Tesla hat bei europäischen Regulierungsbehörden versucht, die Zulassung für sein Full-Self-Driving-System (FSD) mit Sicherheitsstatistiken zu erwirken, die unabhängige Experten als irreführend bezeichnen. Während die Niederlande und Belgien bereits Genehmigungen erteilten, zeigen Recherchen von watson, dass Tesla Unfallzahlen manipuliert hat, um das System sicherer darzustellen, als es ist.
Die Lücke in der Statistik: Airbags und selektive Daten
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Tesla behauptete gegenüber Aufsichtsbehörden, dass die Nutzung von FSD die Straßen bis zu zehnmal sicherer mache als menschliche Fahrer. Diese Zahl stützt sich jedoch auf eine methodische Verzerrung, die von zehn der elf befragten unabhängigen Verkehrssicherheitsexperten als nicht seriös kritisiert wurde.
Der Kern des Problems liegt in der Definition eines Unfalls. Laut Berichten von Reuters zählte Tesla bei den eigenen FSD-Daten nur jene Vorfälle, bei denen die Airbags auslösten. Im Vergleich dazu flossen in die allgemeine Unfallstatistik menschlicher Fahrer in den USA alle Arten von Unfällen ein, einschließlich weniger schwerer Kollisionen, bei denen keine Airbags aktiviert wurden.
Diese Praxis führte zu einer künstlichen Senkung der Unfallrate für das FSD-System. Experten werten diese Vorgehensweise als irreführendes Marketing, das darauf abzielt, die Sicherheitsleistung des Systems gegenüber Regulierungsbehörden aufzublähen.
Vergleich von Äpfeln mit Birnen: Das Alter der Fahrzeugflotte
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Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Vergleichsgruppe. Tesla stellte seine relativ neuen Elektroautos einer US-Fahrzeugflotte gegenüber, die im Durchschnitt etwa zwölf Jahre alt ist. Da moderne Fahrzeuge unabhängig vom Autonomiestandard über wesentlich bessere Sicherheitsfunktionen verfügen, verzerrt dieser Vergleich die Ergebnisse zugunsten von Tesla.
Man würde annehmen, dass man mit einem ähnlichen, aber nicht autonom fahrenden Auto testet. Jetzt wird es mit vielen anderen Fahrzeugen verglichen, sogar mit Motorrädern. Das ist, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. Das ist enttäuschend, erklärte Steven Latré, KI-Manager beim Forschungszentrum Imec in Löwen, gegenüber vrt.be.
Zulassungsstatus in der EU: Niederlande, Belgien und Dänemark
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Trotz der Kritik an den Daten hat Tesla in einigen europäischen Märkten bereits erste Erfolge erzielt. Die niederländische Straßenverkehrsbehörde RDW genehmigte den Einsatz von FSD im April, kurz darauf folgte Dänemark. In Belgien wurde kürzlich das System Full Self-Driving Supervised zugelassen.
Die flämische Mobilitätsministerin De Ridder begründete die belgische Zulassung damit, dass das System durch einen defensiven Fahrstil und eine präzisere Einschätzung von Verkehrssituationen zur Sicherheit beitrage.
Die niederländische RDW distanzierte sich jedoch von den umstrittenen Statistiken. Die Behörde gab an, ihre Entscheidung nicht auf Marketingbehauptungen oder externe Statistiken zu stützen, sondern auf eigene Tests, Analysen und Verifizierungen auf öffentlichen Straßen und Teststrecken, wie Marketscreener berichtete.
Lobbyarbeit und die unrealistische 32.000-Leben-Prognose
Tesla nutzt die niederländische Genehmigung nun als Hebel, um eine EU-weite Zulassung zu erwirken. In dieser Phase setzt das Unternehmen auf gezielte Kommunikation mit nationalen Behörden.
Ein Beispiel hierfür ist eine E-Mail von Ivan Komusanac, einem Policy Manager bei Tesla, an die schwedischen Behörden. In einer beigefügten Präsentation behauptete Tesla, dass FSD potenziell 32.000 Menschenleben hätte retten und 1,9 Millionen Verletzungen hätte verhindern können.
Verkehrsforscher kritisieren diese Zahl als höchst irreführend. Die Berechnung basiere auf dem unrealistischen Szenario, dass jedes einzelne Fahrzeug, jeder Lastwagen und jedes Motorrad in den USA durch einen Tesla mit FSD ersetzt würde.
Parallele Risiken: Sichtprobleme und Datenschutz
Während Tesla in Europa für Zulassungen lobbyiert, sieht sich das Unternehmen in den USA mit einer verschärften Untersuchung der Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA konfrontiert. Im Zentrum stehen Unfalldaten, die auf Probleme bei schlechten Sichtbedingungen hindeuten.
Tesla verzichtet bei FSD komplett auf Laser-Radare (LiDAR) und setzt ausschließlich auf Kameras. Laut Zeit Online untersuchte die NHTSA Vorfälle, bei denen das System nicht erkannte, dass Kameras geblendet oder durch Partikel in der Luft behindert wurden. In diesen Fällen blieb eine notwendige Warnung an den Fahrer aus, was die Reaktionszeit kritisch verkürzte. Betroffen sind Modelle ab dem Jahr 2016.
Zusätzlich zu den Sicherheitsbedenken gibt es in der EU regulatorischen Widerstand bezüglich des Datenschutzes. Kritiker weisen auf den sogenannten Sentry Mode hin, bei dem Kameras die Umgebung permanent überwachen. Dies führe zu einer unzulässigen Erfassung unbeteiligter Dritter im öffentlichen Raum, was im Widerspruch zur Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) stehen könnte.
Die Kombination aus methodisch fragwürdigen Sicherheitsdaten, technischen Schwachstellen bei der Sicht und datenschutzrechtlichen Konflikten erschwert Teslas Ziel, FSD als Standard für den europäischen Markt zu etablieren. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die EU-weiten Behörden den Weg der Niederlande gehen oder die Warnungen der unabhängigen Experten stärker gewichten.
Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.
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