabei kommen Drohnenaufnahmen, Netzproben über vollständige Gezeitenzyklen, Sedimentuntersuchungen sowie Laboranalysen zum Einsatz. Dr. Seb Pitman betonte, dass die Offshore-Karten lediglich plausible Szenarien und keine exakten Vorhersagen darstellen.
Bürger können Sichtungen sowie Fundorte, an denen keine Pellets entdeckt wurden, über eine von der Universität eingerichtete Online-Plattform melden, um die Forscher bei der Kartierung zu unterstützen.
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